Frank Überall wurde im November 2019 für zwei weitere Jahre zum Bundesvorsitzendes des Deutschen Journalisten-Verbandes DJV gewählt. Foto: imago/Reiner Zensen
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DJV-Vorsitzender Frank Überall „Für Kulturpessimismus gibt es keinen Anlass“

Der alte und neue DJV-Vorsitzende Frank Überall über Wege in den Journalismus, Bezahlmodelle im Netz – und die Frage, ob Rezo in seinem Verband Mitglied werden könnte.

Herr Überall, als Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes vertreten Sie 32 000 Journalisten in Deutschland. Wie sind Sie selbst zu dem Beruf gekommen?

Angefangen hat es bei mir in der Schule. Ein Freund konnte gut Comics zeichnen, ich hatte ein gewisses Talent zum Schreiben und habe die Texte zu den Karikaturen über unsere Lehrer geschrieben. Daraus wurde eine Klassen- und eine Schülerzeitung – da hatte ich Blut geleckt. Später fing ich beim „Kölner Wochenspiegel“ an, dessen Chef der Meinung war, dass auch Anzeigenblätter gute und exklusive Geschichten machen können. Das hat mir unheimlich viel Spaß gemacht. Über Stationen bei verschiedenen Zeitungen und als freier Mitarbeiter bei der Deutschen Presse-Agentur habe ich mit 22 Jahren beim WDR angefangen. Dabei habe ich es immer geliebt, freier Journalist zu sein. Die einzige Festanstellung, die mir genug finanzielle Unabhängigkeit gibt, ist seit sieben Jahren die Professur an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln.

In welcher Form sind Sie beim DJV angestellt?
Ich wurde vor vier Jahren zum Vorsitzenden gewählt. Das ist ein Ehrenamt, für das ich nun erneut kandidiere. Von der Aufwandsentschädigung kann und soll man nicht leben. Das ist völlig in Ordnung, auch wenn das Amt sehr raumgreifend ist.

Wie man an Ihnen sieht, gibt es die unterschiedlichsten Ausgangspunkte für eine Karriere im Journalismus. Was empfehlen Sie heutigen Berufseinsteigern?
Zunächst einmal: In den 80er Jahren waren Anzeigenblätter in einigen Regionen vollwertige publizistische Angebote mit einem spannenden redaktionellen Konzept. Man darf nicht vergessen: Das war im Vor-Internet-Zeitalter. Ich konnte zum Glück sehr früh alle journalistischen Genres machen: Radio, Fernsehen, Print, Agentur, später Internet.

Doch wie verhält es sich für Menschen, die sich heute für den Journalistenberuf interessieren?
Es ist viel einfacher geworden, sich an die Öffentlichkeit zu wenden, auch in nicht journalistischer Art. Die Frage ist: Wo gibt es Plattformen – egal ob gedruckt, als Podcast oder was auch immer –, auf denen Journalismus erwartet wird. Selbst ohne redaktionellen Partner kann man heute journalistisch arbeiten und sich einen Namen machen, auch wenn dies nur sehr wenigen gelingen wird.

Wo könnte man also starten?
Etwa in lokalen Blog-Projekten. Aber auch die klassische Tageszeitung vor Ort bietet sich weiter an. Nach wie vor ist es der Königsweg, im Lokalen anzufangen. Hier bekommt man ein Gespür für gesellschaftliche Abläufe und sieht, wie Interessen in den Diskurs eingebracht werden. Eine bessere Schule als das lokale Leben kann es nicht geben, zumal man hier direkte Rückmeldungen bekommt.

Sicher gibt es neue Zugangsmöglichkeiten in den Journalismus. Aber nicht jeder, der auf Youtube etwas veröffentlicht, ist ein Journalist. Wo fängt Journalismus an?
Dort, wo die berufsethischen und handwerklichen Regeln eingehalten werden. Es gibt auch Spielarten wie Kommentar oder Essay, aber dann auf gesicherter Faktenbasis. Satire würde ich eher im Bereich der Kunst einordnen, trotz des oft vorhandenen journalistischen Kerns. Aber der eigentliche Journalismus lebt von einem berufspolitischen Kompass und anständigem Handwerk. Da ziehe ich die Grenze. Mich stört, dass die Unterscheidbarkeit heute oft nicht mehr gegeben ist.

Welche Rolle spielt der finanzielle Aspekt? Ist der Beruf auch daran gekoppelt, dass damit Geld verdient wird?
Journalismus als Beruf muss daran gekoppelt sein. Wir wollen hoch qualifizierte Journalisten haben, die die komplexen Abläufe in Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport durchblicken. Davon sollen wir Journalisten und Journalistinnen auch anständig leben können. Leider befinden wir uns heute in einer Situation, in der die Rezipienten tendenziell nicht mehr bereit sind, dafür zu bezahlen. Und wo sich die Wirtschaft aus der Anzeigenfinanzierung zunehmend zurückzieht, weil sie glaubt, ihre Werbung in den sozialen Netzwerken besser skalieren zu können. Dabei machen sie sich offenbar keine Gedanken, was dies für das gesellschaftliche Leben bedeutet. Die Finanzierung ist die große Herausforderung für die Zukunft, für die ich leider kein Patentrezept habe.

Und was ist mit dem Youtube-Blogger, der an den Werbeerlösen beteiligt wird?
Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass viele junge Menschen klassische Medien kaum noch nutzen. Aber auch ich habe im Alter von 14 Jahren nicht unbedingt die „FAZ“, die „Süddeutsche“ und den „Tagesspiegel“ durchgearbeitet. Es gibt somit keinen Anlass für Kulturpessimismus. Es gibt vielmehr viele neue Darstellungsmöglichkeiten bis hin zu News-Games. Die Logik etwa von Computerspielen in ein journalistisches Storytelling zu übertragen, wird sich auch noch ergeben, wie auch mit Virtual Reality.

Eintauchen in die digitale Welt. Viele junge Menschen nutzen kaum noch klassische Medien. Foto: picture alliance/Jens Kalaene Vergrößern
Eintauchen in die digitale Welt. Viele junge Menschen nutzen kaum noch klassische Medien. © picture alliance/Jens Kalaene

Oder eben Audio-Podcasts.
Wer sich die Entwicklung in den USA ansieht, erkennt, dass dies auch hierzulande noch viel heftiger kommen wird. Hier wird sogar Werbung zunehmend akzeptiert. Es kommt somit nicht unbedingt auf die Finanzierung an, solange sie unabhängig von den Inhalten ist. Klassisch gesprochen, dass zwischen Werbung und Redaktion getrennt wird. Da geht im Netz einiges durcheinander. Das ist vor allem deshalb problematisch, weil viele Jüngere so sozialisiert werden, dass Kosmetik-Bloggerinnen gleichzeitig Werbung für verschiedene Produkte machen. Als Tageszeitung würde man sich dafür sofort vorm Presserat wiederfinden.

Inwieweit hat sich der DJV schon für die neuen Arten von Journalismus geöffnet?
Das wächst erst langsam. Vor einiger Zeit hieß es noch: Blogger können keine Journalisten sein. Das mag damals angemessen gewesen sein, ich bin jedoch davon überzeugt, dass das nicht mehr gilt. Sobald jemand das hauptberuflich und nach allen Regeln der Kunst macht, ist er natürlich Journalist. Aus der Historie tut sich der Verband etwas schwer damit, die Authentizität in dieser Zielgruppe wiederzugewinnen. Da holen wir jetzt auf, mit Mitgliedern wie den Nordstadt-Bloggern aus Nordrhein-Westfalen, mit Correctiv und mit DJV-Mitglied Tilo Jung, der auf unserer Jubiläumsfeier eine Rolle spielen wird.

Hätte Rezo mit einen Mitgliedsantrag Aussicht auf Erfolg?
Zunächst einmal muss ich gestehen, dass ich ihn vor dem CDU-Video auch nicht kannte, obwohl er bei extrem jungen Menschen sehr bekannt war. In einer ersten Reaktion auf seine Kritik an den Medien habe ich zudem überreagiert und mich später entschuldigt, wir haben uns danach auch getroffen. Als Journalist würde ich ihn nicht bezeichnen, das würde er aber wohl auch selbst zurückweisen.

Aber könnte er DJV-Mitglied werden?
Wir, also der zuständige Landesverband, müssten uns dafür etwas intensiver mit seiner Arbeit beschäftigen. In unserem Gespräch haben wir uns tatsächlich darüber ausgetauscht, ob jemand wie Rezo in eine Journalistengewerkschaft gehört. Ich habe ihn jedenfalls herzlich dazu eingeladen, sich von dem Gedanken zu lösen, Gewerkschaften seien nichts für ihn und die Youtube-Branche. Ich kann mir sehr wohl Kooperationen vorstellen. Die Grenzen werden ohnehin verschwimmen.

Wenn es darum geht, jüngere Zielgruppen zu erreichen, können die Medien von deren Kompetenz doch nur profitieren.
Es geht jedoch auch um die Frage, ob das Journalisten oder Verleger sind und somit darum, in welchem Verband sie besser aufgehoben sind. Das ist eine spannende Frage der Zukunft.

Ein andere spannende Frage ist, ob es der richtige Weg ist, wenn immer mehr Medien für ihre Online-Angebote Geld verlangen?
Der Journalismus ist ein weites Feld. Beim niederländischen Projekt „De Correspondent“ sind Leser bereit, für lange, gut recherchierte Stücke gerne zu zahlen. Aber wir müssen aufpassen, dass Journalismus nicht zum reinen Elitenprodukt wird.

Also mehr Chance oder mehr Risiko?
Eine Chance ist es, wenn es richtig gemacht wird. Wir können viel von der Musikindustrie lernen, die einfache Bezahlsysteme etabliert hat, auch mit Flatrate- Modellen. Das ist anfangs vielleicht nicht der große Schluck aus der Pulle, aber zumindest ist nicht zu hören, dass alles dramatisch den Bach runtergegangen sei. Darum habe ich die Hoffnung, dass auch wir funktionierende Modelle finden. Wir dürfen die Menschen nicht komplett von seriös gemachter Information abschneiden. Aber wer mehr will, wird künftig auch bezahlen müssen.

Das Gespräch führte Kurt Sagatz

Frank Überall, 48, ist Politologe und als freier Journalist vor allem für den Rundfunk tätig. Seit 2012 lehrt er im Fachbereich Journalismus und Kommunikation an der HMKW in Köln.

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