Lesen Sie, wie die Polizei enttarnt und beschimpft wird

Im Dauereinsatz. Auch hunderte Razzien haben den Drogenhandel im und um den Görlitzer Park nicht eindämmen können. Nun werden neue Ideen gesucht. Foto: dpa
Die Polizei und die Dealer vom Görlitzer Park Ein Drogenfahnder packt aus

Er kann sich schon denken, was solche Sätze anrichten können und wie er dafür von bestimmten Kreisen angegriffen werden wird. Aber er kann ausführen, was er meint. Es gibt so viel zu erzählen.

Da ist zum Beispiel die öffentliche Wahrnehmung und die Wahrnehmung der Öffentlichkeit durch die Polizei: In den letzten Wochen haben viele Anwohner in Zeitungen berichtet oder im Fernsehen gesagt, dass sie die Nase voll hätten von den Drogen und den Dealern und dass endlich etwas geschehen müsse. Wendt und seine Kollegen haben da ganz andere Erfahrungen gemacht. Nirgendwo in der Stadt sei es so schwierig, zu observieren. Kürzlich versuchte es Wendt in einer Straße gegenüber dem Görlitzer Park. Unmöglich. In einem Hausflur wurde er heftig beschimpft und trotz eindringlicher Bitte als „Bulle“ enttarnt. Die gezielte Enttarnung, nicht nur durch Dealer, sondern auch durch Anwohner, „ist kein Einzelfall, das wird dort zur Regel“.

Es ist schwer, die Nerven zu behalten

Wie im Hausflur, so auf der Straße: perfekte Alarmketten derer, die die Polizei bekämpfen, die ihre Arbeit, wie Wendt sagt, „verunglimpfen und in den Dreck ziehen“. Wendts Kollegen erinnern sich noch, wie selbst die normalen Gewerbetreibenden rund um den Görlitzer Park die Dealer und ihre immer größer werdende Zahl an Kunden gerne hingenommen haben, weil es für das eigene Business gut war. Wendt sagt: „Und viele Einwohner haben uns vor einem Jahr noch frei heraus gesagt, die Dealer gehörten halt irgendwie dazu. Folklore. Kreuzberger Flair. Die fanden das schick!“

Mittlerweile benutzen die Fahnder spezielle Autos und besondere Technik, die hier nicht näher beschrieben werden können, um ihren Job zu machen.

Die, die observieren, haben aber noch die geringsten Probleme – sie müssen seltener um ihre Gesundheit fürchten. Objektiv betrachtet handelt es sich im Görlitzer Park in der Mehrzahl um Kleindelikte, Alltag für die Polizei. Aber die subjektive Wahrnehmung der Polizisten hat sich radikal verändert. Es gab keine tödlichen Angriffe, aber die Angst davor, dass es passiert, ist gestiegen. Denn mittlerweile, das ist die Erfahrung in Kreuzberg, kann jede harmlose Identitätsüberprüfung in massiver Gewalt münden.

Im Görlitzer Park, sagt Wendt, sei es längst üblich, dass bei polizeilichen Maßnahmen, in Zivil oder in Uniform, sofort zwei, drei Passanten hinzukämen, die die Sicherheitskräfte hysterisch beschimpfen, Handys zücken und Filmaufnahmen machen. Wendt springt aus seinem Sessel und demonstriert, was ihm und anderen widerfährt: „Die kommen dir ganz dicht ans Gesicht und brüllen und filmen.“ Es gibt einen Kollegen, mehr als 40 Jahre im Dienst, der über 5000 Festnahmen durchgeführt hat, und der in einer solchen Situation kürzlich beinahe die Nerven verloren hätte. Obwohl er geschult ist, seine Emotionen zu kontrollieren. Wendt sagt: „Was glauben Sie, wie jüngere Kollegen da unter Druck geraten.“

Wüste Beschimpfungen, das gezückte Handy als Kamera soll ja Reaktionen provozieren – das ist für die Polizei vor allem bei Demonstrationen Alltag, darauf sind sie eingestellt. Aber nun wird es die Regel auch im Kleinkriminellengeschäft.

Dann kann es passieren, wie im Juli, dass plötzlich ein Video im Netz auftaucht mit angeblicher Polizeigewalt, obwohl die nur ihren Job machte. Die Polizei stand am Pranger, musste darum kämpfen, dass die ganze Wahrheit in der Öffentlichkeit ankam. Die Polizisten, denen dies widerfährt, sind fassungslos und wütend. Ihre innere Überzeugung basiert darauf, dass sie die Guten sind, dass sie zum Schutz der Öffentlichkeit viel riskieren. „Ein junger Kollege kommt da schon mal ins Grübeln, und fragt sich, in welchen Film er da gelandet ist“, sagt Wendt.

Aber nicht nur am Görlitzer Park, sondern auch in der Hasenheide oder der U-Bahnlinie 8, wo die harten Drogen verkauft werden, gehört die Solidarität nicht der Polizei. Einmal nahmen Wendt und ein Kollege am U-Bahnhof einen Dealer fest. Normalerweise verschluckt der Dealer seine Ware schnell. Um das zu verhindern, müssen die Fahnder noch schneller sein, was bedeutet: „Griff an den Hals“. Immer wieder müssen sich die Polizisten dann Hasstiraden von Passanten anhören; „zwei gegen einen“ sei unfair, ist da noch das absolut Harmloseste. Wendt sagt: „Die Leute glauben, das sei ’ne Sportveranstaltung. Was wir da machen, finden die tatsächlich unfair. Unglaublich.“

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