Lesen Sie, was der Fahnder im Umland entdeckte: Hightech-Plantagen

Das kommt nicht mehr in die Tüte. Die Drogenbeauftragte von Berlin will den Haschisch-Konsum in Berlin eindämmen – mit der Hilfe von schärferen Gesetzen. Foto: dpa
Die Polizei und die Dealer vom Görlitzer Park Ein Drogenfahnder packt aus

Den kleinen Dealern, auch das steigert den Frust der Ermittler in Richtung Ohnmacht, sei sowieso kaum beizukommen. So war das jedenfalls bisher, vor den neuen Maßnahmen der „Taskforce“. Und es war ein wichtiger Punkt auf Wendts persönlicher Liste von falscher Liberalität. Für eine U-Haft musste der Gefasste nämlich bisher mindestens 300 Gramm bei sich haben, sonst musste man sich gar nicht erst bemühen, die sogenannten Haftgründe zu ermitteln. Wendt sagt: „Es gibt nur einen Haftgrund, der wirklich gezogen hat, das ist der fehlende Wohnsitz.“ Mit anderen Gründen wie Verdunkelungsgefahr oder Wiederholungsgefahr komme man nicht weit. Aber wenn „der Kollege Dealer“ versichert, er habe seine Zahnbürste bei einem Freund – „dann wird er laufen gelassen“.

Ganz früher gab es kleine Spezialeinheiten, die kannten nicht nur ihre Dealer, sondern auch deren Umfeld, heute erledigen den ambulanten Job die Streifenpolizisten, aber die, erklärt der Beamte, haben nicht das nötige Wissen über die Person, um einen Haftbefehl zu erwirken. Wendt wäre es am liebsten, diese Spezialeinheiten würden wieder eingesetzt.

Bald wird es einen anderen Drogenumschlagplatz geben

Patrick Wendt ist noch immer von Herzen Polizist und ein engagierter Fahnder. Er nimmt seine Aufgabe ernst, er findet es gut, dass er da ist, um die Allgemeinheit zu schützen. Aber wenn er liest und hört, was nun alles geschehen soll, wegen des Görlitzer Parks, um das Drogenproblem zu lösen, dann zuckt er nur müde lächelnd mit den Schultern.

„Der Görlitzer Park hat jetzt schon ein Überangebot, deswegen sind viele Dealer längst in die Seitenstraßen, U-Bahnhöfe oder Hinterhöfe ausgewichen. Irgendwo, bald, wird es ganz gewiss einen anderen Park geben, einen anderen Ort. Und dann wird es wieder heißen: Wir brauchen noch mehr Polizei.“

Wendt hat ein paar gute Hinweise darauf, dass seine These so falsch nicht sein kann. Er kennt nicht nur die kleinen Dealer in Kreuzberg oder Neukölln. Er weiß, wo der Nachschub herkommt, und er ist überrascht, trotz seiner langen Berufserfahrung, von der Professionalität der Produzenten. Das sind die wirklich großen Fische.

Sie sitzen in Berlin, aber seit einiger Zeit verstärkt im Umland. Das ist ein Trend. Letztens führte eine Ermittlung Wendt mit seinen Kollegen an einen Ort in Brandenburg. Was sie hinter den Mauern eines alten DDR-Konsums sahen, verschlug ihnen die Sprache. „Das war eine Hightech-Plantage, gepflegt von einem Profigärtner, versteckt hinter Rigipswänden und in einem riesigen Zelt, von außen war nichts einsehbar, alle Fenster verhangen, aber von innen war alles perfekt belüftet, Industriefilter haben sogar den typischen Geruch weggezogen.“

Wendts Truppe sicherte 1500 Pflanzen, eine Pflanze bringt 300 Gramm; über drei Perioden geerntet, ergibt das ein Produkt, das eine sichere, gute Marge bringt. Ihn treibt das um, denn die Dealer müssen nicht mehr mit Risiko schmuggeln, wenn sie perfekt versteckt und unbehelligt selbst produzieren können. Längst gibt es erfolgreiche Franchise-Unternehmer, die sich auf dem berlin-brandenburgischen Drogenmarkt tummeln.

Der Mann, der hier berichtet hat, muss jetzt gleich los. Aber vorher erzählt er noch eine letzte Geschichte von einem Dealer, der mittlerweile fast 30 Jahre ist. Wendt kennt ihn seit vielen Jahren, und manchmal kommt es ihm vor, als grüße er da einen alten Bekannten. Dieser Dealer sagte zu ihm: „Wenn ich in den Knast komme, ist das ein Familientreffen.“ Er gehört zu einer jener kriminellen Großfamilien mit arabischen Wurzeln, von denen es einige in Berlin gibt.

„Euer Knast“, sagte der Dealer, „ist wie ein Hotel im Libanon.“

Der Autor ist Redakteur für besondere Aufgaben im Tagesspiegel. Zuletzt schrieb er über den Film "Das Ende der Geduld", in dem es um die Jugendrichterin Kirsten Heisig geht.

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