Tagesspiegel Mobil Die gewonnene Zeit

Nadja Klinger[Köln]

Wohnen statt verwahrt werden, leben statt vegetieren: Es gibt Pflegeheime, die sind anders als die anderen. Besuch in einer Ausnahme

Im Lehnstuhl sitzt eine alte Frau. Sie blickt durchs Fenster auf die Georgstraße. Oder drüber hinweg. Auf Köln. Auf die Welt. Sie sagt: „Ich glaube Ihnen.“ Beim letzten Wort fällt die schnarrende Stimme ab. Dann schwingt sie sich wieder auf und wiederholt den Satz sechs, sieben Mal.

Hinter der Frau im Zimmer sitzen andere alte Leute. Sie haben zu Mittag gegessen, jetzt klappern sie mit Besteck und rufen. Sie wollen vom Tisch geholt werden. Jeder als Erster. Sie sind anstrengend. Die Frau im Lehnstuhl sagt: „Ich habe ein gutes Gewissen.“ Auch das wiederholt sie mehrmals. Sie kann nicht anders. Sie kann nicht mehr, wie sie will. Sie holt Sätze aus ihrer Vergangenheit und sagt sie auf.

Für die Zeit, die sie im Wohnhaus St. Georg, einem Altenheim der Caritas in Kölns Innenstadt, verbringt, wird gern ein schönes, deutsches Wort verwendet: Lebensabend. Für viele pflegebedürftige Alte ist der Abend des Lebens jedoch alles andere als schön. Sie bekommen – wenn alles gut geht – ein Bett, Essen, Medizin, werden gewaschen. Sie sind nicht mehr Dreh- und Angelpunkt ihres Daseins, sondern Teil von Frühdiensten, Spätdiensten, Nachtdiensten. Sie sind ein Kostenfaktor. Ein Problem.

Nicht so in St. Georg. Die Betreuer, die mit 77 Alten im Wohnhaus leben, verwenden noch ein anderes schönes Wort. Es heißt Würde. Es lässt sich leicht in Sätzen unterbringen. Doch im Alltag der Altenpflege hat Würde es schwer. Also wurde in St. Georg die Realität verändert. Man pflegt dort anders. St. Georg ist ein bisschen wie eine sichere Festung. Im Lehnstuhl am Fenster sitzt die Frau und spricht ihre schnarrenden Mahnungen ins Land hinaus: „Bitte lassen Sie mich ausreden!“

Franz Josef Stoffer spielt Golf. In seinem Kölner Büro fällt die Frühlingssonne durchs Fenster. Stoffer lächelt in sich hinein. „Es passt nicht zusammen“, sagt er. „Ein Mann von der Caritas und ein Golfschläger.“ Besser gesagt, es herrscht die allgemeine Auffassung, dass das nicht zusammenpasst. Aber Stoffer lässt sich von allgemeinen Auffassungen nicht beherrschen. Sie sind ihm zu unbeweglich.

Mitte der 60er Jahre, er kam vom humanistischen Gymnasium, da meinten seine Eltern, dass die Idee, Sportjournalist zu werden, nicht zu ihm passte. Er gehorchte. Studierte Volkswirtschaft, ging zur Caritas im Bistum Essen. Dort lernte er Altenheime kennen. Sie waren wie Krankenhäuser. Er rechnete, was es kosten würde, wenn Menschen nicht in Betten verwahrt, sondern richtig wohnen und betreut werden würden. Es war Anfang der 70er Jahre. Altenheime wie Hotels? Das passt nicht, sagte man zu ihm, das haben wir nie so gemacht.

1979 wurde er Geschäftsführer der Caritas Betriebsführungs- und Trägergesellschaft, kurz CBT, in Köln. Stoffer war 33 Jahre alt. Die blonden Haare hingen bis zu den Schultern. Mit seinem knallroten Rollkragenpullover erschien er bei Bürgermeistern, Stadtparlamenten, im Düsseldorfer Ministerium. Er wollte neue Heime bauen. Ganz andere. Er redete und redete. Von Möbeln, Farbe, Teppichen, Gemütlichkeit anstatt von Betten und Hygiene. 14 Wohnhäuser unterstehen ihm heute. Einige haben Preise bekommen für vorbildliche Pflege und Unternehmensführung. Denn Franz Josef Stoffer managt Würde.

Eines dieser Häuser ist das St. Lucia in Wesseling bei Köln. Dort wohnen Menschen mit Demenzerkrankungen, deren Gedächtnis Erinnerungen und Sprache verliert, deren Motorik nicht mehr stimmt. Sie sind wehrlos. Wo Wehrlose sind, gerät Pflege auf den Prüfstand. Margarete Scherer heißt hier die Leiterin. Anfang 40 war sie, als Stoffer sie 2001 zu sich holte. Bis dahin war sie 24 Jahre lang Krankenschwester gewesen. Um in Gegenwart von Leid und Tod nicht zu erstarren, hatte sie sich unermüdlich bewegt. Vor allem im Kopf. Hatte einen ambulanten Pflegedienst gegründet, widmete sich der Sterbehilfe. Sie sollte auch bei Stoffer etwas bewegen. Er tat, was er dafür tun konnte: schenkte Vertrauen. Sie nahm es und ließ in Wesseling nichts, wie es war.

Warum wurden die Alten früh geweckt und durften nicht ausschlafen? Warum pürierte man für alle das Essen, wieso trank jeder aus einer Schnabeltasse? Warum gibt es nicht mal ein Schnäpschen? 120 Mitarbeiter waren mit Margarete Scherers Fragen konfrontiert. Einige verabschiedeten sich gleich. Andere gingen später. Insgesamt 100 Leute wurden so ausgetauscht.

Wer jetzt noch hier ist, passt zur Idee.

Bevor die Chefin morgens erscheint, schlüpft sie in farbenfreudige Sachen, verziert sich mit Tüchern, Perlenketten, Ohrklipps und setzt eines ihrer gewagten Brillengestelle auf die Nase. „Wie lautet Ihr Name?“, fragen die Alten, denen die lachende, bunte Frau im Haus begegnet. Sie antwortet: „Scherer wie die Schere.“ Manchen erklärt sie das dreimal am Tag. Die strahlen sie dann an und sagen: „Schön, Sie kennen gelernt zu haben!“

Die Alten von St. Lucia leben in WGs. Wohnküchen und Wohnzimmer hat die Chefin mit Mobiliar vom Trödler ausgestaltet. Die Bewohner erkennen die Waschbretter, das Küchenzeug, den nostalgischen Kochherd aus der Vorkriegszeit wieder. Wer schälen, schneiden und sonst was kann, beteiligt sich am Kochen. Wer nicht, sitzt dabei oder wird mit dem Bett an den Herd gerollt. Hört Geräusche und Stimmen. Der Duft macht Appetit. Mancher, den bislang die Magensonde ernährte, fing wieder an zu essen.

Hier dürfe nicht gekocht werden, hat das Gesundheitsamt gesagt. Auch St. Lucia ist wie eine Festung. Scherer verteidigte ihre Idee, man gab nach: Nun gut, das Gekochte dürfte aber nicht verspeist werden. Scherer kocht, lässt essen und sagt: „Die Familien der Bewohner stehen hinter mir.“

Manche Familien haben Angehörige aus anderen Heimen zu ihr gebracht. Dort hatten die Alten im Nachthemd auf Fluren gedöst und vorm Eingang gelungert. Nachts wurden die Zimmer verschlossen, Riegel an den Toilettentüren und Fenstergriffe fehlten. Viele waren voll mit Psychopharmaka. Scherer ließ sie absetzen und die Patienten beobachten. Gute Pflege hält inne. Selbst unter den Schwerstkranken nimmt die Hälfte keine Psychopharmaka mehr, beim Rest wurde stark reduziert. Im besten Fall dreht gute Pflege die Zeit zurück.

Einen Patienten, der bei der AOK gearbeitet hat, setzen Scherers Mitarbeiter an den Schreibtisch. Er erinnert sich. Papier liegt bereit, er schreddert. Ein anderer Mann war Hausmeister. Er hat eine Werkbank, und oft nimmt ihn der Haushandwerker mit. Es gibt Waschmaschinen, in denen alte Damen Tücher waschen, die sie dann bügeln, falten, stapeln, um erneut zu waschen. All die Tätigkeiten sind im Langzeitgedächtnis verankert. Menschen, die ihre Biografie verloren haben, finden sich wieder.

Wenn es einem von ihnen doch mal sehr schlecht geht, rufen sie von St. Lucia aus den Arzt an und fragen, was sie tun können. Sie geben ihre Alten nicht gern ins Krankenhaus, denn nicht selten kehren sie voll Psychopharmaka, untergewichtig, traurig zurück. Macht sich jemand auf den letzten Weg, geben sie ihn erst recht nicht her. Sie schieben sein Bett zu den Andern, die sitzen drum herum, reden, singen, beten. Abschiednehmen gehört in St. Lucia zur Pflege. „Es ist jedes Mal schwer für meine Leute“, sagt die Chefin. „Wir leben und sterben mit den Bewohnern.“

Wenn Margarete Scherer nicht in Wesseling ist, ist sie im Wohnhaus St. Georg. Auch für dieses Haus hat Franz Josef Stoffer ihr die Leitung übertragen. Die meisten Alten hier sind noch recht fit. Sie wohnen mit den eigenen Möbeln in Zimmern mit Bad, haben ihr festes Pflegeteam. Jeder besitzt einen Briefkasten und ein Konto. Man geht spazieren, einkaufen, trifft sich in den Salons des Hauses. St. Georg, so scheint es, ist perfekt.

Es hat mit Stoffers Leitbild zu tun. Der Weg ist der Mensch. Das bedeutet: Man braucht Zeit für den Menschen. Aber die Sätze aus der Pflegeversicherung gewähren diese Zeit nicht, lassen pro Pflegestufe nur eine bestimmte Anzahl Mitarbeiter zu: Je mobiler die Alten, desto weniger Personal. „Wir arbeiten mit zwei Dritteln der Leute, die wir bräuchten. In der Produktion hielte man das für eine Katastrophe“, sagt Stoffer. Bei ihm ist die Katastrophe größer. In der Pflege bleibt nicht der Platz an der Maschine leer, sondern ein Mensch allein.

Die Mitarbeiter in St. Georg versuchen Zeit zu gewinnen, um sie den alten Leuten zu schenken. Unter größter Anspannung gelingt das. Viele würden in der Freizeit gern einen Yogakurs besuchen. Aber niemand kann garantieren, dass sie jede Woche am selben Tag frei machen können. Statt in Entspannung üben sie sich darin, Belastung auszuhalten. Der Burnout ist programmiert. Wäre da nicht Margarete Scherer. Dieser Tage lässt sie auch im St. Georg nichts mehr, wie es war. Fortan arbeitet man hier nicht mehr wie im Altenheim, sondern wie bei der ambulanten Pflege. Für jeden Bewohner gibt es einen Plan. Darauf steht, wann er aufwacht, wann er isst, Hilfe braucht, zu Bett will. Pfleger ziehen durchs Haus wie Heinzelmännchen. Niemand holt sie mehr weg von dem, was sie gerade tun, denn sie leisten sich einen Bereitschaftsdienst. Es ist ein Gewinn, der Alten und Pflegenden gleichermaßen zukommen soll.

Über Gewinne in der Pflege wird in der Bundesrepublik viel geredet. Nur geht dabei nie um Zeit, sondern um Geld. Menschen mit hohen Pflegestufen bringen demnach den größten Gewinn. Bei Franz Josef Stoffer in der CBT hingegen gilt es als Erfolg, wenn ein Bewohner runtergestuft wird. „Altenpflege ist Abbau des Bedarfs“, sagt er. Im Jahr 2006 bedeutete sein Erfolg 100 000 Euro Verlust.

Während Stoffer so wirtschaftet, etablieren sich in der Bundesrepublik private Pflegeunternehmen erfolgreich an der Börse. „Pflege – ein Markt mit Zukunft“ heißen Überschriften, unter denen in Zeitungen darüber berichtet wird. Bis zum Jahr 2020 wird die Zahl der Pflegebedürftigen um eine Million auf drei Millionen Menschen ansteigen. Es war im Mai 2001, als die „Wirtschaftswoche“ die Zukunft folgendermaßen beschrieb: „Insofern lautet die Devise: Auf die Watchlist setzen, Chartverlauf studieren – und im richtigen Moment handeln.“ Fast niemand spricht darüber, dass solche Worte mit der Würde der alten Menschen eigentlich nicht viel zu tun haben.

Seit Franz Josef Stoffer bei der CBT ist, hat er seine Ideen verbreitet. Er ist Mitglied der Bundeskonferenz zur Qualitätssicherung im Gesundheits- und Pflegewesen, im Kuratorium Deutsche Altershilfe, im Beirat von „Pflegeausbildung in Bewegung“ und am Runden Tisch Gesundheit der Bundesregierung. Er hat geredet und geredet. Hat gegen Bürokratie und Verwaltungsstarrsinn gekämpft.

Seine Haare, aus denen das Blond fast völlig verschwunden ist, hängen mittlerweile nicht mehr auf die Schultern. Aber einen ordentlichen Kurzhaarschnitt trägt er auch nicht. Er schirmt seine Idee einer menschenwürdigen Altenpflege von der bundesdeutschen Realität ab. Konzentriert sich auf seine Mitarbeiter, die seine Vision verwirklichen sollen. Setzt auf 800 ehrenamtliche Helfer. Ein Drittel sind Angehörige der Leute, die in seinen Häusern einmal gepflegt wurden. Sie sind aus Sympathie hängen geblieben. Pro Jahr stellt jedes Wohnhaus zwei bis drei Azubis ein. Stoffers Idee erreicht die nächste Generation. Die Politik hat noch viel zu tun in Sachen Pflege, sagt er. Aber er wartet nicht. Er macht. Am Wochenende legt er das Jackett ab, geht auf den Platz. Wie jeder Golfer spielt er gegen das eigene Handicap. Er sagt: „Ich bin darin geübt, immer wieder Fehler bei mir selbst zu suchen.“

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