DIE GESCHICHTE Psychopath und Literat

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Sein Buch „Timur und sein Trupp“ kannte in den sozialistischen Ländern Osteuropas jedes Kind. Arkadi Gaidar wurde als Schriftsteller gefeiert, seine dunkle Seite führt in den Süden von Sibirien

Nun war Oberst Alexandrow, Kommandeur einer Panzerabteilung, schon seit drei Monaten von daheim fort. Er war an der Front. Im Hochsommer bekamen seine Töchter Olga und Shenja, die allein in Moskau zurückgeblieben waren, ein Telegramm von ihm. Der Vater schlug vor, sie sollten den Rest ihrer Ferien auf der Datscha, nicht weit von Moskau, verbringen.

So beginnt Arkadi Gaidars berühmtestes Buch, die knapp 70 Seiten umfassende Erzählung „Timur und sein Trupp“. Generationen von Kindern des ehemaligen Ostblocks haben sie gelesen, in Schulen von Workuta bis Jerewan, von Wladiwostok bis Jena, im russischen Original oder in polnischen, georgischen, deutschen Übersetzungen. Und Generationen heutiger Erwachsener haben sie im Gedächtnis behalten, die Abenteuer der Schwestern Olga und Shenja, die einen langen, langen Kindersommer auf der Datscha des Vaters verbringen, während weit, weit weg ein namenloser Krieg geführt wird – wie schon in anderen Büchern nahm Gaidar mit der 1940 erschienenen Erzählung jenen „Großen Vaterländischen Krieg“ vorweg, der erst ein Jahr später mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion Realität werden sollte.

Es ist eine weitgehend vaterlose Kinderwelt, diese Holzhaussiedlung bei Moskau. Olga und Shenja lernen hier den 14-jährigen Timur und seinen „Trupp“ kennen, eine Art Kommando sozialistischer Heinzelmännchen, die den kriegsbedingt strohverwitweten Datschenbewohnerinnen mit heimlichen Hilfsaktionen den Alltag erleichtern. Ihr Gegenspieler ist der Tunichtgut Kwakin, dessen Gang in Abwesenheit erwachsener Respektspersonen die Siedlung unsicher macht. Weil Timur und sein „Kommando“ (so der russische Originaltitel) ihr heldenhaftes Tun streng geheim halten, ziehen ihre konspirativen Nachteinsätze bald das Misstrauen der Datschenbewohner auf sich – man verdächtigt sie, mit der Kwakin-Gang unter einer Decke zu stecken. Die Guten werden für die Bösen gehalten – es ist diese himmelschreiende Ungerechtigkeit, Generationen von Lesern atmeten kollektiv auf, als Timur und seine Mitstreiter am Ende des Buchs endlich als die selbstlosen Helden anerkannt werden, die sie sind.

So berühmt wurde Gaidars Erzählung, dass sich bald nach ihrem Erscheinen in der Sowjetunion die „Timur-Bewegung“ formierte, die junge Pioniere zu freiwilligen Arbeitseinsätzen nach dem Vorbild des Kinderbuchs ermunterte. Timur stieg zum Idealkind der sozialistischen Welt auf – ein Held, dessen ganze jugendliche Energie dem Gemeinwohl verpflichtet ist.

Gaidar war 36 Jahre alt, als er 1940 „Timur und sein Trupp“ veröffentlichte. Da hatte er nur noch anderthalb Jahre zu leben: Als Kriegsberichterstatter der Zeitung „Komsomolskaja Prawda“ sollte er im Herbst 1941 an der ukrainischen Front umkommen. Hinter ihm lag ein kurzes, wirres Leben, das mit der Welt seiner Kinderbücher wenig gemein hatte.

Aus den Erinnerungen des Journalisten Boris Saks: Seine psychische Erkrankung trieb Gaidar regelmäßig in Heilanstalten … Ich war jung damals, hatte noch nie derartiges erlebt, und diese schreckliche Nacht machte einen entsetzlichen Eindruck auf mich. Gaidar schnitt sich. Mit Rasierklingen. Man nahm ihm eine Klinge weg, doch sobald man sich umdrehte, schnitt er sich mit einer anderen. Er schloss sich in der Besenkammer ein, antwortete nicht. Man brach die Tür auf, wieder hatte er sich geschnitten. Im bewusstlosen Zustand transportierte man ihn ab, sämtliche Fußböden waren blutverklebt … Ich dachte, er überlebt das nicht … Später, in Moskau, sah ich ihn einmal in Unterhosen. Die gesamte Brust und beide Arme waren dicht mit riesigen Narben bedeckt, eine neben der anderen …

Er war einer der einflussreichsten Kinderbuchautoren des 20. Jahrhunderts. Doch Gaidar selbst war nie Kind gewesen.

Geboren wurde Arkadi Golikow, der später das Pseudonym Gaidar annahm, 1904 in einer westrussischen Kleinstadt. Als sein Vater im Ersten Weltkrieg an die Front geschickt wurde, lief Arkadi von zu Hause weg. Er wollte in den Krieg. Da war er zehn Jahre alt. Man schickte ihn nach Hause. Nach fünf Klassen endete seine Schullaufbahn – er hatte Mitschüler mit einer geladenen Pistole bedroht. Die Eltern stellten sich dem 13-Jährigen nicht in den Weg, als er sich 1917, wenige Monate vor der Oktoberrevolution, den örtlichen Bolschewiken anschloss. Gaidar war 14, als er mit Ausbruch des Bürgerkriegs zum Adjutanten eines roten Bataillonskommandeurs ernannt wurde. Wenige Monate später wurde er im Kampf gegen ukrainische Konterrevolutionäre zum ersten Mal verwundet.

Er kämpfte weiter, kommandierte bald eigene Einheiten. Mit 17 beförderte man ihn in die „Truppen besonderer Bestimmung“, ein rotes Elitekommando, das im ausgehenden Bürgerkrieg den letzten weißen Widerstand niederschlug. Als Teil dieser Einheit wurde Gaidar 1922 in die südsibirische Region Chakassien am Oberlauf des Jenissej versetzt, mit dem Auftrag, den Kosakenführer Iwan Solowjow auszuschalten, der sich mit seinen Anhängern in den Wäldern der Taiga verschanzt hatte. Es sollte ein Zweikampf werden, der Gaidars Biografie nachhaltig prägte – und dessen Nachhall noch in seinem berühmtesten Buch zu finden ist, in dem der Übeltäter Kwakin den Titel eines „Ataman“, eines Kosakenhauptmanns trägt.

Als Kwakin den herankommenden Jungen bemerkte, blieb er stehen. Sein breites Gesicht verriet weder Staunen noch Schrecken.

„Ich begrüße dich Kommissar“, sagte er leise. Er hielt den Kopf schief. „Wohin so eilig?“ fragte er.

„Dir entgegen“, antwortete Timur. „Ich begrüße dich, Ataman“, rief er aus, auf Kwakins Ton eingehend.

Südsibirien. Ein Tag im Spätsommer 2010. Die ehemalige Kosakensiedlung „Forpost“, in der Gaidar 1922 sein Stabsquartier einrichtete, trägt heute den Namen Soljono-Osjornoje („Salz-See“). Es ist ein unscheinbares 600-Einwohner-Dorf in der Steppe Chakassiens, umgeben von kilometerweitem Nichts. Etwa 200 niedrige Holzhäuser drängen sich entlang zweier langgestreckter Straßen, von denen die breitere „Uliza Gaidara“ heißt. Am Haus mit der Nummer 20 hängt eine Gedenktafel: „In diesem Haus lebte 1922 der Schriftsteller A. Gaidar, Kämpfer für die Sowjetmacht in Chakassien.“

Augenzeugen der Bürgerkriegsereignisse gibt es in Soljono-Osjornoje schon lange nicht mehr. Aber wer die Dorfbewohner nach Gaidar fragt, wird zu Polina und Georgi Koschuchowski geschickt, einem Rentnerehepaar, das am südlichen Dorfrand lebt. Georgis Großmutter Agrafena war 1922 Haushälterin im roten Stabsquartier, sie wusch Gaidar die Wäsche, kochte für ihn.

„Alle im Dorf nannten sie die rote Grunja“, erinnert sich Georgi.

Weil sie Kommunistin war?

„Nein. Weil sie sich bis ins hohe Alter die Lippen anmalte.“

Was hat sie über Gaidar erzählt?

Georgi zögert.

„Sie hat ihn vergöttert“, mischt sich seine Frau Polina ein. „So ein Goldjunge, hat sie immer gesagt, so ein guter, so ein hübscher.“

Georgi schweigt.

„Nun erzähl schon!“, sagt seine Frau. „Gaidar hat Sünden begangen. Die Chakassen haben ihn gehasst. Sag schon, was die rote Grunja erzählt hat!“

„Das geht doch nicht“, sagt Georgi. „Das ist doch politisch.“

„Angsthase!“

Etwas später taucht Georgis Sohn Alexej auf. Er führt über den Friedhof von Soljono-Osjornoje, wo örtliche Kosaken vor ein paar Jahren ein symbolisches Grabkreuz für Gaidars Widersacher Iwan Solowjow aufgestellt haben. Der Kosakenführer, der in Soljono-Osjornoje geboren wurde, galt zu Sowjetzeiten als Bandit, als reaktionärer Kriegstreiber, als Unperson. Jetzt prangt auf seinem Kreuz ein weithin sichtbares Porträt in vollem Kosakenornat.

Liegt die rote Grunja auch hier begraben?

„Nein“, sagt Alexej. „Sie hat die letzten Jahre in einem Altenheim in der Bezirkshauptstadt gelebt, dort wurde sie auch beerdigt. Ich war noch klein, als sie starb, erinnere mich nur an wenig. Die Geschichte mit dem Säbel hat Vater erzählt?“

Eine vage Handbewegung reicht ihm als Antwort.

„Die rote Grunja hat davon gesprochen. Gaidar hatte einen zwölfjährigen Jungen als Geisel genommen, einen Chakassen, dessen Verwandte angeblich für Solowjow kämpften. Als das Ultimatum ablief, schlug er dem Jungen den Kopf ab. Mit dem Säbel.“

Der Wind pfeift über die Steppe. Eine Plastiktüte bleibt an Solowjows Grabkreuz hängen, löst sich, taumelt weiter.

Undatierter Eintrag aus Arkadi Gaidars Tagebuch: Traum nach Schema Nr. 2 … Mir erschienen Menschen, die ich in meiner Kindheit getötet habe.

Ganze zweieinhalb Monate diente Gaidar in Chakassien. Es reichte, um ihn zur Hassfigur der örtlichen Bevölkerung zu machen – und zum Helden der Sowjetpropaganda. Jahrzehnte nach seinem Tod entstand in den 60er Jahren der Film „Das Ende des Imperators der Taiga“, in dem der rote Kommissar Gaidar eigenhändig den weißen Ataman Solowjow zur Strecke bringt, unter dem Jubel der chakassischen Bevölkerung.

Die Wahrheit sah anders aus. Solowjow stellte sich 1924 freiwillig den Sowjetbehörden und wurde hingerichtet. Gaidar war zu diesem Zeitpunkt längst aus Chakassien abkommandiert worden. Bei den Behörden hatten sich Beschwerden wegen Übergriffen gegen die Zivilbevölkerung gehäuft, die Rede war von Plünderungen, von Gewaltexzessen. Eine eigens eingesetzte Untersuchungskommission befand trocken, Gaidars Vorgehen lasse „Operativität“ vermissen, und empfahl, den 18-jährigen Kommandeur hinzurichten. Man stellte Gaidar vor ein Militärgericht, legte ihm ungesetzliche Erschießungen zur Last. Gaidar räumte sie ein, erklärte aber, die Opfer seien „Banditen“ gewesen, bei deren Hinrichtung er lediglich „gesetzliche Formalitäten“ vernachlässigt habe. Man sprach ihn schuldig, doch das Urteil fiel milde aus: Entlassung aus dem Dienst, verbunden mit dem Verbot, verantwortliche Posten zu bekleiden.

Es folgten: Parteirügen; Nervenzusammenbrüche; Heilanstalten; Kinderbücher.

Als Timur zu Hause anlangte, wurde er von seinem jungen Onkel mit ungewohnt strenger Miene in Empfang genommen. Ohne jede Einleitung begann Georgi: „Ich habe deine nächtlichen Abenteuer satt, Timur. (...) Wenn du mir nicht gehorchst, musst du zu deiner Mutter zurück.“ Er wollte sich entfernen, aber Timur hielt ihn zurück. „Onkel Georgi“, fragte er, „als Sie ein Junge waren, womit haben Sie sich beschäftigt?“ „Ich? ... Wir sind herumgelaufen, sind auf Bäume und Dächer geklettert, wir haben uns auch manchmal geprügelt. Aber unsere Spiele waren nicht geheimnisvoll, sondern allen verständlich.“

Die schriftstellerische Karriere begann mit einem Namenswechsel. Aus Arkadi Golikow wurde Arkadi Gaidar. Das Pseudonym ist kein russisches Wort, sondern ein chakassisches, es bedeutet: „Wohin?“ Die Chakassen, eine der turksprachigen Minderheiten Südsibiriens, sollen dem jungen roten Kommandeur den Spitznamen verliehen haben.

„Es war das einzige chakassische Wort, das er kannte“, sagt Tatjana Antipowna. „Wenn er durch die chakassischen Dörfer zog, fragte er immer nur: ‚Gaidar?‘ Wohin? Wohin ist Solowjow?“

Tatjana Antipowna ist Lehrerin. Sie unterrichtet an einer Dorfschule im überwiegend von Chakassen bewohnten Süden der Region. Wie die meisten ihrer Schüler hat sie die dunkle Hautfarbe und die mandelförmigen Augen, die die Chakassen so auffällig von den Russen unterscheiden. Das Dorf heißt Bolschie Arbaty. Im Bürgerkrieg war es Schauplatz eines Verbrechens, über das die Bewohner immer noch sehr zurückhaltend sprechen.

„Ein Trupp Russen zog damals durchs Dorf“, erzählt Tatjana Antipowna. „Sie trieben alle männlichen Einwohner zusammen und erschossen sie, einen nach dem anderen, 34 Menschen. Dann warfen sie die Leichen in den Dorfbrunnen und zogen weiter.“

Am Massaker von Bolschie Arbaty trägt Gaidar nachweislich keine Schuld – es ereignete sich 1920, lange vor seinem Eintreffen in der Region. In der Erinnerung vieler Chakassen aber haben sich alle Verbrechen, die ihren Vorfahren von Rotarmisten angetan wurden, mit jenem russischen Namen verknüpft, den jeder von ihnen aus dem Schulunterricht kennt: Arkadi Golikow alias Gaidar.

Aus einem chakassischen Volkslied:

Die Erde der Väter blühte gelb,

Das Ufer des Jus lag da wie Seide.

Früher war es von Liedern erfüllt,

Bevor du es mit Tränen überschüttet hast,

Golikow!

Alt und Jung liegt auf deinem Weg,

Mit Kugeln und Feuer wird mein Volk ausgelöscht.

Erreichen dich seine Verwünschungen nicht?

Du schwarze Seele,

Arkaschka!

In der Dorfbibliothek von Bolschie Arbaty steht, zwischen russischen Übersetzungen chakassischer Epen und chakassischen Übersetzungen der Bibel, auch eine Ausgabe von „Timur“. Sie ist neu, man hat sie erst vor wenigen Jahren angeschafft. Tatjana Antipowna blättert lächelnd den schmalen Band durch. „Es ist ein gutes, ein liebes Buch“, sagt sie. „Was kann ein Buch für seinen Autor?“

„Und das ist alles, was wir tun“, beendete Timur mit tränenfeuchten Augen seine Erzählung. „Das ist alles. Das sind unsere Spiele.“

Arkadi Golikow wurde 1904 geboren und nahm später den Namen Gaidar an. Mit 13 schloss er sich den Bolschewiken an. Der spätere Kinderbuchautor war ein fanatischer Kämpfer für die russische Revolution.

Iwan Solowjow, Kosakenhauptmann, wurde im russischen Bürgerkrieg von Gaidar gejagt, stellte sich und wurde 1924 hingerichtet. Sein Ehrengrab ist heute im selben sibirischen Dorf, in dem auch Gaidar Quartier nahm.

Agrafena Koschuchowski, genannt die rote Grunja, führte Gaidar in Sibirien den Haushalt und beobachtete, wie der einem Jungen den Kopf abschlug. Gaidar kam vor ein Militärgericht, das Urteil war milde.

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