Hinter jedem Fenster ein Schicksal. 27 Psychologen und Sozialarbeiter kümmern sich in Neukölln um die, die sich nicht selber helfen können. Foto: juergen2008
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Der tägliche Abgrund Unterwegs mit dem sozialpsychiatrischen Dienst in Neukölln

Sie fährt hin, wenn jemand randaliert, sich umbringen will, andere bedroht. Ines Gögelein leitet in Neukölln den sozialpsychiatrischen Dienst.

Im Gang des Neuköllner Hochhauses riecht es nach Müll. Ines Gögelein, Leiterin des sozialpsychiatrischen Dienstes von Neukölln, steht vor einer Wohnungstür und muss entscheiden: Ist der Mann hinter der Tür eine Gefahr? Für sich? Oder für andere? Es ist eine betreute Wohnung, die zuständige Sozialarbeiterin hat Gögelein vor einer halben Stunde telefonisch alarmiert. Ihr „Klient“, so heißt es ganz korrekt, habe sich ein Cutter-Messer besorgt. Er fühle sich von einem alten Freund bedroht, mit dem er sich überworfen habe. Und sei seit Tagen depressiv.

Ein Fall für die geschlossene Psychiatrie? Oder für die Polizei? Es ist Freitagnachmittag, die Sozialarbeiterin hatte gesagt, sie wolle sich „absichern“, bevor sie ins Wochenende gehe. Mit einer Kollegin und der Sozialarbeiterin betritt Gögelein die Wohnung.

Eine halbe Stunde später kommen die drei wieder heraus. Angst habe sie nicht gehabt, sagt Gögelein später. Sie hat den Mann überreden können, das Messer abzugeben. Er sei ihr als „vorrangig depressiv“ beschrieben worden, auf der Hut – da habe sie nicht mit einem körperlichen Angriff rechnen müssen. Sonst hätte sie die Polizei um Hilfe gebeten.

Der Mann ist einer von etwa 3200 Menschen jährlich, denen der sozialpsychiatrische Dienst des 330 000-Einwohner-Bezirks Neukölln zu helfen versucht. 27 Psychologen und Sozialarbeiter kümmern sich um psychisch Kranke in Neukölln. Die Psychiaterin Ines Gögelein leitet das Team seit zwei Jahren. Der Dienst kümmert sich um die, die vielleicht Hilfe brauchen, ohne es zu merken. Die auffallen und schon am Alltag scheitern. Die, die man früher „schräg“ oder „verrückt“ genannt hätte, um die, für die es gesellschaftlichen Normen nicht gibt.

Sie findet sich so hässlich, dass es sie lähmt

Ärzte, Psychologen und Sozialarbeiter schreiten ein, wenn jemand in seiner Wohnung randaliert, ankündigt, sich das Leben zu nehmen, an akuten Wahnvorstellungen leidet, andere bedroht. Sie vermitteln Therapieplätze oder Plätze in betreuten Einrichtungen. Sie kümmern sich auch, wenn sie Hinweise auf Leute bekommen, die anscheinend nicht mehr wissen, was sie tun. Die Psychiater haben das Recht, Menschen einzuweisen, wenn sie sich oder andere gefährden. So steht es im „Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten“. Ein Gericht prüft die Einweisung am folgenden Tag.

Der Dienst ist in einem schlichten Zweckbau in einem Neuköllner Hochhausviertel untergebracht, neben „Kaufland“, einer Dienststelle der Post, gegenüber einem Parkplatz. Innen rotes Linoleum, im Boden verschraubte Metallsitze im Wartebereich, eine alleinstehende Grünpflanze. Bei einer Kollegin von Gögelein sitzt im Besprechungszimmer eine junge Frau. Ihr hübsches Gesicht hat sie unter Schichten von Make-up verborgen. Der Mund knallrot und mit Lippenstift größer gemalt, als er ist. Der Lidschatten violett. Sie ist gerade erwachsen und weiß nicht mehr weiter.

Meistens könne sie sich nicht überwinden, irgendwas zu machen, erzählt sie. Verbringe Tage und Nächte mit dem Smartphone im Bett. „Ich stalke die ganzen hübschen Mädels“, sagt sie, auf Youtube und Instagram. Sie sieht sich schöne Frauen an und vergleicht sich mit ihnen. Und findet sich hässlich. So hässlich, dass es sie lähmt. Dass sie die Wohnung nicht mehr verlässt, alleine nicht mal zum Arzt gehen würde. „Andere haben Krebs“, sagt sie, „und ich mach’ mir Sorgen um mein Aussehen“, ergänzt sie entschuldigend.

Die junge Frau hat gerade einen Aufenthalt in einer Klinik für psychische Probleme hinter sich. Zum Gespräch hat sie ihre Mutter mitgebracht. Die Mutter sagt, seit ihre Tochter wieder zuhause sei, gehe es ihr täglich schlechter.

„Körperdismorphe Störung“, kurz KDS, nennt sich das Phänomen, oder auch „Dysmorphophobie“, wenn die Unzufriedenheit mit dem eigenen Äußeren das Fühlen und Denken und den Alltag beherrscht. Eine Verhaltenstherapie hat der jungen Frau nicht geholfen, die Kasse zahle jetzt nicht mehr, sagt die Mutter. Der sozialpsychiatrische Dienst wird einen Platz in einem Wohnprojekt suchen, wo die junge Frau Hilfe bekommt.

Heroin, Kokain, Ecstasy, LSD

Eine Stunde später, ein anderes Besprechungszimmer, eine andere Runde, eine Psychologin, eine Sozialarbeiterin, und noch eine, welche die junge Frau aus ihrem Wohnprojekt mitgebracht hat. Die Hilfesuchende mit der Punkerinnenfrisur möchte Unterstützung auf dem Weg in ein neues Leben. Sie habe eine „Entgiftung“ gemacht, sagt sie – und könne nicht zurück in ihre Wohnung, „weil ich da fast gestorben wäre“. Sie ist im Wohnheim eines sozialen Trägers untergekommen, eine Sozialarbeiterin mit rauchiger Stimme begleitet sie und sagt an, was sie für wichtig hält: „Sie braucht eine Tagesstruktur“, sagt sie über die junge Frau.

Was sie konsumiert habe? „Heroin, Kokain, Ecstasy, LSD“. Alkohol und Cannabis sowieso. Seit sie 14 war, war sie auf Drogen. Jetzt sei sie 31. „Es fühlt sich so an, als sei ich bei 16 stehen geblieben“, sagt sie über sich selbst, lacht kurz auf. Aufräumen, abwaschen – das bekomme sie hin. Aber schon mit dem Schreiben einer Bewerbung fühle sie sich überfordert. Es sei halt „viel auf der Strecke geblieben“.

Nein, Suchtdruck fühle sie nicht. „Ich will nicht konsumieren, und werde nicht konsumieren“, stellt sie fest. Sie wolle Erzieherin werden. Ein guter Vorsatz, ein langer Weg, entgegnet die Psychologin. Das therapeutische Wohnprojekt, das sie empfiehlt, habe „strenge Regeln“.

„Das möchte ich eigentlich nicht“, sagt die junge Frau mit großen Augen. Ihr Freund soll sie besuchen können, wann er will. Aber Erzieherin – das sei doch die Vermittlung von Regeln, hält die Psychologin dagegen. Erstmal gehe es um Struktur. Man vereinbart ein weiteres Gespräch. Als die junge Frau gegangen ist, sagt die Psychologin: „Ich glaube nicht, dass sie über den Berg ist.“

Ines Gögelein arbeitet unterdessen Meldungen ab - Telefonnotizen, Mails, Papiere des Krankenhauses und der Polizei. Wechselnde Mitarbeiter kümmern sich um die akuten Fälle – Menschen, womöglich in psychischen Ausnahmezuständen, die möglichst schnell einen Psychiater sehen sollten. Die Hinweise kommen von Familienangehörigen, Freunden, Nachbarn oder auch der Polizei.

Bloß altersverwirrt? Oder gestört?

In der Psychiatrie des Krankenhauses Neukölln hat Ines Gögelein vormittags eine Frau und einen Mann begutachtet, jeweils im Vier-Augen-Gespräch. Der Mann, etwa sechzig Jahre alt, schwerer Alkoholiker, wie Gögelein sagt, habe mehrfach angekündigt, sich umzubringen. Ines Gögelein empfahl die Unterbringung in der Klinik. Eine junge Frau, schon seit drei Wochen in der Psychiatrie, soll ebenfalls bleiben. Sie war eingewiesen worden, nachdem sie gezündelt hatte. Sie fiel auf, weil sie „krankheitsbedingt keinen Abstand zu den Gefährdungsmomenten nehmen konnte“, sagt die Psychiaterin. Die Frau habe immer wieder nach einem Feuerzeug gefragt.

Bei der Rückkehr aus der Klinik wartet schon der nächste Fall. Zwei alte Leute aus dem Neuköllner Süden haben angerufen. Ihr Nachbar, ein alter Mann, alarmiere immer wieder die Feuerwehr, lasse sich ins Krankenhaus bringen. Dort werde er dann umgehend entlassen. Er sei auf sich allein gestellt – fahre noch mit seinem Auto durch die Gegend und vergesse manchmal, wo er es geparkt hat. Ist er bloß altersverwirrt? Oder gestört? Vielleicht gemeingefährlich? Die Psychiaterin muss dem Alten zuhören. Eine vorläufige Diagnose erstellen. Hilfsmöglichkeiten finden – und, wenn es nicht anders geht, ihn in die Psychiatrie einweisen.

Ines Gögelein sagt: "Mein Menschenbild hat sich nicht verändert. Aber mein Bild von mir selbst." Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP Vergrößern
Ines Gögelein sagt: "Mein Menschenbild hat sich nicht verändert. Aber mein Bild von mir selbst." © Doris Spiekermann-Klaas TSP

Der Alte wohnt allein in einem kleinen Haus in Rudow. Normalerweise nimmt sie für solche Termine ihr Auto, aber das ist kaputt. Heute ist, schon damit es schnell geht und der Alte sich nicht wieder auf den Weg macht, eine Taxifahrt drin. Die Nachbarn, auch schon im Rentenalter, warten vor der Tür auf Gögelein und eine Kollegin. Sie machen sich Sorgen, und sie sind ein bisschen überfordert. Der Alte selbst, 83, hat an diesem Tag eine Odyssee hinter sich: mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus, schlecht sei ihm gewesen, erzählt er. Freundlich und bestimmt geht Gögelein auf ihn zu, aufmerksamer Blick, ein leichtes Lächeln. Sie stellt sich als Ärztin vor, erklärt in ein paar Sätzen, warum sie da ist – freundlich, sachlich, ruhig, mit dem gebotenen Abstand und Respekt vor einem Menschen, über dessen Zustand sie noch fast nichts weiß.

Sie muss abwägen: Freiheit gegen Risiko

Der Alte vertraut ihr und redet ganz offen. Seine Wohnung ist ordentlich. Eine Wasserflasche und ein Glas stehen auf dem Tisch. Aber der Alte wirkt verloren und bedrückt. „Voriges Jahr ist meine Frau gestorben, seitdem geht es mit mir bergab“, sagt er. Psychiaterin Gögelein sieht sich den Arztbericht aus der Notaufnahme an. „Sie haben eine beginnende Demenz. Die Häufigkeit steigt in Ihrem Alter deutlich.“ Viel trinken solle er, das sei gut für die Gehirnfunktion. Der Alte füllt gleich ein Glas mit Wasser und trinkt es.

Dann kommt die Psychiaterin auf das Autofahren. „Ich empfehle Ihnen, das Auto stehen zu lassen. Ihre Fahrtüchtigkeit steht wahrscheinlich auf der Kippe.“ Er fahre doch bloß zum nächsten Restaurant, sagt er, zur Pizzeria, füllt noch ein Glas mit Wasser und leert es in einem Zug. Ums Essen habe sich doch immer seine Frau gekümmert, er habe „nie in ’nem Topp jerührt…“

Die Psychiaterin muss abwägen: die Freiheit des Alten gegen das Risiko, dass er beim Fahren den Überblick verliert. Freundlich aber konsequent kündigt sie ihm an, die Zulassungsstelle werde sich bei ihm melden. Der Mann nickt resigniert. Zu den Nachbarn sagt die Psychiaterin: „Das ist schön, dass Sie das machen. Wenn wir uns untereinander nicht mehr helfen, dann holen wir alle immer nur noch die Feuerwehr…“

Nicht immer sind die Klienten so harmlos. Gögelein und ihre Kollegen haben es mit Betrunkenen zu tun, mit Menschen, die Wahnvorstellungen haben, „Drogen-induzierte Psychosen“, mitverursacht durch Amphetamine, immer öfter durch heftigen Cannabiskonsum.

Das eine ist das Elend. Das andere der Stress

Dabei ist der Neuköllner Dienst dem Gesundheitsstadtrat Falko Liecke zufolge nicht außergewöhnlich hoch beansprucht. Die Anzahl der Klienten sei in allen innerstädtischen Bezirken ähnlich hoch, weiß Liecke aus Gesprächen mit Kollegen. Bei den alkoholbedingten psychischen Störungen und Verhaltensstörungen liegt Neukölln im Berliner Vergleich auf dem siebten Platz, bei den Störungen durch „psychotrope Substanzen“ – sie verändern die Psyche oder das Bewusstsein – auf dem ersten. Die verfügbaren Daten stammen aus den Jahren 2009 bis 2013.

Psychische Erkrankungen sind in Berlin weiter verbreitet als etwa in Brandenburg. Dem Gesundheitsbericht von 2017 zufolge entfallen in Berlin 18,6 Prozent der Krankentage auf psychische Störungen.

Nichts spricht dafür, dass der Beratungsbedarf kleiner wird. Liecke sieht die Gesundheitsversorgung in Neukölln vor größeren Schwierigkeiten. „Die Personalsituation macht mir richtig große Sorgen“, sagt er, „wir sind im Krisenmodus.“ Die Frage stellt sich, wie lange die Behörde ihre Aufgaben noch erfüllen kann.

Allein im Neuköllner sozialpsychiatrischen Dienst könne man vier Ärzte neu einstellen, sagt Liecke. Die Frage sei aber, ob man überhaupt geeignete Personen finde. Ines Gögelein wirkt, als komme sie ganz gut mit dem Kummer zurecht, der ihr in Neukölln begegnet. Sie spricht mit Kollegen über das, was sie belastet. Bei Bedarf können die Mitarbeiter des Dienstes Rat in einem überregional arbeitenden Institut finden, das bei Stressbewältigung hilft. Außerdem gibt es die Supervision für alle Mitarbeiter.

Ines Gögelein sagt: „Mein Menschenbild hat sich nicht verändert, aber mein Bild von mir selbst. Belastbarkeit hat Grenzen – und das muss ganz deutlich sein, weil man sonst nicht durchhält.“ Sie hat ihre Familie, einen Mann und drei Kinder, ein „ausgeglichenes Zuhause“. Im Urlaub brauche sie eine Woche, um den Dienst hinter sich zu lassen. „Diese Arbeit hier ist sehr anstrengend.“

Das eine ist das Elend, das man sieht und von dem man hört, diese Menschen, die ihr Leben nicht in den Griff bekommen, gefangen in sich, angewiesen auf Angehörige, Therapeuten, Alltagshelfer. Das andere ist der Stress, den Begegnungen mit psychisch Kranken verursachen können. Ines Gögelein sagt, bei Terminen im Krankenhaus komme es vor, dass „man beschimpft wird nach Strich und Faden“. Ebenso passiere es, dass sie im Umgang mit Klienten die Angst überfällt.

Die Gefahr gehört zum Alltag

Vor einiger Zeit sei ein ehemaliger Patient des Maßregelvollzugs vorbeigekommen und habe ein „freundliches Gespräch“ gewollt. „Er machte mich verantwortlich, dass er im Maßregelvollzug war. Es ging ihm nicht um die Erklärung, es ging um die Bedrohung“, sagt sie ganz sachlich. Wenn sie und ihre Kollegen es mit Menschen zu tun haben, die womöglich anderen gefährlich werden, bleibe die Tür offen und ein Fluchtweg frei.

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