Tagesspiegel Mobil Der neue Sportpalast

Claus Vetter

Berlins Eishallen waren klein und kaputt, Visionen gab es viele. Doch nur ein Projekt wurde umgesetzt

An jenem frühen Septemberabend wirkte die Umgebung um die betagte Eishalle im Sportforum Hohenschönhausen unwirtlich. Es war matschig am Wellblechpalast, um den herum mit den Jahren eine kleine Containerlandschaft entstanden war. Schließlich war in der engen Halle zu wenig Platz für Umkleidekabinen, VIP- und Presseräume. Die Eisbären waren im Vorjahr zwar Zweiter in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) geworden. Aber es war ein Erfolg auf Pump. Der Klub war in Existenznot – bis zu jenem Abend. Da berief ein kleiner Herr mit grauen Schläfen hastig eine Pressekonferenz ein, in einem mit Bambusstäben verzierten Container mit dem euphemistischen Namen „Beach Lounge“. Bob Sanderman hieß der Mann und er sagte einen Satz, dessen Tragweite keiner der Zuhörer durchschaute: „Today, we bought the Eisbären.”

„Wir“, die Eisbären-Käufer, das war die Anschutz-Gruppe, deren Abgesandter Bob Sanderman war. Dem Unternehmen gehörten bereits die München Barons, auch ein Klub aus der DEL. Es war offensichtlich, dass ein millardenschweres Unternehmen aus Denver im US-Bundesstaat Colorado deutsche Eishockey-Klubs nicht zum Spaß kauft – erst recht nicht einen Verein am östlichen Stadtrand Berlins, dem das Etikett eines verschrobenen Kiezklubs anhaftete. Ganz beiläufig sagte Sanderman an jenem Abend im Septenber 1999, dass seine Gruppe beabsichtigte, infrastrukturell etwas zu ändern bei den Eisbären. Ja, man denke über eine Hallenneubau nach. Langfristig. Das Gelände, auf dem einst das Stadion der Weltjugend stand, sei dafür interessant.

Eine große Arena für die Eisbären? Das wurde auch vor allem im Berliner Westen nicht ganz so ernst genommen. Die Pläne, eine Riesenhalle für das Eishockey zu errichten, waren viel älter als die Eisbären, die auch zehn Jahre nach der politischen Wende durch die Umbenennung von SC Dynamo in Eisbären in Charlottenburg noch einen zweifelhaften Ruf hatten. Im Westen schlug das Herz des Berliner Eishockeys, da hatte der Schlittschuh-Club 1976 die letzte von 20 deutschen Meisterschaften gewonnen – und sich schon Mitte der Siebziger darüber beschwert, dass die neue Eissporthalle an der Jafféstraße viel zu klein war. „Schon damals haben wir davon geträumt, in der benachbarten Deutschlandhalle zu spielen“, erinnert sich Lorenz Funk, als Spieler und Funktionär dem Berliner Eishockey drei Jahrzehnte lang verbunden. „Das war jahrzehntelang ein Thema.“

Viel zu oft war die Halle an der Jafféstraße mit ihren gut 6000 Plätzen ausverkauft, schon Ende der Achtzigerjahre träumte Preussen-Präsident Hermann Windler von mehr. Doch aus dem Umzug in die größere benachbarte Deutschlandhalle wurde vorerst nichts. Spätestens, nachdem er von Jungunternehmer Axel Banghard Mitte der Neunzigerjahre abgelöst worden war, wurden die Pläne konkreter, aber auch die in Preussen umbenannten Capitals lebten über ihre Verhältnisse. Nachdem Banghard junior den abgewirtschafteten Klub verlassen hatte und sein Vater Egon den Verein finanziell retten konnte, kam neue Dynamik in das Thema Arena. Banghard sprach viel und gern über eine neue Arena. In Siemensstadt sollte sie entstehen, das Projekt wurde auch schon öffentlich vorgestellt, mit Brimborium und dem Bürgermeister von Spandau. Doch den Capitals ging es schlecht, Rettung schien aber aus Finnland zu kommen: Harry Harkimo.

Unternehmer Harkimo war ein kleiner Mann mit dunklem Haar und guten Beziehungen in die finnische Politik. Er wirkte bei seinen Vorträgen immer ein wenig hektisch und fahrig. Aber schließlich hatte er in Helsinki eine große Halle errichten lassen, die „Hartwall Arena“. Harkimo beschwerte sich bei seinem ersten Auftritt in der Eissporthalle an der Jafféstraße darüber, „dass Finnland in der Mitte des Niemandslandes liege“. Nach Helsinki seien Stars schwer zu locken, nach Berlin eher. Berlin sei ideal für eine Multifunktionsarena mit Eishockey und Konzerten. Banghard sagte damals: „Ohne die Capitals geht da nichts in Sachen Arena in Siemensstadt.“ Es ging überhaupt nichts. Harkimo verwirklichte sein Projekt 300 Kilometer weiter nordwestlich – in Hamburg. Dort entstand die Color-Line-Arena, die ihm die Anschutz- Gruppe inzwischen abgekauft hat.

In der Hamburger Halle spielt seit Herbst 2002 der zweite deutsche Eishockey-Klub von Anschtz. Der Eigner hat damals aus den München Barons per Zwangsumzug die Hamburg Freezers gemacht. Und in Berlin? Da hatte sich im Frühjahr 2002 das Westberliner Profi-Eishockey verabschiedet, die Capitals waren pleite. Ausgerechnet nachdem sie am Ziel ihrer Träume angekommen waren: Eine Saison lang hatten sie noch in der Deutschlandhalle spielen dürfen. Der Umzug hatte endlich geklappt – als Zwangsumzug, die Eissporthalle an der Jafféstraße hatte einem größeren Eingang der Messe Berlin weichen müssen.

Die Geschichte der Capitals endete mit einem wirren Kapitel. Es wurde viel erzählt und es passierte nichts: Banghard hatte sogar schon einen riesigen Videowürfel für die Deutschlandhalle bestellt, der aber nie aufgehängt wurde und von russischen Investoren gesprochen, die nie kamen. Auch das Hallenprojekt in Siemensstadt geisterte nach dem Ableben der Capitals noch durch die Stadt, aber als Konkurrenz zu Anschutz hatte es wohl keine Chance mehr.

Nun also bekommen die Eisbären die Halle, die sie brauchen. Es wird am Sonntag beim ersten Heimspiel der Eisbären in der O2-World einen neuen Zuschauerrekord für das Berliner Eishockey gegen. Über 14 000 Menschen werden das Spiel der Eisbären gegen Augsburg sehen. Bislang lag Berlins Zuschauerrekord beim Eishockey bei 8622 Zuschauern. Die Marke haben im Jahr 2003 die Eisbären bei einem Spiel gegen die Freezers aufgestellt – in der Deutschlandhalle. In den Dreißigerjahren sollen sich im abgerissenen Sportpalast bei Spielen des Berliner Schlittschuh-Clubs aber schon bis zu 10 000 Menschen gedrängelt haben – offizielle Zahlen gibt es nicht.

Es war ein langer Weg vom Sportpalast zur neuen Arena am Ostbahnhof: Als Sanderman damals in Berlin erstmals von einer neuen Halle sprach, spielten allein die Kölner Haie in der DEL in einer modernen Arena. Heute gibt es neben Hamburg noch in Mannheim, Düsseldorf und Hannover Stadien, die mehr als 10 000 Zuschauer fassen. Der Schritt war also für die Eisbären überfällig. Berlin ist in der Eishockey-Zukunft angekommen.

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