Spektakuläre Effekte mit einfachen Mitteln: Ein Lutz-Modell von 2004. Foto: Promo

Tagesspiegel Mobil Der Erfinder

Lutz Huelle schaut vorwärts. Das sieht man sehr schön in einer Rückschau auf sein Werk

Es macht Spaß, Lutz Huelle bei der Erinnerungsarbeit zuzusehen. Ein wenig ähnelt er dabei einem Wissenschaftler inmitten seiner Erfindungen. Nur dass Lutz Huelle keine Maschinen zusammenschraubt, bis sie etwas können, sondern sich mit etwas viel Schwierigerem beschäftigt: damit, wie aus Stoff Kleidung wird, „die man irgendwann nicht mehr verstehen muss, um sie schön zu finden“.

Schwierig ist es, weil Mode ein so einfaches Gewerbe zu sein scheint. Aber Lutz Huelle verweigert sich allem Modischen, das nur dekorativ ist. Er versucht, mit wenigen Mitteln viel auszudrücken. Seine Recherche hat immer mit einzelnen Kleidungsstücken zu tun. Und warum Menschen plötzlich etwas tragen wollen, was sie vor einigen Jahren noch für hässlich gehalten haben.

Huelle hat es international zu einigem Ansehen gebracht – was nicht bedeutet, dass er ein sorgenfreies Leben führt. Er arbeitet seit Jahren anonym für ein italienisches Modelabel, wie es viele seiner Kollegen tun, um sich eine eigene Kollektion leisten zu können. Dass er jetzt im Berliner Geschäft von Andreas Murkudis eine kleine Rückschau auf die letzten zehn Jahre seines Werks aufgebaut hat, zeigt, wie kontinuierlich er daran arbeitet, an morgen zu denken: „Es ist nicht spannend, retro zu sein.“

Einen ganzen Raum hat Andreas Murkudis für ihn freigeräumt. An den gekachelten Wänden hängen auch Kleider aus Frottee. „Ich hatte eine Freundin gebeten, sich so in ein Handtuch zu wickeln, als würde sie aus der Dusche kommen. Daraus habe ich ein Kleid gemacht.“ Aus einem sehr intimen Vorgang wurde so ein öffentlich wirksames Kleidungsstück.

„Alles kann mehreres sein. Wir sind es ja auch.“ An seinen Leitspruch hat sich Lutz Huelle in all den Jahren gehalten: Das Sweatshirt wird mit einem Seidenrock, den man mit silbernen Haken am Saum befestigt, zum Kleid. Der Pullover ist so gestrickt, dass er einen dicken Tweedstoff imitiert – aber das Muster verblasst vom Rollkragen zum Bündchen. Der Designer versucht, seine Formel für wohlüberlegten, tragbaren und individuellen Stil immer weiter zu verfeinern.

Nach seinem Abschluss am Londoner Saint Martins College arbeitete Huelle bei Martin Margiela, der in dem Ruf steht, lieber intellektuell unverstanden als seicht zu sein. Nach drei Jahren begann seine eigene Designerbiografie. Der 42-Jährige gehört zu einer Generation von deutschen Designern, die in den neunziger Jahren im Ausland ihre ersten Erfolge feierten. Viele von ihnen landeten in Berlin, wie Dirk Schönberger, bis vor kurzem Chefdesigner bei Joop!, oder Stefan Schneider, Modeprofessor an der Universität der Künste. Inzwischen ist Lutz Huelle der Einzige, der jede Saison zu einer Modenschau nach Paris lädt.

Auch er hat immer mal wieder darüber nachgedacht, nach Berlin zu ziehen – aber letztlich fehlten im die Argumente, Paris zu verlassen. Die gute Infrastruktur und die institutionelle Unterstützung würden ihm hier fehlen. Gegen die Bezeichnung „deutscher Designer“ hat er nichts: „Wenn kopflastig deutsch bedeutet, dann ist es gut.“Grit Thönnissen

Bis 15. Mai bei Andreas Murkudis, Münzstr. 21 in Mitte.

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