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„Das war wie ein Messerstich“ Makabrer Brief – Berlin lädt Corona-Tote zum Impftermin

Ihr Vater starb am Virus, das ist Wochen her. Nun erhielt die Tochter einen an ihn adressierten Brief: „Nutzen Sie die Chance, sich vor Covid-19 zu schützen.“

Am 11. Dezember starb der Vater von Gabriele D., Wolfgang W., an Covid-19. Infiziert hatte der Alt-Tempelhofer sich wahrscheinlich im Krankenhaus, nachdem er Mitte November gestürzt war und sich den Oberarm gebrochen hatte.

Hinter der Familie liegen quälende Wochen des vergeblichen Hoffens, der Verlust eines geliebten Menschen. „Was mich aber endgültig erschüttert hat, war ein Brief von der Berliner Gesundheitsverwaltung“, erzählt die Tochter. Darin: die Einladung für ihren Vater, einen Impftermin zu machen.

Weil nur begrenzte Mengen an Impfstoff verfügbar sind, sollen zunächst Menschen eine Einladung erhalten, die über 80 sind. Foto: Christophe/dpa Vergrößern
Weil nur begrenzte Mengen an Impfstoff verfügbar sind, sollen zunächst Menschen eine Einladung erhalten, die über 80 sind. © Christophe/dpa

Den Brief zog sie am Mittwoch, dem 6. Januar aus dem Briefkasten – ihr Vater war da bereits drei Wochen tot. „Sehr geehrter Herr W.“, schreibt die Behörde, seit Beginn des zurückliegenden Jahres seien in Deutschland und weltweit zahlreiche Todesfälle in Zusammenhang mit dem neuartigen Coronavirus aufgetreten. Sehr erfreut sei man, mitteilen zu können, dass nunmehr ein Impfstoff zur Verfügung stehe.

Dazu ein Aufklärungsmerkblatt, der Lageplan des Impfzentrums, die auszufüllende Einverständniserklärung. Außerdem ein Terminbuchungscode – vielleicht könnten Angehörige bei der Vereinbarung behilflich sein, steht da. Insgesamt umfasst das Schreiben zehn Seiten, beidseitig bedruckt.

Angehörige fühlen sich verhöhnt

Der Brief schließt mit den Worten: „Bitte achten Sie auf Ihre Gesundheit und nutzen Sie die Chance, sich mit der Impfung vor einer Covid-19-Erkrankung zu schützen. Mit freundlichen Grüßen, Dilek Kalayci“.

„Neben all dem Kummer und der Trauer ist das wie ein Messerstich in eine vorhandene Wunde“, sagt Gabriele D. „Wenn ich sage, dass ich mich verhöhnt fühle, ist das sehr mild ausgedrückt.“

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Doris Kuttner-Philipp aus Steglitz, deren Vater bereits am 30. November verstarb und sich wohl ebenfalls nach einem Sturz in einer Berliner Klinik infiziert hatte, ging es genauso. Sie hatte die Impfeinladung am Dienstag in der Post. „Das war ein ziemlicher Hammer“, sagt sie. „Es tat weh. Wieso muss das sein? Man begreift es nicht.“

Auch in Berlins Impfarena gab es Pannen. Impfstoff musste entsorgt werden, weil er nicht schnell genug gespritzt wurde. Foto: Paul Zinken/ dpa Vergrößern
Auch in Berlins Impfarena gab es Pannen. Impfstoff musste entsorgt werden, weil er nicht schnell genug gespritzt wurde. © Paul Zinken/ dpa

Eine Abfrage bei den Standesämtern, bevor die Briefe versendet werden, hätte doch diesen zusätzlichen Schmerz und Ärger vielleicht verhindern können, meinen die Angehörigen. Am späten Donnerstagabend bat die Redaktion die Gesundheitsverwaltung um Stellungnahme. Eine Antwort gab es bis Freitagabend nicht, „wegen des hohen Anfrageaufkommens müssen wir um Geduld bitten“, schrieb die Pressestelle auf wiederholte Nachfrage.

Mehr als 1500 Berlinerinnen und Berliner starben bereits am Virus

In einem ersten Schritt sollen in Berlin Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen geimpft werden, Benachrichtigungen erhalten dieser Tage zudem Berlinerinnen und Berliner, die älter als 80 Jahre alt sind. „Ich lese, die Verwaltung wundere sich, dass so viele Leute nicht reagieren“, sagt Gabriele D. „Wenn sie Tote anschreibt, wundert mich das überhaupt nicht.“

Bei insgesamt nun mehr als 1500 Berlinerinnen und Berlinern, die am Coronavirus gestorben sind, von denen die meisten älter als 80 waren, dürfte dieses Erlebnis womöglich noch etlichen Hinterbliebenen bevorstehen.

An Wolfgang W., Lothar Kuttner und andere Tote der Pandemie erinnern wir auf einer Gedenkseite.

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