Auch Noldes „Blumengarten in Alsen“ hängt nicht mehr in Merkels Büro. Zu ihren Beweggründen schweigt sie. Foto: Michael Kappeler/ dpa
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Bilder Emil Noldes in Merkels Büro Die Kanzlerin und der Nazi-Künstler

Zwei seiner Gemälde hingen in ihrem Büro. Experten warnten Angela Merkel früh, dass Emil Nolde Rassist und Nationalsozialist war. Sie reagierte widerwillig.

Der Abschied von Emil Nolde als amtlichen Repräsentanten Künstlerdeutschlands vollzieht sich in knappen Worten. „Brecher, 1936“ steht neben dem Werk des neuerdings umstrittenen Expressionisten in der Berliner Ausstellung über den „Künstler im Nationalsozialismus“. „Das 1949 durch das Land Berlin erworbene Gemälde hing zwischen 2006 und 2019 als Leihgabe im Bundeskanzleramt, im Büro von Bundeskanzlerin Angela Merkel“.

Hing. Vergangenheit. Der Schaukasten daneben zeigt ein Statement Merkels, in dem diese von Farbenspiel und Dynamik bei Nolde schwärmt und von ihrer Faszination seit Jugendzeiten. Schon bei Amtsantritt wollte sie Nolde-Werke für ihr Arbeitszimmer. Neben dem Brecher bekam sie den „Blumengarten in Alsen“.

Umso erstaunter reagieren manche, als Merkel im April beide Werke an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) retourniert. Endgültig, ohne Wiederkehr. Erklärungen gibt es keine, außer der SPK-Bitte, das eine Bild, den „Brecher“, für die Schau zu überlassen. Zeitweise. Über die Motive seines Vorgehens schweigt das Kanzleramt. Womöglich, weil man mit dem Ablauf nicht ganz glücklich ist. Denn interne Dokumente zeigen, dass man die Bilder trotz der SPK-Bitte und neuer Erkenntnisse zu Nolde bei Merkel im Büro behalten wollte. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), die einbezogen wurde, fügte sich. Merkel selbst war offenbar zwar bereit, den „Brecher“ aus dem Haus zu geben. Aber er sollte wiederkommen.

Offenbar war es egal

Aus den Akten, die der Tagesspiegel auf einen Antrag nach dem Informationsfreiheitsgesetz (IFG) einsehen konnte, geht zudem hervor, dass man im Kanzleramt spätesten seit Anfang 2014 darüber informiert ist, wie sich die Nolde-Betrachtung verändert und Merkels Bilder davon betroffen sind. Offenbar war es egal. Erst als einige Medien im Frühjahr das Thema von der Kunstszene auf die große Bühne heben, endet die bis dahin stabile Verehrung. Merkel entscheidet sich um.

Für das Publikum wird danach ein Verwirrspiel aufgeführt. Als Merkel am 4. April in Dublin gemeinsam mit dem irischen Premier eine Pressekonferenz gibt, wird sie nach den Bildern gefragt. Sie berichtet von einer Bitte des Chefs der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, die beiden Bilder für die Ausstellung zur Verfügung zu stelle. „Es ist für mich ganz selbstverständlich, dass ich das tue. Damit ist, glaube ich, das getan, was auch zu erwarten ist: Wenn solche Bilder für eine Ausstellung gebraucht werden, dann werden sie herausgegeben, klar.“

Ein echter Merkel-Satz. Eine umstrittene Entscheidung wird, sachlich unscharf und in leichter Redundanz, als alternativlos geschildert, während das eigentlich Umstrittene unerwähnt, unerklärt bleibt. Hat sie die Bilder abhängen lassen, weil Nolde Nazi, Hitler-Verehrer und Antisemit war? Seit wann ist sie mit dem Problem befasst?

„Geistiger Sprengstoff“

Keine Diskussionen, bitte. Tags darauf korrigiert Regierungssprecher Steffen Seibert, dass nur eines der beiden Bilder erbeten worden sei, jedoch beide herausgegeben würden - und nicht mehr zurückkehren sollten. Journalistenfragen übergeht er in bekannter Routine. Wieder fällt das Wort „selbstverständlich“. Der neue Blick auf Nolde? Es sei nicht Sache der Kanzlerin und auch nicht die ihres Sprechers, historische Bewertungen vorzunehmen. Dafür gebe es andere Experten. „Ich glaube auch nicht, dass das Teil der Politik der Bundesregierung ist, über die wir hier Auskunft geben.“

So sehr die aktuelle Ausstellung derzeit für ihre neue Perspektive gefeiert wird, sie bietet Erkenntnisse, die in langen Jahren zusammengetragen wurden und teilweise längst öffentlich sind. Schon als die Kanzlerin 2008 die Nolde-Memoiren „Mein Leben“ als Lesestoff für den Urlaub erwähnt, erörtert der Kunsthistoriker und Journalist Florian Illies, ob sie sich mit der um antisemitische Passagen bereinigten Lektüre „geistigen Sprengstoff“ in den Koffer packe.

Mag sein, dass dieser Einwurf noch der Aufmerksamkeit der Staatsleitung entging. Anders liegt dies bei einem Vorgang sechs Jahre später, im Jahr 2014. Ein Kunstmagazin liefert eine Übersicht zur neuen Nolde-Forschung. Anlass ist eine Retrospektive in Frankfurt, die erste große Schau seit einem Vierteljahrhundert. Der Text beginnt und endet mit kritischen Sätzen zu Merkels Bürokunst.

Sie will das Bild wiederhaben

Da wendet sich der damals frische Direktor der Nolde-Stiftung in Seebüll, Christian Ring, mit Bezug auf die Veröffentlichung direkt an die Kanzlerin. Ring, der in der Diskussion im April Merkel mahnte, zu einer Haltung zu finden und ihre Motive darzulegen („Ich finde das sehr, sehr spannend“), lässt allerdings in seinem damaligen Schreiben Skepsis vermissen. Im Gegenteil, er verlegt sich auf Affirmation: „Mir ist unverständlich, warum Sie, verehrte Frau Merkel, dort mit hineingezogen werden, nur weil sie die großartige Kunst Noldes schätzen und sich damit umgeben“. Noldes Kunst gehöre sich selbst. „Wir dürfen sie genießen. Insofern freut es mich, dass seine Werke bei Ihnen im Kanzleramt hängen.“ Er hoffe, dass die Regierungschefin sich „auch zukünftig“ an den Gemälden und ihren „wunderbaren Farbenstürmen“ erfreue.

Merkels Mitarbeiter erkennen den konfliktreichen Zusammenhang und unterstreichen entsprechende Passagen. Dennoch: „Keine Veranlassung erforderlich“, notieren sie und das Kürzel z.d.A. – zu den Akten. Dass man gleichwohl ins Nachdenken kommt, belegt ein weiterer Vorgang. Kurz nach Rings Brief bitten die Beamten die Provenienzstelle der Staatlichen Museen um eine Recherche. Die beruhigende Auskunft: Die Werke seien „frei von jeglichem Verdacht auf NS-verfolgungsbedingt entzogenen Verlust“.

Wie Merkel persönlich zu ihrem Nolde hält, beweist dann ihre Reaktion auf eine Leihanfrage der Nationalgalerie bezüglich des „Blumengartens“ Anfang 2015. „Ich sollte mich offen zeigen“, notiert die Kanzlerin mit der grünen Tinte der Amtsleitung. „Allerdings möchte ich das Bild dann wiederhaben“.

Der Brief liest sich wie eine Warnung

Die Anfrage Parzingers für die aktuelle Schau hätte dann so etwas wie die Wende sein können. Sie war es aber nicht.

Das Schreiben mit Datum vom 20. Februar liest sich wie eine Warnung. Die Bitte um den „Brecher“ kommt erst am Schluss der zweieinhalb Seiten. Zuvor wird das Kanzleramt gründlich mit dem Stand der Forschung vertraut gemacht: Wie heute kaum bekannt sei, habe sich der Künstler bereits 1934 den dänischen Nationalsozialisten zugewandt. „Er unterstützte dabei auch ganz ausdrücklich die antisemitische Politik des NS-Regimes.“ Parzinger wolle Merkel „persönlich über diese besondere Ausstellung und deren Inhalte informieren“, da sich „in Ihrem direkten Arbeitsumfeld zwei bedeutende Nolde-Werke befinden“. Der Stiftungschef schildert, wie Nolde nach dem Krieg popularisiert und von Kunsthistorikern sowie durch Siegfried Lenz‘ Roman „Deutschstunde“ fälschlich zu einem Widerständler umgedeutet worden sei.

Besonders geht Parzinger dabei auf Merkels „Brecher“ ein. Das Bild sei zentrales Thema im Schlusskapitel des geplanten Katalogs unter dem Titel „Nolde-Kult“. Hier werde beschrieben, wie der Maler am eigenen Mythos gearbeitet habe, „nicht zuletzt durch Säuberung seiner Biografie von den auffälligsten antisemitischen Passagen“. Die Katalog-Autoren erklärten, schreibt Parzinger, wie Nolde durch Politiker und Staatsmänner wie den verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt zum Hauptvertreter einer „guten“ deutschen Kunst werden konnte. Im Katalog abgebildet sei nun „auch eine Arbeitssituation aus Ihrem Büro“. Dazu liefert Parzinger noch Download-Links und entschuldigt sich, dass er Merkel nicht früher über alles in Kenntnis setzten konnte.

Kunst für die Sitzgruppe

Mit anderen Worten: In der Ausstellung soll die Kanzlerin in eine Reihe mit jenen gestellt werden, die den eigentümlichen Nolde-Nimbus vom Anti-Nazi am Leben hielten, ja die ihn erst mit aufgebaut haben. Der Brief ist eine kaum verdeckte Aufforderung, den Umgang mit den Werken zu überdenken. Statt eine von Lenz ist das Schreiben eine „Deutschstunde“ des Stiftungschefs, nur in umgekehrter Richtung. Eine Entlarvung.

Trotzdem legt die Kanzlerin eine im Rückblick verstörende Unempfindlichkeit an den Tag. „Gibt es irgendeinen Ersatz?“, notiert sie in wiederum grüner Tinte – offenbar gemünzt auf ein anderes Nolde-Werk. „Aber ich kann mich dem Wunsch wohl nicht verschließen.“

Kann sie doch, jedenfalls schlagen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter genau dies vor. „Die Anfrage erfolgt sehr kurzfristig“, heißt es in einem Votum des zuständigen Referats vom 13. März. Es werde nicht gelingen, ein Werk zu finden, dass konzeptionell zum „Blumengarten in Alsen“ passe, zumal andere Werke Noldes wegen der Ausstellung nicht zur Verfügung stehen dürften. Ein Pendant eines anderen Künstlers „würde den derzeitigen künstlerischen Eindruck in Ihrem Arbeitszimmer im Bereich der Sitzgruppe nachhaltig verändern“. Dann folgt ein Bekenntnis, dass Nolde als Vertreter einer „guten“ deutschen Kunst zumindest bis zum Ende der Ära Merkel vielleicht noch hätte bestehen lassen können: Die Ausleihe solle „auch deshalb vermieden werden, weil das Nolde-Ensemble aufgrund der langen Hängedauer eine identitätsstiftende Wirkung entfaltet, die nicht ohne weiteres aufgegeben werden sollte“, heißt es.

Monika Grütters segnet den Entwurf ab

Bereits beigefügt: Der Entwurf einer Absage für den „Brecher“ durch Kanzleramtschef Helge Braun: „Dieses Kunstwerk bildet mit dem ,Blumengarten in Alsen‘ eine besondere künstlerische Situation im Arbeitszimmer der Bundeskanzlerin. Hier kurzfristig eine neue Konstellation zu schaffen, erscheint wenig ratsam.“

Ein letzter Satz verrät, dass man den Schuss noch immer nicht gehört hat: „Ihr Anliegen, neue Blickweisen auf den Künstler zu erschließen, verspricht ein hohes Öffentlichkeitsinteresse.“ Genau so wird es sein. Auch an der Kunst in Merkels Arbeitszimmer. Doch Kulturstaatsministerin Grütters segnet den Entwurf ab. Merkel hat ausweislich der Unterlagen ebenfalls keinen Einwand. Der Brief ist parat, verschickt zu werden.

Irgendwann muss sich die Kanzlerin gemeldet haben. Doch noch immer geht es nicht um Bedenken, den Antisemiten Nolde als stummen Gast im Büro zu haben, sondern um Modalitäten der Ausleihe. In einer internen E-Mail vom 21. März heißt es, Frau Bundeskanzlerin sei „grds. bereit, den Nolde aus ihrem Büro wie erbeten auszuleihen“. Die Kulturbeauftragte werde eine Vorlage erstellen, die Vorschläge für Ersatz „und für alle weiteren künstlerischen Fragen“ enthalte. Der „Brecher“ durfte raus – er sollte aber zurückkehren.

„Böse Ambivalenz“

In diesen Tagen, um den Monatswechsel, müssen dann die ersten Ausläufer des erwarteten öffentlichen Interesses in die Berliner Regierungszentrale gedrungen sein. Ende März gibt der Nolde-Fachmann Felix Krämer im Deutschlandfunk ein Interview, in dem er den Maler als Nazi und Rassisten schildert. Im Kanzleramt möge man nachdenken, ob man ihn als Repräsentanten behalten wolle. Am 3. April erscheint ein „Zeit“-Bericht, der wegen der „bösen Ambivalenz“ der Bilder in dieselbe Kerbe schlägt.

Wohl erst daraufhin setzt das große Begreifen ein, jedenfalls an der Spitze der Behörde. Am selben Tag informiert eine interne E-Mail die Beamten, dass die Kanzlerin entschieden habe, beide Gemälde an die Stiftung zurückzugeben, und zwar dauerhaft. Zunächst ist noch die Rede von Ersatzgemälden. Eine Mail von Merkels Vertrauter Beate Baumann am 8. April beendet die Diskussion. Die Chefin wolle kein neues Bild von der Stiftung, alle Aktivitäten, die dazu liefen, sollen „umgehend und abschließend gestoppt werden“. Ob es neue Bilder geben solle, werde zu gegebener Zeit entschieden, aber das werde „definitiv nicht von und mit der SPK erfolgen“. Am 9. April geht aus der Grütters-Abteilung eine E-Mail an Parzinger, dass dieser für eine Nachfolgeausleihe keine Überlegungen anzustellen brauche.

Woher die nunmehr vollkommene Ablehnung rührt, weniger gegenüber Nolde als vielmehr gegenüber der Stiftung, bleibt in den Dokumenten unklar; mag sein, dass Merkel der Parzinger-Brief nicht deutlich genug erschien, zumal dieser am Schluss „Verständnis“ äußert, falls die Kanzlerin sich der Leihbitte verschließe. Vielleicht erscheint ihr mit Nolde nun auch der Kontakt zur Stiftung kontaminiert.

Was bleibt

Zurück bleibt eine Nolde-Akte im Kanzleramt, die geeignet erscheint, ein weiteres Schlusskapitel der Ausstellung abzubilden. Sie erzählt, wie leicht eine Wahrheit übersehen werden kann, wenn sie Zweifel am eigenen Handeln weckt. Wie Beamten und nicht zuletzt auch wieder einmal ein Kunsthistoriker auch im Lichte neuer Erkenntnisse alte Einsichten verteidigen. Wie Nolde als Staatskünstler, bewundert und verehrt, derart lange überdauern konnte.

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