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Die Anklage wirft dem Mann fahrlässige Tötung und fahrlässige Gefährdung des Straßenverkehrs vor. Foto: Paul Zinken/dpa
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„Zutiefst verzweifelt über das unermessliche Leid“ Vier Tote durch SUV-Unfall in Berlin – eine vermeidbare Tragödie?

Der Fahrer eines Geländewagens erlitt am Steuer einen epileptischen Anfall und raste auf den Gehweg. Nun begann der Prozess wegen fahrlässiger Tötung.

Die vier Fußgänger auf dem Gehweg hatten keine Chance. Ein SUV raste mit mehr als 100 Stundenkilometern heran. Ein dreijähriger Junge, dessen 64-jährige Großmutter und zwei 28- und 29-jährige Männer starben noch am Unfallort.

Rund zwei Jahre später steht mit einem Diplom-Kaufmann der Fahrer des Wagens vor dem Landgericht. „Ich möchte den Angehörigen der Menschen, die bei meinem furchtbaren Unfall ums Leben gekommen sind, mein tiefstes Beileid aussprechen“, begann der 44-Jährige. Die Nebenklage-Anwälte von den Hinterbliebenen waren „eher empört“ über seine Einlassung.

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Die Richter müssen in dem Prozess wegen fahrlässiger Tötung und Gefährdung des Straßenverkehrs prüfen: Saß Michael M. am Steuer des schweren Fahrzeugs, obwohl er – so der Vorwurf der Anklage - wegen eines bekannten Anfallsleidens und einer kurz zurückliegenden Hirn-OP dazu nicht in der Lage war? Hatte ihm ein Neurologe noch deutlich vom Autofahren abgeraten? Ein ausdrückliches ärztliches Verbot soll es nicht gegeben haben, hieß es am Rande.

Michael M. – Familienvater, tätig in der Automobilbranche, nicht vorbestraft - kämpfte mit den Tränen, als er am Mittwoch eine Erklärung verlas. Es sei ein „schreckliches, ganz grauenhaftes Unglück“. Er sei „zutiefst verzweifelt über das unermessliche Leid“, das sein Unfall verursacht hat.

Alles getan, um einen epileptischen Anfall auszuschließen

Der Mann, der am Rande der Verhandlung als Autofan beschrieben wurde, will allerdings sicher gewesen sein, dass er mit der Operation und Medikamenten alles getan habe, um einen zweiten epileptischen Anfall auszuschließen. Dass es dennoch dazu kam, sei für ihn bis heute unfassbar.

Es war gegen 19 Uhr, als er am 6. September 2019 mit seinem Porsche Macan Turbo die Invalidenstraße befuhr. Seine Mutter und seine kleine Tochter saßen mit im Auto. Sie wollten zu einem italienischen Restaurant in der Nähe. Vor ihm an einer roten Ampel warteten Fahrzeuge, er scherte auf die Gegenspur aus. „Infolge eines epileptischen Anfalls verkrampfte er, trat das Gaspedal durch“, so die Anklage.

Er habe wegen des Anfalls „konstant beschleunigt“. Der Wagen rammte eine Ampel, riss mehrere Metallpoller aus der Verankerung. Das Auto wurde in die Luft geschleudert, überschlug sich mehrfach und erfasste an der Kreuzung Invalidenstraße/Ackerstraße in Mitte die vier Fußgänger auf dem Gehweg. Fassungslosigkeit herrschte. Der Fall sorgte deutschlandweit für großes Aufsehen und löste eine Debatte über SUVs in der Stadt aus.

Letzter Anfall sei vier Monate her gewesen

Es wird sich in dem Prozess stark um medizinische Fragen drehen. M. erklärte nun, er habe am 12. Mai 2019 erstmals einen epileptischen Anfall erlitten. Er habe sich in Behandlung begeben und Medikamente bekommen. Man habe ihm gesagt, dass er für drei Monate anfallsfrei sein müsse, bevor er wieder Auto fahren dürfe. Es sei das einzige Mal gewesen, dass er bei seinen vielen Arztbesuchen einen schriftlichen Hinweis zum Autofahren erhalten habe.

Im August 2019 habe er sich dann in der Schweiz einen gutartigen Tumor entfernen lassen. Nach dem Eingriff in seinem Kopf habe er von einem Professor positive Mitteilungen erhalten, so M. Messungen nach der OP hätten keinerlei epileptische Potentiale mehr ergeben. Als er sich ans Steuer setzte, habe sein bis dahin einziger Anfall vier Monate zurückgelegen. „Es gab keine Anhaltspunkte, dass ich nochmals einen epileptischen Anfall erleiden könnte.“ An den konkreten Unfallhergang habe er keine Erinnerung.

Neun Hinterbliebene sind als Nebenkläger am Prozess beteiligt. Die meisten waren nicht persönlich erschienen. „Es ist eine wahnsinnige Belastung“, so ein Nebenklage-Anwalt. Die Tragödie sei vermeidbar gewesen. „Das macht den Schmerz besonders stark.“ Am meisten Bedauern habe M. über sich selbst zum Ausdruck gebracht. Und eine Nebenklage-Anwältin: „Wir wissen, dass es einen ganz ausdrücklichen Rat ganz kurz vor dem Unfall gab, nicht zu fahren.“

Für den Prozess sind 20 weitere Tage bis Februar 2022 vorgesehen. Am nächsten Verhandlungstag am 1. November will der Angeklagte sich weiteren Fragen stellen.

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