Ein Arbeiter steht am 13.11.1991 während der Abrissarbeiten des ehemaligen Lenindenkmals in Berlin neben dem Kopf des Monuments. Foto: DPA
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Zum 50. jährigen Jubiläum Wie die monumentale Leninstatue nach Berlin kam - und wieder verschwand

An einem Sonntag vor 50 Jahren wurde die Leninstatue in Friedrichshain errichtet. Walter Ulbricht wollte es so. Was der gefallene Kopf seitdem erlebt hat.

Wenn Lenin das noch erlebt hätte! Zwar war von dem einst nach ihm benannten Platz im Herzen der deutschen Hauptstadt im fertigen Film kaum etwas zu sehen. Und ihn selbst, riesengroß und aus rotem ukrainischem Granit, hatte man ohnehin schon vor Jahren weggeschafft.

Aber egal: In der Scheinwelt der Berliner Dreharbeiten zu „Das Bourne Ultimatum“ im Februar 2007 war sein ehemaliger Ehrenplatz, nunmehr gewidmet den Vereinten Nationen, ausgerechnet nach Moskau verlegt worden. Die von der Filmcrew beauftragte Firma hatte sich – Berliner Winter sind nicht schneesicher – mächtig Mühe gegeben, die Szenerie weiß einzufärben.

Ein ehemaliger CIA-Killer, der über den ehemaligen Leninplatz durch die vermeintliche russische Hauptstadt gehetzt wird? Dem alten Revolutionär hätte das gefallen. Dass Bourne die russischen Sicherheitskräfte locker ausspielt, weniger.

Wenn Walter Ulbricht das geahnt hätte! Der wähnte sich selbst und das von ihm repräsentierte Gesellschaftsmodell von allen Veränderungen ungefährdet, als er am 19. April 1970, diesem Sonntag vor 50 Jahren, vor 200 000 Werktätigen und Politprominenz aus der DDR und den sozialistischen Bruderländern die Einweihung des überlebensgroßen Standbilds auf dem Friedrichshainer Leninplatz feierte – drei Tage vor dem 100. Geburtstag des Revolutionsführers.

Dabei rühmte er es als Zeugnis, „dass die Arbeiterklasse und alle Werktätigen unseres Landes Wladimir Iljitsch Lenin lieben und verehren, dass sie seine Lehren beherzigen und all ihre schöpferischen Kräfte für den Sieg des Sozialismus einsetzen“. Leider wollte das die Statue verhüllende Tuch erst nach mehrfachem Zerren fallen.

Für den Leninplatz wurde ein Ideenwettbewerb ausgerufen

Von einem Standbild war noch keine Rede, als 1967 der Minister für Bauwesen und der Ost-Berliner Oberbürgermeister „zur Lösung der städtebaulich-architektonischen und bildkünstlerischen Gestaltung des Leninplatzes“ einen Ideenwettbewerb auslobten, unter den kritischen Augen des Politbüros der SED.

Der erste Preis wurde dem Kollektiv der Deutschen Bauakademie um Hermann Henselmann zugesprochen, sein Entwurf sah ein Ensemble aus teils geschwungenen, teils kühn in die Höhe gestaffelten Wohnbauten vor, wurde aber in der Ausführung durch das Wohnungsbaukombinat Berlin stark beschnitten.

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Völlig verschwand Henselmanns Bibliothek in Form einer aufgerollten Fahne mit einem Lichthof samt Lenin-Statue. „Niemand von uns wäre auf die Idee gekommen, die Statue höher als in Lebensgröße zu errichten“, erzählte 2015 der am Entwurf maßgeblich beteiligte, 2019 verstorbene Architekt Wilfried Stallknecht der „Berliner Zeitung“.

Die Pläne seien geändert worden, ohne dass die Architekten etwas erfahren hätten. „Die Entscheidung muss in den höchsten Parteikreisen gefallen sein.“

Monumental. 19 Meter hoch war die mächtige Leninstatue in Friedrichshain, nur überragt von den sozialistischen Plattenbauten ringsum. Foto: imago Vergrößern
Monumental. 19 Meter hoch war die mächtige Leninstatue in Friedrichshain, nur überragt von den sozialistischen Plattenbauten ringsum. © imago

Die Bibliothek wurde also gestrichen, die Leninstatue aber blieb und wuchs ins Übermenschliche. Die DDR-Regierung hatte den sowjetischen Bildhauer Nikolai Wassiljewitsch Tomski, Präsident der Akademie der Künste der UdSSR, mit dem Entwurf betraut.

Ein Zeichen der deutsch-sowjetischen Freundschaft

Er hatte schon Stalin geliefert und wiederholt Lenin-Denkmäler modelliert, war als Vertreter des Sozialistischen Realismus ein Künstler ganz nach Ulbrichts Geschmack.

Aus mehr als 120 Teilelementen wurde das Standbild nach Tomskis Entwurf zusammengefügt. 26 Meter maß der kreisrunde Sockel, 19 Meter die Statue, die Lenin als herrisch in die Zukunft blickenden Volkstribun vor einem stilisierten Banner zeigt – ein bedeutender „Beitrag zur Gestaltung dieses schönen Ensembles unserer Hauptstadt“, das damit zu einem „Werk deutsch-sowjetischer Freundschaft und Zusammenarbeit“ geworden sei, so Ulbricht in der Festrede.

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Doch gerade diese Freundschaft zeigte erste Risse, und sie waren gerade mit ihm, dem Ersten Sekretär des ZK der SED, verknüpft. In der sowjetischen Führungsspitze um Leonid Breschnew reagierte man zunehmend irritiert auf Ulbrichts These, die DDR könne Vorbild für die Verwirklichung des Sozialismus in einem industrialisierten Land sein.

Das berührte den Monopolanspruch der KPdSU als Vertreterin der reinen Lehre. Auch Ulbrichts Hoffnungen, von der Ostpolitik der 1969 gebildeten sozialliberalen Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt wirtschaftlich profitieren zu können, stimmten Moskau misstrauisch.

Ulbricht wurde von Honecker abgelöst - Lenin blieb

So fand eine mit Ulbrichts Wirtschafts- und Deutschlandpolitik zunehmend unzufriedene Gruppe im Politbüro, die sich seit 1965 um Honecker gebildet hatte, leicht Unterstützung im Kreml. Im Januar 1971 wandte sich die Mehrheit des SED-Politbüros in einem geheimen Schreiben an den Kreml-Chef, am 3. Mai 1971 trat Ulbricht zurück, Honecker wurde der neue starke Mann.

Auf gute Nachbarschaft. Heute liegt das steinerne Haupt des Revolutionsführers in der Zitadelle Spandau zwischen Kurfürsten und Königen. Ausgerechnet. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Auf gute Nachbarschaft. Heute liegt das steinerne Haupt des Revolutionsführers in der Zitadelle Spandau zwischen Kurfürsten und Königen. Ausgerechnet. © Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Ulbrichts Lenin wirkt vor dem Hintergrund dieser nur Monate nach der Enthüllung stattgefundenen Ereignisse fast wie ein letztes Monument einer fehlgelaufenen, kurz vor ihrem Ende stehenden Politik – eine Rolle, die das Standbild nach der Wende in verschärfter, finaler Form erneut spielen sollte. Es galt nun als Symbol des gewaltfrei überwundenen DDR-Regimes, auf einer Linie mit der Mauer.

1991 beschloss die BVV Friedrichshain mehrheitlich den Abriss des Granitmonuments, Auslöser einer heftigen, von Protesten begleiteten Diskussion in der Stadt. Am Schicksal Lenins änderte das nichts.

In der Nachbarschaft von Königen und Fürsten

Erst wurde er aus der Denkmalliste gestrichen, ab 8. November 1991 in Einzelteile zerlegt, per Lastwagen nach Köpenick transportiert und dort im Forst verbuddelt – ein Vorgang, dem Wolfgang Beckers Film „Good Bye, Lenin!“ mit seinem am Hubschrauberhaken davonschwebenden Titelhelden eine der eindrucksvollsten Szenen verdankt.

Die Leerstelle wurde später mit einer aus Findlingen geformten Brunnenanlage gefüllt, der Platz umbenannt. Während Lenin zumindest teilweise wieder aus dem Untergrund auftauchen durfte. Erneut nach langer Diskussion wurde der Kopf im September 2015 ausgegraben, auf die Spandauer Zitadelle gebracht und in die Dauerausstellung „Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler“ eingefügt.

So liegt er nun in Nachbarschaft alter Kurfürsten und Könige. Es hätte Lenin kaum gefallen.

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