Seit 20 Jahren hat die Dersim-Kulturgemeinde Berlin hat ihren Sitz am Waterloo-Ufer. Ob sie hier bleiben kann, ist unklar. Nina Breher
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Zentrum der „Dersim Kulturgemeinde Berlin“ bedroht ZLB-Neubau könnte Vereinshaus zum Umzug zwingen

Für den Kreuzberger Blücherplatz gibt es große Pläne. Unklar ist, was mit dem Gebäude der Dersim-Kulturgemeinde passieren wird, die hier seit 20 Jahren sitzt.

Am Kreuzberger Waterloo-Ufer steht nahe des Halleschen Tors steht ein Flachbau, der an eine Schulsporthalle erinnert. Seit 20 Jahren hat hier die „Dersim Kulturgemeinde Berlin“ ihren Sitz. Neuerdings ist aber unklar, wie lange noch. Denn für das Gelände, auf dem es steht, gibt es große Pläne: Hier soll der Neubau der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) entstehen.

Um den Neubau zu planen, wurden Bürger beteiligt. Experten entwarfen Pläne und diskutierten sie mit der Öffentlichkeit. Auf zwei von drei der Entwürfe, die im Januar vorgestellt wurden, befindet sich der Neubau nun jedoch genau da, wo das Gebäude des Vereins jetzt steht. Was aus dem kleinen Gemeindehaus werden soll, wurde bei der Abschluss-Präsentation nicht gesagt.

Die Kulturgemeinde ist das Berliner Zentrum der Zaza-Aleviten, einer Minderheit aus der türkischen Region Dersim. Der Sprecher des Vereins, Kemal Karabulut, sagte dem Tagesspiegel telefonisch: „Wir wollen bleiben.“ Der Verein habe das Gebäude selbst renoviert, einen Festsaal angebaut und pflege gute Kontakte in der Nachbarschaft. Der Verein sei aber bereit, an einen anderen Ort auf dem Gelände auszuweichen.

Die Neubau-Entwürfe, die den Verein zum Umzug zwingen könnten, sind die Vorstufe eines Architekten-Wettbewerbs. Um die Entwürfe zu erstellen, gab es ein sogenanntes „Dialogverfahren für die städtebauliche Machbarkeitsstudie“. Zu diesem Zweck wurde auf fünf Veranstaltungen mit Anwohnern und Interessierten informiert und diskutiert. Auch Karabulut nahm an einigen teil, es wurde auch über die Dersim-Gemeinde gesprochen.

Bei der abschließenden Vorstellung der drei Entwürfe Mitte Januar vor großem bezirklichem Publikum war das Haus der Dersim-Gemeinde aber kein Thema. In zwei der drei Entwürfe, die vorgestellt wurden, würde das Gelände, wo jetzt das Gemeindehaus steht, von der Zentral- und Landesbibliothek überbaut. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg bestätigte das auf Nachfrage.

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Jetzt werden Architekten gesucht, die den finalen Plan ausarbeiten sollen. Ob das Dersim-Gebäude wirklich abgerissen wird „steht aber noch nicht fest“, sagte der Bezirk. Wenn sich die Architekten für den Entwurf entscheiden, der das Gemeindehaus nicht überbaut, bleibt es.

Da die aktuellen Entwürfe nicht final sind, sondern von Architekten auch abgeändert werden können, ist zumindest denkbar, dass die Architekten einen der zwei anderen Entwürfe abändern. Man müsse jetzt abwarten, was der Wettbewerb ergebe, sagte der Bezirk.

Wer steckt hinter der Dersim-Kulturgemeinde?

Karabulut ist Gründungsmitglied des Vereins, der seit 1993 existiert. Seit 2000 sitzt er am Waterloo-Ufer, hat rund 250 Mitglieder. „Es kommen aber viel mehr Menschen zu uns“, sagt Karabulut. Schätzungsweise 200.000 Dersimer leben in Deutschland. In den 30er Jahren wurde sie in der Türkei verfolgt, Schätzungen gehen von bis zu 70.000 Getöteten aus. Durch den Sonderstatus der Dersimer in der Türkei kam es schon öfter zu Konflikten mit anderen Kulturorganisationen in Berlin.

Das Kulturzentrum verstehe sich als nicht religiös, sagt Karabulut. Man wolle hier die eigene Kultur bewahren und Integrationsarbeit leisten. Es gibt Freizeitveranstaltungen, Sprachkurse und einen Fußball-Verein, den BSV Al Dersimspor.

Gebäude vom Land Berlin gepachtet

Das unscheinbare Gebäude am Waterloo-Ufer hat Geschichte. „Die Ostberliner Regierung hat hier Tagesvisa für Touristen aus Westberlin ausgehändigt“, sagt Karabulut. Nach der Wende sei es kurzzeitig als Unterkunft für Flüchtlinge aus Bosnien genutzt worden. Bevor schließlich die Dersim-Gemeinde das Haus übernahm, habe es etwa zwei Jahre leer gestanden.

Der Bau und das Gelände, auf dem es steht, gehören dem Land Berlin. Der vor 20 Jahren geschlossene Pachtvertrag verlängert sich alle fünf Jahre automatisch, „wenn er nicht von einer Partei spätestens drei Monate vor Ablauf der Laufzeit gekündigt wird“, sagt das Bezirksamt. Das heißt: Entweder 2021 oder 2026 könnte das Land dem Verein kündigen. Baustart für die ZLB ist für 2026 angesetzt.

Karabulut hofft, das einstöckige Gebäude weiter nutzen zu können. „Wir haben viel da rein investiert“, sagt er. „Wir hoffen, dass der Bezirk ein Herz für uns hat.“

Bürger sprachen sich für Erhalt des bestehenden Gebäudes aus

Und das Beteiligungsverfahren? Karabulut war bei einigen der Veranstaltungen anwesend. „Zehn von elf Nachbarn, die im November 2019 abgestimmt haben, ob das Gebäude auf dem Gelände erhalten bleiben soll, haben dafür gestimmt.“ Auch in einem Prospekt des Beteiligungsverfahrens zur ZLB von Dezember 2019 wird „neuer Standort für die Dersim-Gemeinde nötig“ kritisch zu den einigen der Entwürfe angemerkt. Weiter hinten im Prospekt heißt es, neue Räume für die Gemeinde sollten „im Parallelverfahren“ gesucht werden.

Ob der Verein an seinem Wunschort bleiben kann, muss sich zeigen. Der Bezirk sagte dem Tagesspiegel, er könne über einen möglichen Alternativ-Standort noch keine Aussage treffen. Dieser könne sich „auf dem Gelände Blücherplatz oder in räumlicher Nähe“ befinden. „Wenn das Wettbewerbsergebnis vorliegt, kann über Weiteres entschieden werden.“ Das Ergebnis soll spätestens 2021 vorliegen, heißt es auf der Internetseite der ZLB.

Nachbargebäude darf bleiben

Direkt neben der Dersim-Gemeinde steht übrigens ein weiteres Gebäude. Es ist ein Altbau-Wohnhaus, in dem unter anderem Ferien- und Kurzzeitapartments vermietet werden – für 70 Euro pro Nacht für ein Zwei-Bett-Zimmer mit Gemeinschafts-Bad.

Es sei in Privatbesitz, sagt das Bezirksamt, „Erwerbsverhandlungen seitens des Landes sind erfolglos verlaufen.“ Im Gegensatz zum Dersim-Gemeindehaus sehen alle Entwürfe für den ZLB-Neubau vor, den Altbau bestehen zu lassen.

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