Protest gegen Genitalverstümmelung, eine Praxis mit lebenslangen schweren Folgen, körperlich wie psychisch. Foto: Foto: Jörg Carstensen/dpa
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Zahl der Betroffenen steigt um 10 Prozent Wie Berlin gegen Genitalverstümmelung vorgehen will

Immer mehr Frauen und Mädchen werden Opfer von Genitalverstümmelung. Eine neue Koordinierungsstelle soll sie davor schützen – wie kann das gelingen?

Es ist eine schwere Verletzung des Körpers im intimsten Bereich einer Frau. Und es ist ein „Schnitt in die Seele“. So nannte die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes die Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung einmal. Die Bezeichnung trifft es: Neben enormen gesundheitlichen Risiken, die sogar zum Tod führen können, kämpfen Mädchen und Frauen oft ihr Leben lang auch mit psychischen Folgen. Gleichzeitig ist das Thema tabu, die Hürde, sich Hilfe zu holen, ist auch für in Deutschland lebende Frauen hoch. Das gilt im so bunten, offenen Berlin nicht weniger.

Dunkelzifferstatistik: Zahl der Betroffenen steigt um zehn Prozent

Doch genau hier wird jetzt ein Versuch unternommen, das zu ändern: Die Hilfsangebote, die es schon gibt, sollen sich besser vernetzen. 120.000 Euro Jahresetat hat das Abgeordnetenhaus für eine neue Koordinierungsstelle für die Opfer von weiblicher Genitalverstümmelung freigegeben, sie hat vor kurzem ihre Arbeit aufgenommen. In Deutschland einmalig, das betonen die, die sie ins Leben gerufen haben.

Mehr Hilfe ist nötig, weil es immer mehr Fälle von Genitalverstümmelung gibt. „Auch für Berlin und Brandenburg ist ein Anstieg der Zahlen im letzten Jahr zu verzeichnen“, sagt Charlotte Weil, Referentin für den Bereich bei Terre des Femmes.

Die Organisation gibt jedes Jahr ihre sogenannte Dunkelzifferstatistik heraus. In Berlin sind laut dieser Statistik 12,3 Prozent mehr Mädchen als im vergangenen Jahr gefährdet, Opfer einer Genitalverstümmelung zu werden, insgesamt 767. Von FGM (Female Genital Mutilation), wie es in Fachkreisen auch genannt wird, betroffen, sind in Berlin demnach 4360 Frauen, ein Anstieg von knapp zehn Prozent. Die meisten von ihnen sind ägyptischer Herkunft.

Terre des Femmes ermittelt die Dunkelziffer über die Zahl der in Deutschland lebenden Frauen und Mädchen aus bestimmten Ländern und dem Anteil der weiblichen Bevölkerung in diesen Ländern, der Opfer von Genitalverstümmelung geworden ist. Aber auch in Berliner Krankenhäusern wird ein Anstieg verzeichnet von Patientinnen, die wegen der Folgen einer Genitalverstümmelung behandelt werden müssen.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO wurden mindestens 200 Millionen Frauen und Mädchen weltweit einer FGM unterzogen – vor allem in 30 afrikanischen Ländern, aber auch in einigen Ländern Asiens und des Mittleren Ostens. Insbesondere in Ägypten, Dschibuti, Guinea, Mali, Sierra Leone, Somalia und im Norden des Sudan sind mehr als 90 Prozent der Frauen und Mädchen beschnitten.

Problem wächst durch Zuzug von Betroffenen und Gefährdeten

„Das Problem wächst auch hier, da immer mehr Menschen aus Regionen nach Deutschland ziehen, in denen viele Betroffene leben“, sagt Stefan Nachtwey. Er ist Geschäftsführer des Berliner Familienplanungszentrums „Balance“.

Stefan Nachtwey, Geschäftsführer vom Familienplanungszentrum Balance in Lichtenberg. Foto: promo Vergrößern
Stefan Nachtwey, Geschäftsführer vom Familienplanungszentrum Balance in Lichtenberg. © promo

Der Verein bietet speziell für Migrantinnen psychologische sowie medizinische Betreuung etwa zu Schwangerschaft und Geburt an. Und die Beratung und Unterstützung bei Genitalverstümmelung. „Das Thema beschäftigt uns bei Balance schon seit rund 15 Jahren“, sagt Nachtwey.

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In den Räumen des Vereins in Lichtenberg soll die Koordinationsperson – das „Herzstück“ der Koordinierungsstelle – angesiedelt sein. Die Stelle ist allerdings noch nicht besetzt. Andere Teile des Projekts laufen seit Mai an. Wegen der Corona-Pandemie habe sich alles verzögert.

Terre des Femmes fürchtet weiteren Anstieg durch Coronakrise

Terre des Femmes fürchtet, dass die Folgen der Pandemie einen starken Anstieg von Fällen hervorbringen werden. „Wenn Mädchen nicht regelmäßig zum Arzt, in die Schule oder in den Sportkurs gehen können, steigt die Gefahr, dass der Eingriff in den eigenen vier Wänden, vollkommen unbemerkt, durchgeführt wird“, sagte Christa Stolle, Bundesgeschäftsführerin von Terre des Femmes, im Zusammenhang mit der neuen Dunkelzifferstatistik.

Zusammen mit Balance und dem Desert Flower Center im Krankenhaus Waldfriede setzt die Frauenrechtsorganisation das Projekt um. Die drei Player, die vorher schon die wohl wichtigsten Akteure bei dem Thema in Berlin waren, vernetzen sich strategisch.

Bestsellerautorin Waris Dirie ("Wüstenblume") wurde 2013 Schirmherrin des "Desert Flower Centers" in Berlin-Zehlendorf. Foto: Stephanie Pilick/dpa Vergrößern
Bestsellerautorin Waris Dirie ("Wüstenblume") wurde 2013 Schirmherrin des "Desert Flower Centers" in Berlin-Zehlendorf. © Stephanie Pilick/dpa

„Es gab bisher verschiedene Angebote, aber keine Stelle, an der sich das alles bündelt. Das ist problematisch, weil man aneinander vorbei arbeitet und so das Potenzial der in Berlin angesiedelten guten Projekte nicht ganz ausnutzt“, sagt Charlotte Weil. Durch den „Dreiklang“ können sie die Frauen niedrigschwellig weiterverweisen. „So müssen sie nicht immer wieder neu auf eine Stelle zugehen, alles von Neuem erzählen“, sagt Weil, das könne als belastende Hürde empfunden werden.

Die Beratungen und die Arbeit finden in den jeweiligen Büros der Träger statt, die über die Stadt verteilt sind. Im Desert Flower Center in Zehlendorf werden aus dem Etat eine Sexualtherapeutin für einige Stunden die Woche bezahlt, aber auch eine Kinderbetreuung während der Selbsthilfegruppe. Es war zur Eröffnung 2013 das europaweit erste Krankenhaus, das von Genitalverstümmelung betroffenen Frauen psychologisch und chirurgisch Hilfe anbot.

„Change Agents“ klären Frauen in ihren Communities auf

Bei Terre des Femmes in Wedding wird Fortbildungsarbeit geleistet. Hier werden auch die „Change Agents“ rekrutiert. Sie werden von Terre des Femmes geschult und klären in ihren Diaspora-Communities auf. Derzeit sind in Berlin und Brandenburg 16 ausgebildete Change Agents aktiv, zehn weitere sind in Ausbildung. Sie kommen aus Senegal, Guinea, Kamerun, Sudan, Gambia, Indonesien, Oman, Elfenbeinküste, Äthiopien und Kenia.

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Durch das Geld, das die Koordinierungsstelle mit sich bringt, kann Terre des Femmes die Arbeit mit den Change Agents fortsetzen – denn das finanzierende EU-Projekt läuft aus. So können die Change Agents Fortbildungen bekommen, die sie qualifizieren, selbst wiederum Fachkräfte zu schulen.

Hier sei der Bedarf enorm, sagt Charlotte Weil. „Wir bekommen mehrere Anrufe pro Woche, von Sozialarbeitern, Lehrerinnen oder Erziehern, die potenziell betroffene Frauen und Mädchen treffen und nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen“, erzählt sie.

„Lehrerinnen, Erzieherinnen, Hebammen sind Schlüsselfiguren“

Die Versorgungslage für Betroffene sei dünn. „Lehrerinnen und Erzieherinnen und andere Pädagogen sowie Hebammen sind Schlüsselfiguren, denn sie haben oft ein Vertrauensverhältnis zu den Müttern“, sagt Weil. „Es wäre toll, wenn diese selbst ein Aufklärungsangebot machen können“, sagt Weil. So könnten sie womöglich verhindern, dass auch die Töchter beschnitten werden. Dafür müssten sie aber geschult sein.

Charlotte Weil, Referentin zu weiblicher Genitalverstümmelung bei Terre des Femmes. Foto: promo/Martin Funck Vergrößern
Charlotte Weil, Referentin zu weiblicher Genitalverstümmelung bei Terre des Femmes. © promo/Martin Funck

Die Träger haben eine solche Koordinierungsstelle schon lange gefordert. Erhofft hatten sie sich auch mehr Geld. Jetzt, so sehen das alle, muss sich zeigen, ob der Bedarf noch größer ist.

Opposition: Hilfe muss mehr Frauen erreichen

Lob kommt sogar aus der Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus. Die frauenpolitische Sprecherin der FDP, Maren Jasper-Winter, sagt, sie begrüße die Einrichtung der Stelle sehr. Allerdings, schränkte sie ein, müsse man abwarten, was die wirklich schaffen könne. „Ich hoffe, dass dieser Etat nicht in kleinteiligen Aktionen versickert. Sondern dass die Zugänglichkeit der Hilfen auf einen größeren Personenkreis wirklich ausgeweitet werden kann“, sagt die Liberale.

Ines Schmidt, frauenpolitische Sprecherin der Linksfraktion und damit Teil der Regierungskoalition, verspricht, wenn nachgesteuert werden müsse, würde Berlin das tun. „Wenn die Träger, die das umsetzen, sagen sollten, das, was wir machen, reicht nicht, ziehen wir nach. Wir lassen jetzt nicht mehr locker bei dem Thema“, sagt Schmidt. Stefan Nachtwey von Balance hofft außerdem darauf, dass sich in der breiteren Öffentlichkeit eine Sensibilität einstellt. Auch das geht nur durch Aufklärung.

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