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Die sechs winzigen Spitztürme in der Bildmitte der allerersten Berlin-Darstellung von 1537, zwischen Petri- und Marienkirche gelegen, könnten zum Ur-Schloss gehören. Foto: Universitätsbibliothek Würzburg
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Wutbürger auf der Baustelle Mit Eisenzahn fing alles an

Das erste Schloss Berlins war in der Doppelstadt an der Spree alles andere als willkommen. 1448 entzündete sich daran der „Berliner Unwille“.

Die Szene strahlt Frieden, Harmonie, sogar Fortschrittsglauben aus, zeugt zugleich von allgemeinem Einverständnis in soziale Hierarchien: Eine Baustelle wird besichtigt, die Maurer lassen sich davon kaum stören, nur ein Steinmetz hält kurz inne. Der Baumeister, eine Zeichnung in der Hand, hat sich ehrerbietig dem von seinem Pferd huldvoll auf ihn niederblickenden Auftraggeber genähert. Dessen Leibwache, lässig auf Schwert und Hellebarde gestützt, scheint die Pause zu genießen.

Man braucht schon viel Fantasie, um Vorgänge, die sich vor knapp sechs Jahrhunderten abspielten, vors innere Auge zu zaubern. Daran hatte der Berliner Historienmaler Carl Röhling offenbar keinen Mangel und zeichnete 1890 mit leichter Hand die beschriebene Szene, die Kurfürst Friedrich II., genannt Eisenzahn, bei der Besichtigung der ersten Berliner Schlossbaustelle zeigen soll.

Angesichts der anstehenden regulären Eröffnung des Humboldt-Forums im aktuellen Schlossneubau ist es wohl sinnvoll, den Blick auch einmal rückwärts, hin zu den Anfängen, zu richten. Die Frage ist nur, kann man da Röhling folgen oder ist nicht doch ein kleines Diorama realistischer, das im Berlin Story Museum, untergekommen im Bunker nahe dem Anhalter Bahnhof in Kreuzberg, die Phase der 1443 begonnenen Arbeiten am Ur-Schloss illustriert.

Museumschef Wieland Giebel hatte es 2010 beim Schmalkaldener Zinnfigurenhersteller Stefan Campe in Auftrag gegeben. Zu sehen ist eine ganz und gar nicht friedliche Szene: Wasser gurgelt durch die Baustelle, triumphierende Wutbürger, die es auch im 15. Jahrhundert schon gab, verbrennen Akten aus der gestürmten kurfürstlichen Kanzlei – eine Stadt im Aufruhr, der „Berliner Unwille“ von 1448.

Es war ja nicht so, dass man in den Nachbarstädten Berlin und Cölln voller Vorfreude auf das Schloss gewartet hätte, im Gegenteil. Residenzstadt der Hohenzollern war bislang Tangermünde, und kamen sie mal an die Spree, so hielten sie im Hohen Haus in der heutigen Klosterstraße Hof, von dem ein gotischer Torbogen im Märkischen Museum überdauert hat. Die Städter erkannten ganz richtig, dass Eisenzahns Entscheidung für ein Schloss an der Spree nicht nur einen bloßen Umzug, sondern einen Angriff auf ihre Rechte und Privilegien bedeutete.

Divide et impera!

Ihr Kurfürst agierte aber geschickt, wusste die Spannungen zwischen den im Fernhandel reich gewordenen Patriziern und den in Zünften organisierten Handwerkern auszunutzen und trotzte den Stadtoberen, angeblich auch mit dem Argument von 600 bewaffneten Reitern, am 29. August 1442 einen für ihn äußerst vorteilhaften Vertrag ab. Mit der schon avisierten Vereinigung von Berlin und Cölln war es – „Divide et impera!“ – erst mal Schluss, viele Rechte gingen an ihn über, und zudem sicherte er sich einen Baugrund auf dem Cöllner Werder, zwischen Haupt- und Nebenarm der Spree, nordöstlich des Dominikanerklosters, an das die Brüderstraße erinnert.

Den Grundstein zum Schloss legte Eisenzahn eigenhändig am 31. Juli 1443. Schon die Vorarbeiten müssen besonders die Cöllner als Affront empfunden haben, wurde doch dafür die Stadtmauer, Symbol ihrer Selbstständigkeit, teilweise geschleift, auch Wohnhäuser und selbst das Cöllner Badehaus, offenbar Vorläufer der jetzt wieder diskutierten Flussbadeanstalt, wurden plattgemacht. Irgendwann platzte den Bürgern der Kragen und sie schritten zur Tat.

Die Baustelle wird geflutet

Das soll sich Mitte Januar und Mitte März 1448 abgespielt haben. Man stürmte die Kanzlei im Hohen Haus, verbrannte Akten – und öffnete das „Arche“ genannte Wehr am Seitenarm der Spree, flutete den Baugrund. Zur Sicherheit hatte man sich vorsorglich des Beistands anderer Städte in der Mark versichert, ein Bündnis, das – der Kurfürst taktierte erneut klug – bald bröckelte. Bereits Ende Mai mussten Berlin und Cölln kleinlaut beigeben und den Vertrag von 1442 akzeptieren. Eisenzahn war immerhin so weise, sich bei den Strafen für diese handfeste Unbotmäßigkeit halbwegs zurückzuhalten.

Wutbürger am Werk. Der „Berliner Unwille“ von 1448 wurde als Zinnfiguren-Diorama nachgebildet und ist im Berlin Story Museum zu sehen. Foto: Berlin Story Museu Vergrößern
Wutbürger am Werk. Der „Berliner Unwille“ von 1448 wurde als Zinnfiguren-Diorama nachgebildet und ist im Berlin Story Museum zu sehen. © Berlin Story Museu

Aber wie sah das erste, bereits 1451 bezogene und direkt an der Spree gelegene Schloss aus? Das müsse „leider im Dunkeln bleiben“, befanden Michael Malliaris, Leiter der dem Neubau vorausgegangenen archäologischen Grabungen auf dem Schlossplatz, und Matthias Wemhoff, Berliner Landesarchäologe und Direktor des hiesigen Museums für Vor- und Frühgeschichte, in ihrem Buch „Das Berliner Schloss. Geschichte und Archäologie“ (Elsengold-Verlag 2016).

Es gibt keine Darstellungen, und auch Buddeln im Untergrund konnte hier nicht weiterhelfen, da die unterirdischen Schlossreste im Bereich des Palasts der Republik für dessen Fundament entsorgt worden waren. Vorher hätte man vielleicht noch Überreste des Kellers und des wegen seines Kupferdachs so genannten „Grünen Huts“ entdeckt. Wahrscheinlich war dies ein Turm der alten Stadtbefestigung, der in den Schlossbau integriert wurde und die Jahrhunderte bis zu dessen Abriss 1950 überdauert hatte.

Gesichert scheint immerhin ein eher burg- als schlossähnlicher Gebäudetrakt an der Spree, nebst Wohnturm für den Kurfürsten, daneben liegender Erasmuskapelle, dem „Grünen Hut“ und vielleicht einem südlich im rechten Winkel sich anschließenden Saalbau mit Blick auf die für Ritterspiele vorgesehene Stechbahn. Schriftliche Überlieferungen legen weiter ein Ballhaus und einen Schlossgarten nahe. Auch wenn dies von der späteren Pracht des Renaissance-, des Barockschlosses oder gar des Wilhelm II. noch weit entfernt war, ließ sich darin schon prima feiern, so 1476 die Hochzeit des späteren Kurfürsten Johann Cicero, bei dem die Gäste mit 1000 Pferden angerückt sein sollen.

Pfalzgraf Ottheinrichs Besuch in Berlin

Eine erste, nun ja, Darstellung des Eisenzahn-Schlosses gibt es vielleicht aber doch. Im Februar 1537 war Ottheinrich, Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg, auf einer Krakau-Reise auch durch Cölln-Berlin gekommen. Ihn begleitete ein unbekannter Künstler, der von den Stationen Skizzen anfertigte und zu Hause ausführte. Auch die Doppelstadt an der Spree findet sich in den Reisebildern. Der Hamburger Wissenschaftlerin Angelika Marsch, Spezialistin für historische Stadtansichten, war mit einer Gruppe von Historikern deren Zuordnung gelungen.

Ein Schloss mit sechs Türmen?

Die Berlin-Vedute, die als die erste Darstellung der Stadt gilt, erwies sich als teilweise sehr präzise, am linken Bildrand findet sich sogar der so genannte Rabenstein, wo drei Jahre nach Ottheinrichs Besuch der Cöllner Kaufmann Hans Kohlhase, Vorbild zu Kleist Michael Kohlhaas, hingerichtet wurde. Auch Nikolai-, Petri- und Marienkirche lassen sich leicht identifizieren. Zwischen letzteren ragen im Hintergrund sechs Spitztürme. Dort lagen das Schloss, aber auch das Dominikanerkloster mit seiner Kirche.

Diese habe erst 1538 „turmartige Aufsätze“ erhalten, schrieb Angelika Marsch 2004 im Jahrbuch des Berliner Landesarchivs. Zuvor habe es „nur einen Dachreiter“ gegeben, während das Schloss damals „noch ein unbedeutender Bau“, gewesen sei. Erst ab 1538 sei er unter Joachim II. zum wirklichen Schloss ausgebaut worden.

Waren die sechs Turmspitzen also vielleicht nur eine Erfindung des Künstlers? Der hatte mit seinem Berlin-Bild bei aller Präzision auch viel Fantasie bewiesen. Die Doppelstadt vor dem Hintergrund blauer Berge? Sehr dekorativ, aber nicht ganz korrekt.

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