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Vier Berliner Bezirke sind – Stand Donnerstagabend – bereits Corona-Risikogebiete. Foto: imago images/Dirk Sattler
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Wutausbruch im Nicht-Risikogebiet Die Mehrheit der Berliner muss für die Innenstadt büßen

Wenn der Senat durchsetzt, dass das Infektionsgeschehen für Berlin als Einheit betrachtet wird, zerschießt er der Mehrheit die Ferienpläne. Ein Kommentar.

Warnhinweis: Betroffenheitsjournalismus ist etwas Verwerfliches, das unter fast allen Umständen unterbleiben sollte. Die Worte von Hanns Joachim Friedrichs, wonach man einen guten Journalisten daran erkennt, „dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört“ gelten unverändert und für alle Zeiten weiter. Sie gelten jedoch nicht für diesen Text, dessen Autor voraussichtlich schon morgen dazugehört und deshalb nirgendwo mehr dabei ist.

Jedenfalls nicht in den Herbstferien, die am Wochenende beginnen und die wir auf Empfehlung des Bundesgesundheitsministers möglichst in Deutschland verbringen sollen. Konkret könnte das bedeuten: In den eigenen vier Wänden, weil uns in Deutschland fast niemand mehr beherbergen will. Nach der neuesten gesundheitsamtlichen Hochrechnung hat Berlin als Gesamtstadt gerade die kritische Marke von 50 erkannten Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohner überschritten.

Vier Bezirke sind nach diesem Kriterium – Stand Donnerstagabend – bereits Corona-Risikogebiete. Mit anderen Worten: Acht Bezirke sind es bisher nicht. In ihnen leben circa zwei Millionen Menschen, die überwiegend sehr bewusst dort wohnen, wo es etwas luftiger zugeht als in der Innenstadt.

Wenn sich nachts im James-Simon-Park die Hundertschaften besaufen oder in Neukölln 300 Leute eine Hochzeit feiern, bleibt die Ansteckungsgefahr jenseits der Müggelberge oder am westlichen Havelufer relativ gering; die Zahlen beweisen das.

Soldaten im Gesundheitsamt sind kein Angriff aufs eigene Biotop

Man ist hier eher im eigenen Auto unterwegs, umringt nicht als„ aufgebrachte Menschenmenge“ die Polizei und empfindet auch unbewaffnete Bundeswehrsoldaten, die telefonierend im Gesundheitsamt sitzen, nicht als Angriff auf die Souveränität des eigenen Biotops.

Was man aber als Angriff empfindet, sind die dringenden Bemühungen des von Risikogebietsbewohnern dominierten Senats, ganz Berlin als Einheit betrachten zu lassen. Wenn der Senat mit seinem Antrag beim Bundesgesundheitsministerium durchkommt, zerschießt er mit reichlich 24 Stunden Vorlauf auch jenen die Herbstferienpläne, die in U40-Corona-Gebieten wohnen und sich eisern von den Corona-Hotspots fernhalten.

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Eine plausible Erklärung für diesen Ehrgeiz war bisher nicht zu hören. Schickt uns Söder dann Blauhelme oder die Europäische Zentralbank eine Milliarde oder China kostenlose Masken oder was? Nicht, dass man wüsste. Die einzige Konsequenz bestünde nach aktuellem Stand darin, dass dann wirklich alle die saure Suppe auslöffeln müssten, die eine Minderheit ihnen eingebrockt hat.

Die Ferienkinder und ihre Familien aus den Außenbezirken sagen schon mal Danke für entgangene Urlaubsfreuden – und versprechen, dass sie dem Senat das so schnell nicht vergessen werden.

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