Anatomieprofessor Andreas Winkelmann hat den Nachlass von Hermann Stieve untersucht. Foto: AFP
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Wissenschaft unter den Nazis Späte Würdigung für NS-Opfer

Sebastian Krüger

Ein Mediziner sammelte hunderte Gewebeproben getöteter Nazi-Gegner. Bisher gab es kein Grab, an dem man um sie trauern konnte. Nun wurde der Opfer gedacht.

Zahlreiche Opfer der NS-Diktatur haben am Montagnachmittag auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Mitte bei einer Gedenkzeremonie eine späte Würdigung erfahren. Die Veranstaltung ist Teil des Projekts „Gedenkort Charité - Wissenschaft in Verantwortung“, mit dem das Krankenhaus seit 2013 die Beziehung zwischen Wissenschaft und nationalsozialistischen Verbrechen kritisch aufarbeiten möchte.

Zu den wissenschaftlichen Profiteuren der Nazis gehörte der Mediziner Hermann Stieve. 1935 trat der Anatom und Histologe eine Professur an der heutigen Humboldt-Universität an und leitete das Anatomische sowie das Anatomisch-biologische Institut. Er beschäftigte sich im Allgemeinen mit Struktur und Funktion der menschlichen Keimdrüsen, also Eierstöcke und Hoden. Sein Forschungsschwerpunkt legte er auf den weiblichen Zyklus. Insbesondere untersuchte er, inwieweit teils extreme Stresssituationen einen Einfluss auf Eisprung und Regelblutung haben können.

Stieve nutzte aus, dass die nationalsozialistische Unrechtsjustiz zunehmend Todesurteile gegen politische Gegner aussprach. Zum einen wurde er auf diese Weise stetig mit den Leichen junger Menschen versorgt. Zum anderen betrachtete er es als seine wissenschaftliche Pflicht, den Einfluss von Haft und drohender Hinrichtung auf die Menstruation zu untersuchen.

Zu seinen Untersuchungsobjekten gehörten vor allem die Leichname junger Frauen, die zuvor im Gefängnis Plötzensee oder im KZ Ravensbrück getötet wurden. Darunter waren die Bremer Widerstandskämpferin Cato Bontjes van Beek und Libertas Schulze-Boysen, die mit ihrem Mann Harro im Zentrum der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ in Berlin stand. Häufig landeten die Opfer, meist politische Gefangene, direkt nach ihrer Hinrichtung auf seinem Seziertisch. Stieve setzte sich dafür ein, die Hinrichtungstermine nicht zu spät auf den Abend zu verlegen, damit er und die anderen Ärzte nach abgeschlossener Obduktion noch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause kamen.

Ein Nazi-Komplize

Er wusste um den Hintergrund der Opfer, die anschließend eingeäschert und anonym bestattet wurden. Berichten zufolge half er dem Reichsjustizministerium systematisch dabei, die Spuren der Verbrechen zu verwischen. Bedauern zeigte er nie. Bis zu seinem Tod 1952 konnte Stieve seine akademischen und wissenschaftlichen Positionen behalten. Er starb hoch angesehen und vielfach ausgezeichnet.

2016 wurden in seinem Nachlass mehr als 300 Gewebeproben gefunden. Die kleinen, gefärbten Schnitte liegen auf gläsernen Objektträgern und sind nach Charité-Angabe nur rund ein Hundertstel Millimeter dünn und etwa einen Quadratzentimeter groß. Andreas Winkelmann, Stieve-Experte und Leiter des Instituts für Anatomie an der Medizinischen Hochschule Brandenburg in Neuruppin, hat die mikroskopischen Präparate in Absprache mit der Charité historisch untersucht. Er konnte sie als Gewebeschnitte einordnen, die größtenteils von jungen Frauen stammen, die in Plötzensee ermordet wurden und anschließend in Stieves Institut zu Forschungs- und Lehrzwecken seziert wurden.

Etwa 74 Jahre nach der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus haben die Charité und die Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand der Opfer gedacht. Der Charité-Vorstandsvorsitzende und Neurologe Karl Max Einhäupl sowie Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte, sprachen Gedenkworte in der vollbesetzten Trauerkapelle.

Ein Stück Würde

"Es hat damals keine Gräber gegeben und keinen Ort für Trauerarbeit", sagte Einhäupl über die Opfer von Plötzensee und das schwierige Gedenken an sie. Deshalb wurden am Montag die Gewebeproben beigesetzt. Dadurch sollten die Toten ein Stück ihrer Würde zurückerhalten.

„Es ist ein würdiger Platz, nur wenige Hundert Meter vom Anatomischen Institut entfernt“, sagte Johannes Tuchel in seiner Rede. Der 13. Mai sei nicht zufällig als Tag der Beisetzung gewählt worden: Vor genau 76 Jahren hatten die Nazis 13 Mitglieder der Roten Kapelle in Plötzensee hingerichtet. Im Drei-Minuten-Takt wurden die Todesurteile zwischen 19 und 19.36 Uhr vollstreckt. Tuchel würdigte die Widerstandskämpfer. „Es waren Menschen, die in einer unmenschlichen Zeit versucht haben, menschlich zu sein."

Evangelische, katholische und jüdische Geistliche hielten eine religiöse Zeremonie ab. Nach dem letzten Gebet fanden die Überreste ihren letzten Ruheort. Die Gäste folgten und warfen Erde ins Grab. Eine Gedenktafel wird dort an die Ermordeten erinnern und an das Unrecht, das sie über den Tod hinaus ereilt hat.

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