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Ursula Lehmann im Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).  Foto: privat
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„Wir wollen keine Seiteneingänge" Rollstuhlaktivistin Lehmann kämpft seit Jahrzehnten für Barrierefreiheit in Berlin

Es gibt viele Orte in der Hauptstadt, die für Rollstuhlfahrende nicht zugänglich sind. Der Fernsehturm ist einer davon. Schon oft hat Ursula Lehmann davor demonstriert.

Die Spandauerin Ursula Lehmann bezeichnet sich selbst als „Rollstuhlaktivistin“. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sie schon getroffen. Wann genau das war, kann die 77-jährige Lehmann nicht mehr genau sagen. Sie war jedenfalls ins Bundesministerium für Arbeit und Soziales eingeladen. "Und als Merkel plötzlich erschien, machten mich zahlreiche Gäste auf sie aufmerksam, weil ich immer Gründe zum Meckern habe", erinnert sie sich.

Wobei Lehmann nicht meckert, sondern kritisiert. Und das meist zu Recht. Denn sie setzt sich seit Jahrzehnten ehrenamtlich für mehr Barrierefreiheit und Rechte von Rohlstuhlfahrenden ein. Als "Multiplikatorin" in der Behindertenselbsthilfe ist sie Ansprechpartnerin für die Probleme der Menschen, die sie dann in diverse Arbeitsgemeinschaften der Senatsverwaltungen einbringt und sich Gehör verschafft. Wenn zum Beispiel der Aufzug in der Friedrichstraße mal wieder defekt ist.

Dem Regierendem Michael Müller (SPD) sei sie mal  „vor die Füße gefahren“, um ihm ein Problem zu schildern. Es ging um das Amerika-Haus in Charlottenburg, dort war der Haupteingang zur Gastronomie nicht barrierefrei. Rollstuhlfahrende mussten einen anderen Weg nehmen. „Wir wollen keine Seiteneingänge, sondern dort rein, wo alle reingehen", fordert Lehmann. Müller habe das Anliegen aber nicht zur Kenntnis genommen damals.

Lehmann hat seit ihrer Kindheit Rheuma, sitzt seit dem 21. Lebensjahr im Rollstuhl. Sie ist in Berlin aufgewachsen, geboren in Kreuzberg, lebt seit 1975 in Spandau, Obstallee. Im Bezirk ist Stadtrat Frank Bewig (CDU) ihr Ansprechpartner. Aktuell gibt es ein Problem mit dem Gutspark Neukladow (oder besser: nicht nur ein Problem). 

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Ein wunderschönes Haus mit Blick auf die Havel und einem Café. Gerne würde Lehmann dort entlangfahren. Aber das Gebiet ist leider ungeeignet für Rollstuhlfahrende. "Es sollte zumindest eine Klingel angebracht werden", fordert Lehmann. Damit sie jemand höre, wenn sie vor dem Café stehe. Derzeit komme nicht mal ein Kellner raus zu ihr.

Gutspark Neukladow soll weitestgehend barrierefrei werden

Auf Anfrage teilt Bewig mit, das Bezirksamt wolle den Gutspark entwickeln. Hierfür wurde Anfang des Jahres die baufachliche Prüfung des Bedarfsprogramms durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen positiv geprüft. Derzeit läuft die Beantragung von Fördermitteln für die Maßnahmen. "Es ist angedacht im Zuge dieser Maßnahmen die Barrierefreiheit der Gebäude im Rahmen des Denkmalschutzes soweit wie möglich herzustellen", so Bewig.

[Hier im Tagesspiegel stellen wir Ihnen die 15-Mio-Pläne von Senat und Bezirk für den Gutspark Neukladow vor - und hier finden Sie die große Tagesspiegel-Bildergalerie]

Der Senioren- und Behindertenbeauftragte des Bezirks, Sargon Lang, ergänzt, welche Maßnahmen konkret umgesetzt werden sollen:

  • Stellflächen für Menschen mit EU-Parkausweis („Schwerbehindertenparkplätze“) sowohl auf dem Parkplatz als auch vor dem Gutshaus
  • Leitsystem für blinde und sehbeeinträchtigte Menschen einschließlich taktilem Lageplan und taktilen Hinweisschildern
  • Minderung der Gefälle; dort wo aus topografischen Gründen keine normgerechten Gefälle herstellbar sind, werden zusätzliche barrierefreie Ruhebänke errichtet (barrierefrei auffindbar, mit Umsetzflächen, unterschiedlich hohen Sitzflächen und großzügiger Fußraumbreite)
  • barrierefreie Zugänglichkeit und Nutzbarkeit des Naturtheaters
  • Rampe zur stufenlosen Erschließung des Gutsplateaus vom Havelweg aus
    – Stufenmarkierungen bei einer Treppe aus Kalksandstein
    – barrierefrei nutzbare Plattform mit Aussicht auf die Havel
  • Zusätzlich ist vorgesehen, den Havelradweg zu asphaltieren.

Der Gutspark ist nicht der einzige unzugängliche Ort für Rollstuhlfahrende. Die kommen nicht auf den Fernsehturm zum Beispiel. Lehmann hat oft davor demonstriert. Der Betreiber des Telecafés und die Deutsche Funkturmgesellschaft (DFMG) teilten mit, es sei einfach nicht möglich, man habe es mehrfach versucht. "Wir würden gerne, aber es ist nicht machbar", teilte ein Sprecher mit. 

Als der Fernsehturm gebaut wurde, dachte niemand an die Barrierefreiheit

Als der Turm Anfang der 60er Jahre geplant wurde, habe man nicht an Barrierefreiheit gedacht. Er wurde als Sendeturm geplant, nicht als Touristenattraktion.

Das Telecafé wurde 1969 eröffnet. Man habe unzählige Versuche unternommen, Barrierefreiheit herzustellen, so der Sprecher. Der Landesbeauftragte für Behinderte Menschen war beteiligt. „Es ist einfach nicht möglich.“ Die Treppe hat 986 Stufen. 

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Also Rollstuhlfahrende könnten mit dem Aufzug natürlich rauf auf dem Turm, aber im Notfall müssten sie die Treppe runter gebracht werden, und die müsste barrierefrei sein, was nicht möglich sei, weil zu eng. Es hat zwar noch nie gebrannt in dem Turm, aber die Notfallsituation muss gewährleistet sein. Erst einmal wusste das Wahrzeichen geräumt werden, weil eine Fliegerbombe unter dem Alexa gefunden wurde.

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