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Patient der Kinderonkologie der Charité. Auf anderen Stationen gibt es momentan zu wenig Betten. Foto: Kai-Uwe Heinrich
© Kai-Uwe Heinrich

„Wir steuern auf eine Katastrophe zu“ Berlins Kinderkliniken sind überlastet – Erkrankte werden nach Brandenburg verlegt

Wegen des Pflegemangels gibt es zu wenig Betten auf Berlins Kinderstationen – auch für junge Intensivpatienten. Kinder- und Jugendärzte warnen vor einem katastrophalen Herbst.

Wegen Atemwegsinfekten, kranken Neugeborenen, Unfällen und diversen anderen Erkrankungen sind die Kinderkliniken in Berlin sowie die Kinderintensivstationen schon seit Wochen an ihre Belastungsgrenze gestoßen. Darauf weist der Verband der Leitenden Kinder- und Jugendärzte sowie Kinderchirurgen (VLKKD) in einer schriftlichen Stellungnahme hin.

Derzeit müssen für den Herbstbeginn ungewöhnlich viele Kinder in Krankenhäusern behandelt werden. Ursache der Überlastung ist allerdings der akute Pflegemangel. Dieser führt dazu, dass auf den Kinderstationen vermehrt Betten gesperrt werden müssen, da sonst keine ausreichende Versorgung garantiert werden kann.

„Momentan ist die Situation so akut, dass wir regelmäßig Kinder oder Jugendliche in Krankenhäuser in Brandenburg bringen müssen“, sagt VLKKD-Delegierte Beatrix Schmidt. Sie ist Chefärztin der Kinder- und Jugendmedizin im St. Joseph-Krankenhaus in Tempelhof-Schöneberg. Alleine in ihrer Klinik sind momentan wegen des Pflegemangels 28 von 50 Betten auf der Kinderstation gesperrt. Dies hat nichts mit dem aktuellen Streik zu tun, der nur in den landeseigenen Kliniken stattfindet.

„Hinzu kommt, dass nicht nur unsere, sondern auch die anderen Berliner Kinderkliniken derzeit regelmäßig Kinder abweisen, die sie unter normalen Umständen zur Beobachtung aufgenommen hätten“, sagt Schmidt. Beispielsweise, wenn ein Kleinkind hohes Fieber hat, der Grund aber noch nicht geklärt sei.

Manche Eltern müssten auf den nächsten Tag verströstet werden, damit dem Krankenhauspersonal mehr Zeit bleibt, um nach Aufnahmemöglichkeiten in anderen Kliniken zu suchen. Für Ärzte wie Patienten sei das eine schwer hinnehmbare Situation.

In der kälteren Jahreszeit nehmen Infekte zu

„Ein solches Vorgehen kann äußerst gefährlich werden“, warnt Schmidt. Denkbar wäre beispielsweise, dass eine Blinddarm-Entzündung oder andere bedrohliche Erkrankung nicht erkannt wird. In vielen Berliner Kliniken müssten außerdem Kinder in fachfremden Abteilungen untergebracht werden, Jugendliche auf Erwachsenen-Intensivstationen oder Mädchen in der Gynäkologie.

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„Wenn wir jetzt nichts unternehmen, steuern wir im Winter auf eine Katastrophe zu“, sagt die VLKKD-Delegierte. In den kälteren Jahreszeiten nehmen Erkältungsinfekte bekanntlich zu. Eine Grippewelle sei auch möglich. „Das macht uns große Sorgen, da wir jetzt schon zu wenig Kapazitäten haben.“

Der Verband Leitender Kinderärzte und Kinderchirurgen appelliert daher an die Politik, sich „dringend und kurzfristig um die medizinische Versorgung der Berliner Kinder und Jugendlichen zu kümmern“. Als Maßnahme fordert er, die Verordnung zu den Pflegepersonaluntergrenzen (PpUGV) außer Kraft zu setzten, sobald die Versorgung der Kinder- und Jugendlichen wegen Bettenmangels nicht mehr gesichert ist. Die PpUGV regelt, wie viele Patienten von einer Pflegekraft versorgt werden dürfen – dies allerdings ohne den unterschiedlichen Pflegebedarf zu berücksichtigen.

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„Mittelfristig bedarf es dringend weiterer Lösungen“, fordert der Verband. Heißt: Mehr Personal und bessere Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte. „Der rot-rot-grüne Senat hat es versäumt, den Pflegeberuf in den letzten Jahren attraktiver zu gestalten und für genügend Nachwuchs zu sorgen“, sagt Schmidt.

Covid-19 spielt keine Rolle bei der Überlastung. Die Kinder kommen aus anderen Gründen und werden dann manchmal zusätzlich positiv getestet. Foto: mauritius images / SZ Photo Creative / Catherina Hess Vergrößern
Covid-19 spielt keine Rolle bei der Überlastung. Die Kinder kommen aus anderen Gründen und werden dann manchmal zusätzlich positiv getestet. © mauritius images / SZ Photo Creative / Catherina Hess

Sie bemängelt, dass die neu eingeführte generalistische Pflegeausbildung, die auch viele Vorteile bringe, dazu geführt hat, dass Auszubildende in Berlin sich nicht mehr auf den Beruf der Kinderkrankenpflege spezialisieren könnten. „Das könnte ein Grund sein, weshalb manche Interessierte, sich gar nicht mehr für den Beruf entscheiden, weil sie hauptsächlich mit Kindern arbeiten wollen.“

Covid-19 spielt keine Rolle

Interessantes Detail: Covid-19 spielt bei den Erkrankungen der Kinder so gut wie keine Rolle – so bestätigt es Schmidt und so ist es von Ärzten aus anderen Kliniken zu hören. Die meisten Kinder würden derzeit wegen RSV (Respiratorische Syncytial-Virus) behandelt werden.

Eine Erkältungskrankheit, die normalerweise besonders in den Wintermonaten auftritt, doch dieses Jahr vermehrt im Sommer. Ärzte gehen von einem sogenannten Rebound-Effekt aus: Kinder, die durch die ausbleibenden Kontakte im Winter kaum Infektionen durchgemacht haben, holen diese sozusagen verspätet nach, da ihr Immunsystem im Winter nicht ausreichend trainiert wurde. 

Hinzu kämen diverse andere übliche Krankheiten und Unfälle. Covid-19-Infektionen gebe es zwar auch; die meisten Kinder kämen aber ursächlich wegen einer anderen Erkrankung in die Klinik und würden dann zusätzlich positiv auf das Coronavirus getestet.

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