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Annette Maechtel von der "neuen Gesellschaft für bildende Kunst" bei der Kundgebung für Kisch&Co. Foto: Corinna von Bodisco
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Update „Wir gehen gegen unseren Willen hier raus“ Buchladen „Kisch & Co.“ in Berlin-Kreuzberg geräumt

Die Traditionsbuchhandlung darf zwar im Kiez bleiben – muss aber in kleinere Räume ziehen. Am Dienstagmorgen wurden die Schlüssel übergeben – unter Protest.

Am Dienstagmorgen ist das Räumungsurteil gegen die Kiezbuchhandlung „Kisch & Co.“ in der Oranienstraße 25 in Berlin-Kreuzberg vollstreckt worden. Die Schlüsselübergabe an den Gerichtsvollzieher erfolgte gegen 8.20 Uhr.

Die Polizei hatte die Straße von der Adalbertstraße bis zum Heinrichplatz abgesperrt. Die Unterstützer:innen, etwa 100 Personen, durften hinter der Nr. 23a protestieren.

„Wir sind happy, dass die Zwangsräumung nicht das Ende von Kisch & Co. bedeutet. Doch das, was hier passiert, ist eine Schweinerei“, sagte ein Redner vom Bündnis "Volle Breitseite" bei einer Kundgebung am Morgen. Es gehe nicht nur um den Buchladen, sondern brauche ein Gewerbemietrecht.

„Die Räumung von Kisch & Co. trifft uns sehr“, sagte Annette Maechtel von der „neuen Gesellschaft für bildende Kunst“ (ngbk), die auch in der Oranienstraße 25 ansässig ist. Die Geschäftsführerin erklärte, dass auch die Kunstgesellschaft im Haus keine Perspektive hat. „Die heutige Räumung ist der Beginn der Räumung der nbgk“.

Kurz gab es Unruhe, dann wurde es wieder friedlich. Ein bekannter rechter Blogger, der früher für die NPD kandidiert hat, und Fotos bei der Kundgebung machte, wurde von den Demonstrant:innen gebeten zu gehen. Ein paar Unterstützer:innen liefen ihm hinterher und übertraten dabei die Absperrung. Von nun an filmte die Polizei. Gegen einen Mann, der den Blogger mit anderen über die Absperrungen hinweg verfolgte, wurde von der Polizei eine Ordnungswidrigkeit festgestellt. 

Der Fall „Kisch & Co.“ zeige laut Bündnis ein beispielhaftes Dilemma: Der Buchladen sei nur eines von vielen Gewerben, die in ihrer Existenz bedroht sind. „Das kann nicht so weitergehen. Wir brauchen ein Gewerbemietrecht. Die Politik steht in der Verantwortung frühzeitig etwas gegen die Verdrängung zu tun“, sagte Fabian Steinecke von "Bizim Kiez" auf der Kundgebung.

Gegen 8.20 Uhr wurde der Schlüssel übergeben. Inhaber, Mitarbeiter:innen, Gerichtsvollzieher und Polizei betraten den Laden. Bei der Schlüsselübergabe gab es Buhrufe: „Schämt euch“ und „die Häuser denen, die drin wohnen“, riefen die Unterstützer:innen.

Die Inhaber Thorsten Willenbrock, Frank Martens und die zukünftige Mitgesellschafterin Ulla Biermann wurden beim Verlassen des Ladens mit Applaus der Unterstützer:innen empfangen. „Allein, dass ihr alle da seid, macht mir Mut“, sagte "Kisch und Co."-Inhaber Frank Martens.


Stefan Klein vom Bündnis "Volle Breitseite" sagte bei der Kundgebung: „Inhaber Thorsten Willenbrock sagte mir grade, der Gerichtsvollzieher meinte, dass er es schrecklich findet, dass er hier räumen muss.“

Um kurz nach 9 Uhr war die Kundgebung vorbei, die Polizei räumte die Absperrungen weg, die Unterstützer:innen verließen die Straße. Es wird noch gesiebdruckt, die Kundgebung löste sich langsam auf.

Deutsche Wohnen bot alternative Räumlichkeiten an

„Wir gehen gegen unseren Willen hier raus“, sagte Mitinhaber Thorsten Willenbrock, am Sonnabend dem Tagesspiegel. Es sei eigentlich Ziel gewesen, langfristig in der Oranienstraße 25 zu bleiben. Die Ladenfläche der Oranienstraße 32 seien nur halb so groß, das Programm müsse überarbeitet werden.

Am Sonnabend wurde bekannt, dass die Buchhandlung in neuen Räumlichkeiten weitermachen kann. Der Immobilienkonzern Deutsche Wohnen bot eine alternative Bleibe nur wenige Häuser weiter, in der Oranienstraße 32.

Nach Verhandlungen konnte am Freitag, 20. August, ein Mietvertrag mit elfjähriger Laufzeit und „annehmbaren“ Bedingungen geschlossen werden. Die Traditionsbuchhandlung bleibt somit erhalten und die Arbeitsplätze der Mitarbeiter:innen gesichert. 


Trotzdem wollten Unterstützer:innen wie geplant protestieren und auf das berlinweite Problem der Verdrängung von Kleingewerbe aufmerksam machen. Die Kundgebung gegen die Zwangsräumung am Morgen war vom Bündnis „Volle Breitseite für unsere Buchhandlung Kisch & Co.“ angemeldet worden.

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„Mit der Kundgebung wollen wir noch einmal ein Zeichen setzen. Für Kisch & Co., gegen Zwangsräumungen und vor allem für alle verbliebenen Mieter:innen in der Oranienstraße 25. Denn für sie geht der Kampf jetzt noch weiter!“, sagte Carola Rönneburg vom Bündnis. Mit den verbliebenen Mieter:innen im Haus sind unter anderem die neue Gesellschaft für bildende Kunst Berlin und das Museum der Dinge gemeint, die keinen langfristigen Mietvertrag haben. 

Bereits Ende April wurde der Klage des Eigentümers – der Fonds „Victoria Immo Properties V S.a.r.l.“ mit Luxemburger Adresse – vom Landgericht Berlin stattgegeben. Die Zivilkammer begründete ihre Entscheidung damit, dass der Buchladen seit Juni 2020 ohne Mietvertrag sei.

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