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Die Symbole der YPG und deren Frauenbrigaden YPJ sind in Syrien verbreitet. Hannes Heine
© Hannes Heine

Update „Wir brauchen alle Kräfte zur Verteidigung“ Kurden in Syrien fürchten Angriff der Türkei

Zehntausende IS-Anhänger werden in Nordsyrien von der kurdischen Autonomieverwaltung bewacht. Greift Erdogan an, könnten auch deutsche Islamisten fliehen.

Zehntausende Anhänger des „Islamischen Staates“ (IS), indoktrinierte Kinder und eine türkische Angriffsdrohung – in Nordsyrien spitzt sich die Lage zu. Der Anti-Terror-Beauftragte der Uno forderte die Staatengemeinschaft nun auf, wenigstens die 27.000 Kinder aus den vor Ort inhaftierten IS-Familien in ihre Heimatländer auszufliegen.

Am Freitag bezeichnete Wladimir Woronkow, Chef des UN-Anti-Terror-Gremiums, die Lage in Nordsyriens IS-Camps als eines der „dringendsten Probleme der heutigen Welt“. Zehntausende IS-Anhänger, darunter Deutsche, leben in den meist von Kurden bewachten Camps.

„Die türkischen Angriffe aber torpedieren unsere Bemühungen, mit der Bundesregierung über die Rückkehr von IS-Gefangenen nach Deutschland zu verhandeln“, sagte Khaled Davrisch, der offizielle Vertreter der Selbstverwaltung von Nord-und Ostsyrien in Berlin dem Tagesspiegel. „Sollte das türkische Regime erneut losschlagen, werden wir alle Kräfte zur Verteidigung brauchen.“ Viel hänge nun davon ab, wie sich der neue US-Präsident Joe Biden verhalte.

Die Bewegungen an der türkischen Südgrenze werden nach Tagesspiegel-Informationen auch von deutschen Beamten beobachtet, die US-Armee verlegt Konvois im Dreiländereck Türkei-Syrien-Irak. Immer wieder drohte der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan damit, tiefer in die kurdischen Autonomieregionen der Nachbarstaaten einzudringen.

In der auch Rojava genannten Kurdenregion Syriens regiert die säkulare Kurdenpartei PYD. Sie stützt sich auf die YPG-Miliz, die wiederum der von den USA unterstützten kurdisch-arabisch-assyrischen Militärallianz SDF angehört. Die Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien wird von Syriens arabischem Herrscher Baschar al Assad, seinen islamistischen Feinden und Erdogan gleichermaßen abgelehnt.

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Sowohl Syriens säkulare Kurden-Führung als auch die Jesiden im angrenzenden Irak rechnen bald mit neuen Angriffen – und damit, dass Ankaras Offensive weiteren IS-Schergen zur Flucht verhelfen könnte.

Ankaras Armee und protürkische Islamisten eroberten schon 2018 das kurdische Afrin in Syrien. Nun sorgen sich die Kurden um Al-Hol. Das größte der IS-Auffanglager ist ohnehin schlecht zu kontrollieren. Allein im Januar sollen IS-Dschihadisten dort 20 Insassen getötet haben.

Nachts herrscht in Ostsyrien oft der IS

In der Zelt- und Containerstadt leben circa 60.000 Männer, Frauen und Kinder aus der ganzen Region - und zugereiste Islamisten. Sie waren nach dem Zerfall des IS als Territorialmacht von SDF-Kurden gefangen genommen. Doch die Selbstverwaltung, der auch muslimische und christliche Araber angehören, ist angesichts der Massen überfordert. Insbesondere in der Nacht bomben und morden IS-Zellen auch außerhalb der Camps.

Syriens Kurden konnten bislang nur einige der einst zum IS gereisten Islamisten an ihre Heimatstaaten abgeben. Die Bundesrepublik hat zuletzt Frauen und Kinder zurückgenommen. Noch befinden sich schätzungsweise 90 IS-Anhänger aus Deutschland in Syrien und Irak, dazu kommen deren Kinder. „Die internationale Staatengemeinschaft muss Solidarität zeigen, damit die Sicherheit der Camps organisiert werden kann“, sagte der Deutschland-Vertreter der Autonomieregierung Davrisch. „Die Last ist groß.“

Die Bundesregierung hat sich aus Rücksicht auf den türkischen Staatschef Erdogan von PYD, YPG und SDF distanziert. Erdogans islamische AKP ist im türkischen Parlament auf die rechtsradikale MHP angewiesen. Diese Ultranationalisten haben großen Einfluss in Polizei und Armee. In der Kurdenfrage drängt die MHP, die zur Bewegung der faschistischen "Graue Wölfe" gezählt wird, auf Härte.

Ankaras Spitzen sehen in der syrisch-kurdischen PYD einen Schwesterverband der auch in Deutschland verbotenen türkisch-kurdischen Arbeiterpartei Kurdistans PKK. Anders als die Bundesregierung akzeptieren die USA, Frankreich und Belgien die syrische Kurdenführung als legitimen Verhandlungspartner.

Syriens Kurden, die PKK und Iraks Jesiden

Die militante PKK kämpft seit 30 Jahren in der Türkei um kurdische Autonomie. Die Partei-Guerilla hat ihr Hauptquartier in Iraks Kandil-Bergen. Regiert wird die weitgehend anerkannte Kurdenregion Iraks von einer Koalition, deren Hauptakteure die prowestlich-konservative PDK und die PUK, die als sozialdemokratisch gilt, sind. Die Regionalregierung kooperiert mit türkischen Stellen.

Türkische Einheiten beobachten in Irakisch-Kurdistan derzeit insbesondere die jesidischen Widerstandseinheiten Schingal (YBS), die sie der PKK zurechnen. YPG- und PKK-Kämpfer hatten 2014 Tausende Jesiden vor dem IS gerettet.

Die Jesiden bilden eine ethnoreligiöse Minderheit der circa 30 Millionen Kurden. Das Shengal (auch Sindschar oder Shingal geschrieben) ist traditionell ihr Zentrum. Nach UN-Angaben ermordete der IS in Nordirak damals 5000 Jesiden, versklavte 7000 Frauen sowie Kinder und vertrieb 400.000 Jesiden.

Die in Irakisch-Kurdistan regierende Koalition hatte 2017 in einem Referendum die Wähler gefragt, wie sie zur Unabhängigkeit des Landes stehen: Mehr als 90 Prozent sprachen sich damals für Unabhängigkeit von Irak aus. Die internationale Gemeinschaft folgte dem in diesem Fall gemeinsamen Interesse der Regierungen in Bagdad, Ankara und Teheran - und erklärte, man werde Kurdistan nicht anerkennen.

Die nächsten Wochen zeigen, ob sich die Zentralregierungen erneut einig sein werden. Und ob die MHP ihren Koalitionspartner Erdogan zum Angriff drängt. Dann wird die türkische Armee tiefer nach Syrien und Irak vordringen. Und könnte den besiegt geglaubten IS-Dschihadisten so zum Aufstand verhelfen.

(Transparenzhinweis: Wir haben nach Leser-Hinweisen die Passagen zur Lage in Nordirak geändert - so zur dort regierenden Koalition und zum Referendum 2017.)

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