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Noch ist im Laden nicht Schluss. Allerdings sind die Umsätze beim stationären Handel schlecht. Jetzt müssen Konzepte her, damit die Geschäftsleute überleben können. Foto: Mike Wolff
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Wie wird das Shoppen wieder attraktiv? So gibt es für Berlins Einzelhandel noch eine Chance

Die Umsätze im Handel sind weiterhin schlecht. Das Kaufverhalten hat sich verändert. Experten empfehlen mehr Vielfalt und die Hilfe von Algorithmen.

Shoppen ohne Schnelltest – das alles geht seit einigen Wochen wieder. Doch für die Kaufleute bleibt die Lage schwierig. Durch die Lockdowns während der Pandemie leidet der Einzelhandel weiterhin, die Umsätze sind in ganz Deutschland teilweise massiv eingebrochen.

Der Handelsverband Deutschland (HDE) spricht sogar davon, dass viele Betriebe am Rand ihrer Existenz sind. Die Unterschiede seien extrem zwischen den Branchen. Vor allem die der Schuh- und Bekleidungshandel darbt: Aus einer aktuellen HDE-Umfrage geht hervor, dass fast ein Drittel der befragten Schuhhändler befürchtet, ihr Geschäft ohne weitere Unterstützung noch in diesem Jahr aufgeben zu müssen.

Doch die Pandemie hat nicht nur dem Umsatz geschadet, sie hat auch zu einem veränderten Einkaufverhalten der Kunden geführt. Das trifft eine Branche, die aufgrund des immer stärker werdenden Onlinehandel schon vor Corona in Schwierigkeiten war.

In Berlin sind sukzessive in den vergangenen Jahren traditionelle Warenhäuser wie Hertie und Wertheim übernommen worden von Karstadt, bis die Marken in Berlin ganz aus dem Stadtbild verschwanden. Der Konzern Galeria Kaufhof Karstadt steckt selbst in der Krise: Die geplante Schließung von sechs Filialen in Berlin konnte der rot-rot-grüne Senat im vergangenen Sommer nach Gesprächen mit dem Eigentümer abwenden.

Nach dem zweiten Lockdown geriet Galeria Karstadt Kaufhof wieder tief in die Krise, die Bundesregierung unterstützt den Warenhauskonzern abermals mit einem Darlehen. Kosten: 460 Millionen Euro. Durch die Pandemie beschleunigt, steht eine ganze Branche vor der großen Frage: Wie kann das Shoppen in den Einkaufsgegenden wieder attraktiv werden?

Einzelhandelsverband: „Die Malls hatten extreme Einbrüche“

In einem sind sich die Branchenexperten einig: Es müssen Angebote jenseits des Einzelhandels geschaffen werden; er darf nicht mehr die Hauptattraktion sein. „Die Läden in Top-Lagen, die von Touristen leben, hatten die schwersten Einbrüche. Die Geschäfte in Kiezlagen sind etwas besser durch die Krise gekommen“, fasst Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbands Berlin-Brandenburg, die Lage zusammen.

Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg. Foto: Privat/Handelsverband Berlin-Brandenburg Vergrößern
Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg. © Privat/Handelsverband Berlin-Brandenburg

Auch die Shoppingcenter stecken in der Krise: Je nach Zählweise gibt es davon 70 in Berlin, die Malls am Randgebiet zu Brandenburg nicht mitgerechnet. „Die Malls hatten extreme Einbrüche: Trotz des Lockdowns mussten die Mall weiter betrieben werden, da die systemrelevanten Läden offenbleiben mussten. Das hat gekostet“, sagt Busch-Petersen.

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Doch unabhängig davon, befinden sich die Shoppingcenter schon länger im Umbruch: Um die Kunden zu locken und zu binden, dürfen sie künftig nicht nur den Einkaufszweck erfüllen. Hochwertige Gastronomie, attraktive Aufenthaltsbereiche für die Kunden und viel mehr Vielfalt seien gefragt: Nicht mehr Shop an Shop unter künstlichem Licht, sondern auch eine Bibliothek, Arztpraxen, Sportstudios, Kinos oder ein Ballettstudio, wo die Eltern die Zeit mit Einkaufen überbrücken, während die Kinder ihren Tanzunterricht absolvieren. Zudem Kooperationen mit Kulturveranstaltern, Live-Events in der Mall zu den jeweils passenden Jahreszeiten.

Schnelle Maßnahmen: Sonntagsöffnung und mehr Busse und Bahnen

Ein großes Warenhaus sei weiter wichtig als Anker, es ziehe Kunden für die umliegenden Läden an. Um die Lage wieder in den Griff zu bekommen, steht für Busch-Petersen eine Forderung ganz oben – und die geht an die Politik: Mehr Freiräume für die Gewerbetreibenden. „Reguliert uns nicht unnötig“, appelliert er. Und plädiert dafür, wenigstens die nächsten Monate die Sonntagsöffnung zu erlauben.

„Touristen lieben den Sonntag zum Einkaufen“, sagt der Verbandschef. „Und die Händler, die sonntags nicht öffnen wollen, die müssen es ja nicht“, fügt er hinzu. Auch sei unverzichtbar, Geld in die Digitalisierung zu investieren. Ein flächendeckendes Internet „mindestens bis zur Stadtgrenze“, sei für den Einzelhandel extrem wichtig, es könne doch nicht sein, dass die Kunden in den Geschäften kein Wlan haben.

Nicht zu vergessen die mobile Erreichbarkeit im Verkehr: Es müsse jetzt massiv in den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs investiert werden: Bessere Anfahrten in die Einkaufsgegenden, höhere Taktung der Busse und Bahnen, damit sie nicht zu voll werden, „und die Kunden nicht mehr sagen, ihnen ist das Infektionsrisiko zu groß, wenn sie ins Kaufhaus fahren“.

Lob des Algorithmus: „Wer seine Kundschaft kennt, wird bestehen“

Marc Funk, Gründer des Berliner Foodtech Start-ups FrontNow sieht den Fokus woanders: „Nur, wer seine Kundschaft mit ihren Bedürfnissen richtig kennt, wird auf dem Markt bestehen.“ Zwar sei das Bauchgefühl kein schlechter Ratgeber und Erfahrungswerte haben den Händlern auch über Jahrzehnte geholfen, ihr Segment kundengerecht anzubieten, sagt Funk. Doch das reiche nicht mehr.

Marc Funk, Geschäftsführer von FrontNow. Foto: FrontNow Vergrößern
Marc Funk, Geschäftsführer von FrontNow. © FrontNow

Mit Hilfe von Algorithmen, also Künstlicher Intelligenz (KI), könne jeder Händler, ob im Supermarkt oder Warenhaus, sein Produktportfolio so an die Kundschaft anpassen, dass man sich von der Konkurrenz abgrenzen und Kunden zu sich holen kann. Funk nennt ein Beispiel: Mit Unterwäsche von Calvin Klein im Angebot grenzt sich ein Geschäft nicht ab. „Das kaufen die meisten online, das muss man nicht massenhaft im Regal haben.“

Grün, Akademiker, kein Auto? Dann veganer Joghurt

Entscheidend sei, das Verhalten seiner Kunden sehr genau zu kennen. Funks Firma FrontNow verbindet Handelspartner, wie Supermärkte mit Food-Unternehmen. Wer kauft ein in der Filiale? Single, oder Doppeltes-Einkommen-kein-Kind? Eher Grünen-Wähler, ohne Auto, Akademiker?

Treffen diese Eigenschaften zu, dann hat beispielsweise ein Kiez-Markt in Mitte verschiedene Soja-Produkte und vegane Lebensmittel im Angebot, beschreibt Funk. Man müsse wissen, was dieser Käuferschicht wichtig ist und nicht nur eine Sorte veganen Joghurt im Laden haben, die dann immer ausverkauft ist, sondern seine Bestände so aufstocken, dass genug da ist. Weniger Milch, und weniger Fleisch – und wenn, dann bio. Sonst lande das, was liegenbleibt, unnötig in der Tonne. Doch wie schafft es seine Firma, eine so genaue Käuferanalyse zu liefern? „Wir erstellen statistische Abbilder der Kundschaft“, erklärt Funk.

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Das Statistische Bundesamt stellt für jede Nachbarschaft soziodemografische Daten bereit: Alter, Geschlecht, politisches Wahlverhalten, Mediennutzung und so weiter. So kann der FrontNow-Algorithmus sehr präzise erkennen, welche Interessen und Gewohnheiten die Menschen haben.

Funk betont, dass das absolut datenschutzkonform sei, denn die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) sei nicht bedroht, weil nicht das Individuum analysiert wird, sondern ein Cluster erstellt werde. „Wir haben nicht die Daten von einer Person, sondern einem Häuserblock“, sagt Funk.

IHK will die Shoppingviertel in den Kiezen wiederbeleben

Einen anderen Ansatz verfolgt die Industrie- und Handelskammer (IHK) mit ihrer Zentreninitiative „Mittendrin Berlin“. Christoph Deitmar, Branchen-Experte bei der Kammer sagt, dass es darum gehe Geschäftsstraßen-Initiativen zu unterstützen. Diese könnten mit ihren Projekten einiges dazu beitragen, dass die Shoppingviertel in den Kiezen wieder belebt werden.

So zeige das Rheingauviertel in Wilmersdorf, wie plastikfreies Einkaufen Realität werden kann. In Wilhelmsruh setze man auf die Qualität regionaler Angebote. Und das Ortszentrum Frohnau entwickele Konzepte für bessere Erreichbarkeit und Bürgerinformation, sagt Deitmar. Zudem müsse Berlin sich darum kümmern, dass leer stehende Läden und Gebäude temporär genutzt werden: mit produzierendem Handwerk, Ateliers oder Werkstätten zählt Deitmar auf.

Geht nach der Pandemie eine Kaufhaus-Ara zu Ende? Nils Busch-Petersen sieht diese Gefahr nicht. Aber es gelte jetzt, aus der Krise zu lernen. Man müsse ein Konzept haben und die Politik eine Stelle für einen Pandemie-Beauftragten schaffen. „Ganz oben angesiedelt, in der Senatskanzlei.“ Nur so könne verhindert werden, was uns passiert ist: nicht annähernd vorbereitet zu sein.

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