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Auf der Wochenbett-Couch. Familie Kitui ist schon fast im Alltag mit Kind angekommen. Das dauert etwas. Katharina Kitui hat sich zwar in der ersten Zeit öfter hingelegt, sagt aber, sie sei nicht der Typ dafür, „viel herumzuliegen.“ Hebammen raten aber zu einem richtigen Wochenbett. Foto: Daniela Martens
© Daniela Martens

Wie junge Eltern den Alltag erleben Im Ausnahmezustand

Nach der Geburt ist jeder Tag ein Abenteuer für die Eltern. Wie Familien in Berlin das Wochenbett erleben – mit ganz besonderen Tücken.

Es ist 12 Uhr mittags und Alika schläft friedlich auf Papas Arm. In der Nacht war sie nicht so ruhig. „Sie war bis drei Uhr wach“, sagt Katharina Kitui, die Mutter des kleinen Mädchens. Dafür wirkt die 30-Jährige bemerkenswert munter. Alika ist an diesem sonnigen Mittag fast sechs Wochen alt und wie wohl bei den meisten Babys läuft es mit dem Schlafen ein bisschen anders, als die Eltern sich das wünschen würden. Auch sonst sind die Kituis in vielen Punkten eine ziemlich durchschnittliche Berliner Familie, die erzählen kann, wie sich die Wochenbettzeit für frisch gebackene Eltern zurzeit anfühlt – und mit was sie sich herumschlagen.

Einen „Ausnahmezustand“ nennen die Autorinnen des Buches „Das Wochenbett“, Loretta Stern und Anja Constance Gaca, diese Zeit. Sie schreiben: „In unserer Kultur ist der Schutzraum für die Phase des Wochenbettes leider etwas verloren gegangen. Schnell wird von den Eltern erwartet, dass alles wie früher läuft – nur eben jetzt mit Baby. Dabei geht es in dieser ersten Zeit um sehr viel: nicht nur um körperliche Rückbildung bei der Mutter, sondern auch um den gemeinsamen Start ins Familienleben. Eltern und Kind müssen sich kennenlernen. Jeder muss seinen Platz in der veränderten Familiensituation finden. Das geht umso leichter, je geborgener und liebevoller dies passiert.“ Und die Hebamme Viresha J. Bloemeke schreibt in ihrem Buch „Alles rund ums Wochenbett: „Jede neue Tätigkeit ist in den ersten Tagen ein Abenteuer.“

Das Baby kam in der Charité zur Welt

Katharina Kitui ist mit 30 Mutter geworden, damit liegt sie genau im Durchschnitt. John Kitui, Alikas Vater, ist 29. Das Baby kam in der Charité in Mitte zur Welt. Nicht lange vor der Geburt war das Paar umgezogen, um mit Kind etwas mehr Platz zu haben – und hat dabei wie viele andere Familien die Hürden des Berliner Wohnungsmarktes kennen gelernt: „Ich wäre gern in Charlottenburg geblieben, aber das können wir nicht bezahlen“, sagt Katharina Kitui, die sich an den Esstisch gesetzt hat. Ihr Mann sitzt mit dem schlafenden Baby auf der Eckcouch. Beides steht in dem nicht allzu großen Wohnzimmer – mit Balkon und Blick ins Grüne. Sie sind in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Reinickendorf gelandet – und trotzdem zufrieden. „Hier ist es multikulti und meine Schwester in Tegel nicht so weit weg.“ Und sie hatte noch einmal Glück: Sie fand eine Hebamme, die sie nach der Geburt zuhause betreut, obwohl sie wegen des Umzug nicht gleich am Anfang der Schwangerschaft anfangen konnte, eine zu suchen. Viele Berlinerinnen haben zurzeit weniger Glück.

Zwei Nächte verbrachte er vor dem Standesamt

Vor allem aber haben die Kituis erlebt, wie schwierig es gerade ist, beim völlig überlasteten Standesamt einen Termin und damit eine Geburtsurkunde zu bekommen: „Das war ein bürokratisches Highlight“, sagt Katharina Kitui ironisch. „Es ist einfach unglaublich, was da passiert ist. Bis heute können wir es nicht glauben, dass wir tatsächlich die Urkunde bekommen haben.“ Zwei Nächte schlug sich John Kitui vor dem Standesamt Mitte um die Ohren – Nächte, in denen seine Frau eigentlich seinen Beistand gebraucht hätte. „Das war nicht so prickelnd.“ Und das, obwohl an der Charité die Prozedur eigentlich einfacher sein soll: Man kann dort zwar einen Antrag im Krankenhaus abgeben – muss aber dennoch hinterher noch einen Termin beim Standesamt bekommen, um die Urkunde tatsächlich zu erhalten.

John Kitui erzählt von Streitereien um selbst gebastelte Nummern, die in der Nacht vom Sicherheitsdienst ausgegeben und am Morgen dann gegen die richtigen ausgetauscht wurden. Dass nur die ersten elf Leute bekamen, was sie wollten. Dass etwa hundert Menschen ohne Erfolg wieder gehen mussten. In der zweiten Nacht kam John Kitui schon gegen ein Uhr. „Wir hatten schon Sorge, dass wir ohne Geburtsurkunde das Elterngeld und das Kindergeld nicht rechtzeitig beantragen könnten, denn Elterngeld wird nur drei Monate rückwirkend gezahlt“, sagt Katharina Kitui. „Es kann doch keiner erwarten, dass wir die Miete und alle anderen Fixkosten von Luft und Liebe bezahlen können, da wir beide in Elternzeit sind.“ Geld ist bei der Sozialpädagogin und dem Tourismus-Manager, der zurzeit als Essenslieferant arbeitet, nicht allzu reichlich vorhanden.

Die Leute boten ihre Nummern zum Verkauf an

John Kitui erzählt von den vielen Leuten, die wie er gegen ein Uhr morgens zum Standesamt gekommen sind. Von einer Mutter mit zwei kleinen Kindern, die Matratzen mitgebracht hatte, auf denen die Kinder unter freiem Himmel schliefen. „Um 7.30 Uhr wurden dann die richtigen Nummern verteilt. In der Zwischenzeit passierten viele unglaubliche Dinge – Leute boten ihre Nummern zum Verkauf für 200 Euro an. Mütter mit ihren Kindern versuchten, Mitleid bei den Wartenden zu erzeugen, damit sie Nummern ergattern können.“

Mittags um kurz vor zwölf war er – als letzter – an der Reihe. Nur eine Mitarbeiterin sei anwesend gewesen. „Ich bin vor zwei Jahren aus Kenia hierher gezogen“, sagt John Kitui in gutem Deutsch. Dort gebe es solche Zustände nicht. „Da gibt es zwar Korruption und du zahlst vielleicht für eine Nummer gut Geld, es werden aber dann auch mehr als elf Leute am Tag bedient – von mehr als nur einer Arbeitskraft.“

An den Wänden hängen viele Fotos von den beiden in Kenia. Katharina Kitui absolvierte während des Studiums einen Auslandsaufenthalt in Mombasa und lernte ihren zukünftigen Mann dort kennen. Sie zogen gemeinsam nach Berlin. „Hier ist es als Vater ganz anders als bei uns“, sagt John Kitui. „ Babys sind in Kenia nur die Aufgabe der Mutter – hier muss der Vater genauso mitmachen.“ Er findet das gut und hat sich schnell daran gewöhnt, seine kleine Tochter im Tragetuch vor dem Bauch zu haben. Seine Freunde in Kenia finden das lustig. „Die würden das niemals machen“, sagt er lachend.

Die Kaiserschnittnarbe zog ziemlich

Gerade ist Alika aufgewacht und maunzt. Ihr Papa gibt ihr ein Fläschchen mit abgepumpter Milch. Er hat auch auch viel vorgekocht in dem einen Monat Elternzeit, der hinter ihm liegt. Seit kurzem geht er wieder zur Arbeit – immer von 17 Uhr bis 23 Uhr. So verbringen die drei immerhin einen großen Teil des Tages noch immer gemeinsam. „Anfangs war ich sehr angewiesen auf meinen Mann. Die Kaiserschnittnarbe zog ziemlich und ich konnte den Kinderwagen schlecht allein aus dem Keller holen. Es wäre schön gewesen, noch einen weiteren Monat gleichzeitig Elternzeit zu haben. Aber es ist es auch mal schön, allein mit dem Kind zu sein. “ Mit Tragetuch sind Mutter und Baby zum Einkaufen gegangen. „In der Wohnung habe ich einen kleinen Koller bekommen.“ Die 400 Meter zum Supermarkt waren aber ganz schön anstrengend. Und dann muss man auch erst Mal damit klar kommen, dass man nicht mehr immer selbst entscheiden kann, wann man duschen möchte.

"Stillen klappt super"

John Kitui läuft jetzt mit seiner Tochter im Fliegergriff im Wohnzimmer auf und ab, wippt und singt leise. Katharina Kitui erzählt von der ersten Zeit zuhause im „Wochenbett“: Dass sie in den ersten Wochen öfter mit Baby auf der ausziehbaren Couch geruht habe: „Ich bin aber auch nicht so der Typ, dass ich viel rumliegen mag.“ Und sie berichtet vom „Babyblues“, den viele Frauen nach der Geburt erleben: „Ich habe ständig ohne richtigen Grund geheult. Und ich war mir nicht sicher. Kann ich Alikas Bedürfnisse wirklich befriedigen? Und mein Mann musste lernen zu verstehen, was da eigentlich gerade mit mir los war.“ Das habe aber ganz gut geklappt. Und ein Thema, dass bei anderen Müttern auch ein Problem sein kann, ist für sie immerhin keins: „Stillen klappt super.“

Sie musste auch erst einmal die Erlebnisse im Krankenhaus verarbeiten. „Ich habe mich da nicht so wohl gefühlt. Es gab eine hohe Fluktuation der Mitarbeiter und vieles musste ich selbst erfragen.“ Auch die Zeit in der Klinik gehört für Eltern zum „Abenteuer“ Wochenbett.

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