Willkommen in der Realität

Was brauchst du zum Leben? Youssouf hat seine Habseligkeiten akkurat geordnet – viele sind es nicht. Foto: Sebastian Dudey
WG mit Asylbewerbern Mein Mitbewohner, der Flüchtling

DONNERSTAG, 6. AUGUST
Ich bin übermütig, als ich die Tür aufsperre. Morgen habe ich frei. Meine zwei Mitbewohner stehen im Hausflur, haben mich schon erwartet. Los, machen wir Omelette, danach in den Park?

„Wir haben ein Problem“, sagt Ahmad ernst, mit Blick auf Youssouf.

„Ich weiß, du willst es nicht hören“, sagt Youssouf, schaut auf den Boden, verschämt wie ein Schuljunge. „Ich werde zurück nach Italien gehen.“ Er hält mir eine Mappe hin: „Stahnsdorf heißt sie willkommen“, steht drauf. Eine deutsche Familie, Mutter, Vater, Kind, grüne Wiesen, ein Idyll, mit dem Stahnsdorf Zuzügler anwerben will. Ich klappe sie auf, darin liegt ein Schreiben: „Youssouf D. ist verpflichtet, die Bundesrepublik Deutschland bis 08.08.2015 zu verlassen.“

Es ist, als hätte ich bis eben friedlich geträumt und würde jetzt mit einem Eimer eiskaltem Wasser über den Kopf geweckt. Es ist der Moment, in dem ich merke, dass jeder neue Mitbewohner auch neue Verantwortung bedeutet. Willkommen in der Realität.

Es ist spät, wir können nichts mehr tun. Wir bitten Youssouf nur um einen Tag. Fahr nicht morgen schon, übermorgen reicht auch noch. Youssouf will nach Stahnsdorf, seinen Pass holen, seinen restlichen Krempel. Wir verabreden uns für den nächsten Morgen am Oranienplatz, 11 Uhr. Zur Flüchtlingsberatungsstelle wollen wir gehen, Ahmad wird übersetzen.

FREITAG, 7. AUGUST
„Hast du die Papiere?“, schreie ich Youssouf am Telefon an. „Nein? Wo zur Hölle bist du? Verstehst du eigentlich, um was es geht?“ – „Gib mir mal“, sag Ahmad ruhig. Seit zwei Stunden sitzen wir auf dem O-Platz und warten, essen Pizza. Youssouf ist nicht da. Die Beratungsstelle macht gleich zu.

Als er um fünf nach eins dann doch aufkreuzt, ist es zu spät. „Morgen um 9.30 Uhr, Sie sind dann die Ersten“, verspricht man uns noch. Youssouf trägt neue weiße Billig-Sportschuhe. Er lacht, als er über den Platz läuft. Winkt mir zu mit einem zerknitterten Stück Papier. Das Busticket nach Italien. Gestern Abend wurde er noch in der Bahn kontrolliert, erzählt er, er hatte keinen Fahrschein. Adresse oder Polizei, hat der Kontrolleur gedroht. 60 Euro Strafe, Youssouf kann das nie und nimmer zahlen. Deshalb der spontane Beschluss: losfahren, lieber jetzt als morgen.

„Was soll die Scheiße?“, fluche ich, ich verstehe ihn nicht. „Kapierst du es nicht? Du willst doch gar nicht bleiben!“ Ich bin wütend. Darüber, dass dieser Junge vor Dokumenten, die er nicht versteht, vor Uniformen, die ihm Angst machen, einfach so kapituliert. Anstatt auf Leute zu hören, die ihm helfen wollen, auch wenn sie es vielleicht nicht immer können. Eigentlich bin ich nicht wütend auf Youssouf, ich bin wütend auf das Kleinkind, das Youssoufs krakeligen Lebensweg malt. Leg endlich die Stifte weg!

Ich muss daran denken, was Ahmad mir einmal gesagt hat: „Als wir in der Türkei im Hänger der Schlepper standen, wurde mir klar: Wir sind aggressiv und orientierungslos, wenn uns keiner führt. Wir wollen uns dann am liebsten gegenseitig auffressen. Kaum lässt uns einer aus dem Käfig, werden wir plötzlich ganz zahm, folgen ihm, ohne zu klagen“.

Noch am Abend bekomme ich eine E-Mail vom Flüchtlingsrat. Ich hatte wissen wollen, was ich noch tun kann.

Türöffner. Das Zusammenleben ist nicht immer einfach - und das Ankommen in Deutschland noch viel schwerer. Foto: Sebastian Dudey Vergrößern
Türöffner. Das Zusammenleben ist nicht immer einfach - und das Ankommen in Deutschland noch viel schwerer. © Sebastian Dudey

„Tatsächlich muss man sich entscheiden, offizielle Ausreise mit Papieren, dann Verlängerung in Italien, dann wiederkommen als Tourist, aber nicht mehr im Asylverfahren sein / kein Geld / keine Unterkunft. Oder bleiben, klagen, zum Arzt gehen, Atteste über Reiseunfähigkeit und psychische Belastung und oder gleichzeitige Arbeitsintegration (es gibt Programme in Berlin), aber so den Aufenthalt in Italien verlieren und vielleicht in Deutschland nichts bekommen. Er muss entscheiden.“

Youssouf hat entschieden. Für ihn gab es kein Entweder-oder. Eher ein Entweder-hier-nicht- oder-da-nicht. Das deutsche Bürokratiemonster hat es ein weiteres Mal geschafft, den schwarzen Peter zurückzuschieben. Youssouf meint: „In ein, vielleicht zwei Monaten bin ich wieder da. Ich werde es schaffen. Es ist mir egal, wie. Von mir aus putze ich Klos, so viele es gibt. Zur Not für zwei Euro die Stunde. Ich will endlich Verantwortung übernehmen für mich selbst.“

Ich bringe Youssouf noch zur Bushaltestelle, drücke ihm die Telefonnummer eines Freundes aus Italien, Trento, in die Hand. Ruf ihn an! Ich halte Youssouf in den Armen. Wahrscheinlich werde ich ihn nie wiedersehen.

Eine Frau, die mit uns an der Bushaltestelle wartet, fragt: „Wo soll denn die Reise hinjehn? Italien, Milano? Dit is ’ne schöne Stadt. Dass du mir da mal nicht zu teuer shoppen jehst!“ Youssouf schaut mich an, lächelt, schüttelt seine schwarzen Locken, wie immer. Und steigt in den Bus.

Ich schaue ihm hinterher. Gerade als ich mir überlege, ob ich nun traurig sein oder mich freuen soll, dass ich endlich mal wieder sturmfrei habe, klingelt das Telefon. „Svetlana Schlafplatz“. Ich gehe ran. „Hallo Bartholomäus! Hast du morgen noch ein Bett frei?“

Dieser Text erschien zunächst in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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