Ahmad, mein Kumpel aus Brandenburg

WG mit Asylbewerbern Mein Mitbewohner, der Flüchtling

Ganz normales Chaos. Youssouf in der WG-Küche. Foto: Sebastian Dudey Vergrößern
Ganz normales Chaos. Youssouf in der WG-Küche. © Sebastian Dudey

DIENSTAG, 28. JULI
Toni liegt halb ausgekleidet auf der großen Matratze. Schläft. Sie sieht nicht gut aus, den ganzen Tag schon war ihr schlecht. Ahmad nimmt den Schlafsack, deckt sie zu. Holt einen Eimer, den er neben ihr Kopfkissen stellt, ein Glas Wasser. Auf der anderen Matratze liegt Youssouf, die Decke hochgezogen über beide Ohren. Als wolle er sich vor der Realität verstecken. Er wird so schlafen bis morgen Mittag. Ahmad und ich sind noch hellwach. Er hatte lange gepennt, ich zu viel Kaffee getrunken. Also in Shorts raus, zum Späti unten an der Ecke. Ich wollte eh noch zwei Freunde treffen, die gerade aus Wien zu Besuch sind. Der eine spielt Bass, hört Metal. Das imponiert Ahmad natürlich. Er schreibt selbst Lieder und spielt Bass.

„Wer ist dein Lieblingsbassist?“, fragt Ahmad.

„Flea, von den Red Hot Chili Peppers“, sagt mein Kumpel wie aus der Pistole geschossen.

„Dieser Typ ist eine Religion! Wo du hinschaust: Flea. Aber noch mehr stehe ich auf Sid Vicious – von den Sex Pistols ...“

„… der Idiot, der sich mit 21 zu Tode gespritzt hat, eine Legende!“

„Ja. Irgendwann bin ich an einen Punkt gekommen, wo ich gemerkt habe: Alle meine Idole sind tot. Jung gestorben. Ich dachte, ich bin auch bald dran. Jetzt bin ich fast 25 und lebe immer noch.“

Vielleicht liegt das daran, dass Ahmad Realist ist. Dass er genau weiß, womit er rechnen kann, womit er rechnen muss. Dass er zufrieden ist mit dem, was er hat. Nicht mehr will, immer mehr. Eine syrische Revolution, ein arabischer Frühling – Ahmad hat nie daran geglaubt. Als seine Freunde aus Überzeugung auf die Straße gingen, oder sich für Geld davon überzeugen ließen, ist er absichtlich zum zweiten Mal in der Berufsschule durchgefallen. Um nicht zum Militär eingezogen zu werden. Es gibt nichts, was er scheußlicher findet als Uniformen. Egal welche. Die des Militärs, die der Freien Syrischen Armee. „Ein Haufen von Halunken und Dieben – welcher Vogel ist auf die bescheuerte Idee gekommen, die mit Waffen auszurüsten?“

An westliche Demokratie hat er nie geglaubt. Den Traum der Freiheit nie geträumt. „Wir hatten alles, ein gutes Leben. Wir hatten einen Diktator und Korruption, aber es ging uns gut.“

Als die ersten Schüsse fielen, hat er sich in seinem Zimmer verschanzt mit seinem Laptop. Hat japanische Zeichentrickfilme geschaut und sich selbst 3-D-Design beigebracht. Als die ersten Bomben in Damaskus einschlugen, die ersten Freunde von Demos nie wieder zurückkamen, der Tod allgegenwärtig wurde, da hat er das in Songtexten verarbeitet.

Mama, I’m gonna join the army
And I’ll be an army man
Not for this damn country
But no one can understand
Mama, don’t watch anymore news
Mama, they don’t say the truth
I gonna die and they don’t know me
Maybe I worth nothing, but they don’t own me
Mama we are fighting for their fun
Playing with the revolver gun
Bullet in me
Bullet in you
Always lies
Nothing true

Ich muss schlucken. Kloß im Hals. Drehe mir noch eine Zigarette. „Ich will dich heute heulen sehen!“, sagt Ahmad, zieht die Augenbrauen zusammen, richtet seinen Zeigefinger auf mich, grinst. So wie Uncle Sam auf den „I want you in the US-Army“-Plakaten. Aber doch irgendwie noch Timon, das Erdmännchen.

Gerade als ich den Kronkorken meines Biers mit dem Feuerzeug wegschieße, stolpert ein besoffener Typ über die Späti-Bierbank, zwei Kumpels im Schlepptau. Wo wir herkommen, lallt er, ob wir noch mit in den Club kommen. Zeigt auf Ahmad, der, wie ihm aufgefallen ist, Englisch spricht:

„Was machst du hier in Deutschland?“

„Ich warte auf meinen Deutschkurs.“

Ein verstehendes Aaah entfährt unserem Gegenüber: „Ein Austauschprogramm?“

Ahmad überlegt kurz: „Nein, mehr so ein Fluchtprogramm.“

Wieder Aaah. „Woher denn?“

„Syrien.“

„Voll geil, ich habe auch einen Kumpel, der aus dem Iran geflohen ist, dem ich immer helfe.“

Ahmad guckt verdutzt, wirkt ein wenig unschlüssig. Weiß nicht, was er mit dieser Info soll. „Ja“, sagt er dann, „das sind unsere Nachbarn, aber eher die am Ende der Straße. Die ein bisschen merkwürdig sind und eine andere Sprache sprechen.“ Ich liebe es, wenn er so ironisch wird.

Der junge Betrunkene guckt verwirrt, scheint es nicht ganz gepeilt zu haben, sein Gesicht ein einziges Fragezeichen. Ich muss laut lachen, schüttele den Kopf. Eins werde ich einfach nicht verstehen: dieses ständige Bedürfnis der Deutschen, nüchtern wie besoffen, sich rechtfertigen zu müssen. Rechtfertigen, wo es gar keine Vorwürfe gibt. Die soziale Fahne hochhalten. Sich damit schmücken und Lebensläufe verzieren. Und immer wenn sie mit einem Fremden, einem Flüchtling unterwegs sind, diesen auch so zu etikettieren. Ich habe mich anfangs selbst einmal dabei erwischt, wie ich gesagt habe: „Das ist Ahmad, er ist Flüchtling und wohnt bei mir.“ Das war mir im Nachhinein unglaublich peinlich. „Das ist Ahmad, mein Kumpel aus Brandenburg“, sage ich heute.

Am WG-Tisch. Bartholomäus und Youssouf besprechen den Alltag. Foto: Sebastian Dudey Vergrößern
Am WG-Tisch. Bartholomäus und Youssouf besprechen den Alltag. © Sebastian Dudey

Ahmad gefällt das viel besser. Er kriegt ja schon die Krätze, wenn er Hipster in „Refugees Welcome“-Shirts rumlaufen sieht. „Ja, das ist gut gemeint. Aber ich hasse die Stigmatisierung, dieses Wort. Refugee. Die Leute sind zufrieden, solange ich die Rolle ausfülle, die sie mir zuschreiben: arm, schwach, hilfsbedürftig, dumm. Flüchtling eben.“

Niemanden hier interessiert, dass Ahmad studiert hat, dass er 150 Menschen durch makedonische Wälder gelotst hat. Dass er ständig am Telefon hängt, um zu übersetzen, weil seine syrischen Freunde kein Englisch verstehen. Dass er in dem riesigen Erstaufnahmelager in Eisenhüttenstadt zwei Tage nach seiner Ankunft angefangen hat, an der Rezeption zu arbeiten. Wenn er andere Ansprüche hat als Schlafen-Warten-Essen in einem Vierbettzimmer, wird das mit einem „immer noch besser als in Syrien“ abgeschmettert. Besser als eine Kugel in der Brust, ja. Aber noch lange nicht gut. Nicht für deutsche Verhältnisse. Und Ahmad lebt jetzt in Deutschland.

Unser besoffenes Gegenüber will sich noch nicht geschlagen geben, will mit seinem Wissen trumpfen: „Sunnit, Schiit, Alawit oder Christ?“

„Sunnit.“

„Aah, ISIS?“, zwinkert er Ahmad zu und legt ihm freundschaftlich den Arm um die Schulter. Ich will schon den Mund aufmachen, aber Ahmad ist schneller. Nimmt den Arm sachte beiseite, schaut dem Typen tief in die Augen und sagt, ohne mit der Wimper zu zucken: „Deutscher?“ Er macht eine theatralische Pause. „Nazi?“

Youssouf hätte sich nie getraut, so etwas zu sagen. Wie immer hätte er die schwarzen Locken geschüttelt, wäre einfach gegangen. Er hätte gekuscht. Einmal waren Toni und ich abends auf dem Heimweg vom Görlitzer Park. Zwei Backpacker aus der Schweiz hatten wir getroffen, die noch auf ein Bierchen mit zu uns kommen wollten. Youssouf wartete schon weit vor der Wohnung auf uns, wollte uns Hallo sagen. Er wohnte da schon über eine Woche in der Wohnung. Hatte die orangefarbene Spange im Haar, die Toni ihm immer in die Locken steckt, weil er damit so charmant aussieht. Er kam zu uns gelaufen. Fast reflexartig reagierte der eine Schweizer: Daumen nach unten, „No, thank you, we don’t need anything. Go!“ Nicht verwerflich, schon gar nicht böse gemeint. Er wollte doch nur nicht, dass uns noch ein aufdringlicher Dealer belästigt. Youssouf ließ den Kopf hängen, wollte schon wieder gehen, bevor wir das Missverständnis aufklären konnten.

MONTAG, 3. AUGUST
Youssouf kocht, als ich heimkomme. Die Wohnung ist blitzblank, es liegen nicht einmal mehr Tabakkrümel auf dem Tischtuch. Youssouf hat geputzt, all die Teller und Tassen abgewaschen, die sich seit Wochen vor mir in der kaputten Spülmaschine versteckt hatten. „Ich gehe nie wieder zurück“, verkündet er, als wir mit dem Essen fertig sind. „Nicht nach Italien. Ich habe sieben Monate da gelebt – keinen Cent habe ich gesehen. Nur schlafen und essen. Das ist kein Leben.“ Keines, das sich leben lässt. Aber was hatte er sich denn erwartet? „Nichts – aber wenn du aus dem Busch kommst, dein Leben lang durch die Wüste ziehst mit einer Kuh und einer Herde Schafe, kein Licht, kaum Essen, dann in die richtige Welt kommst und die Leute siehst, die alles haben, Strom, Internet, Universitäten, Arbeit – sag mir, wie kann ich zurückgehen? Eher werde ich sterben.“

Als Youssouf das sagt, sieht er verzweifelt aus. Verflogen das Grinsen, mit dem er mir vorhin die Tür aufgemacht hat. Mir gegenüber der hilflose Flüchtling aus dem Rollenklischee, das Ahmad nicht mag. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Darum versuche ich, ihn naiv zu beruhigen. Alles wird gut, keine Sorge! Ich merke selbst, wie doof sich das anhört. Wir wissen beide, dass sein Asylantrag abgelehnt wurde. Dass die Klage vor Gericht nichts gebracht hat. Dass der Ausreisebescheid nur noch eine Frage der Zeit ist, weil die Duldung ausläuft. Dass er wieder nach Italien zurückmuss, weil er seinen Fingerabdruck da hat registrieren lassen. Weil dann die Dublin-Regelung greift. Dass gar nichts gut wird.

Einmal habe ich Ahmad gefragt, was er von Youssouf hält. Ich putzte mir gerade die Zähne, Ahmad saß im Sessel und schmierte sich mit seiner Fettcreme ein gegen Neurodermitis. Die beiden sprechen nicht viel miteinander. Wenn doch, verstehe ich nur Schlagworte wie „Dublin“ oder „Ausweis“, weil sie auf Arabisch reden. „Youssouf hat Angst, ständig“, sagt Ahmad. „Du wirst seine Sorgen nicht verstehen. Du hast ein Zuhause, musstest nie weglaufen. Niemand will dich loswerden.“

Stumm sitze ich da und nicke. Schaue auf den Jungen, der da auf der Matratze schläft. Sein Rucksack steht daneben, in dem peinlich genau zusammengelegt alles steckt, was er hat. Seine wenigen Klamotten, das „Fachbuch Kraftfahrzeugtechnik“, in dem er sich oft verliert. Der kleine, bunte Pinguin Chilly, den ihm ein Freund im Heim geschenkt hat. Den Schlafsack hat er wieder so hochgezogen, dass die Augen gerade noch rauslugen. Ein unschuldiges Kindergesicht. Unruhig, aber doch friedlich. Keine Spur von all dem Hass, den er ertragen musste. Die Arbeitsstunden auf libyschen Ölfeldern, die nie entlohnt wurden, weil der gutgläubige Junge keine Verträge lesen kann. Die 16-Stunden-Schichten im Fast-Food-Restaurant in der tschadischen Hauptstadt Ndjamena, für die er 50 Euro im Monat bekam. Die sieben Monate im libyschen Knast, voller Gestank, verdorbenem Essen und Peinigung durch die Wärter. Niemals hätte ich dieses zerbrechliche Kind auf 24 geschätzt. In Youssoufs Pass steht ja auch „Jahrgang 1994“ – ein Übersetzungsfehler bei der Einreise in Italien. Nie korrigiert in Deutschland. Weil ihm keiner zuhört. Keiner seine Sprache spricht. Unzählige Formulare hat er mit Zickzacklinie unterschrieben, er hat es nie anders gelernt. Er versteht diese Papiere auch nicht. Kein einziges, das fragt: Warum bist du hier? Oder: Wer bist du eigentlich? Immer nur: Woher? Für einen Analphabeten wie Youssouf ist die deutsche Bürokratie ein größeres Hindernis als das Mittelmeer.

„Wieso darf Ahmad bleiben und ich nicht?“, hat er mich einmal gefragt. „Weil ihm genommen wurde, was ich nie hatte?“ Das mit der CSU, das mit den Wirtschaftsflüchtlingen wollte ich ihm ersparen. Ich war wieder einmal ratlos.

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