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Das Marzahner Tagore-Gymnasium durchlebt eine Führungskrise. privat
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Update Wenn die Schulaufsicht Akten entsorgt Kritische Lehrerberichte zum Berliner Tagore-Gymnasium verschwunden

An der Marzahner Schule gibt es Streit um die Leiterin. Jetzt stellt sich heraus, dass wichtige Unterlagen fehlen.

Berlins Schulräte können Berichte über das Versagen von Schulleitungen entsorgen, ohne damit gegen Vorschriften zu verstoßen. Diese überraschende Tatsache ist anlässlich der jahrelangen Querelen um die Leitung des Marzahner Tagore-Gymnasiums ans Licht gekommen. Die zahlreichen Beanstandungen aus dem Kollegium sind nicht mehr auffindbar, können daher auch nicht anlässlich der aktuellen Brandbriefe Aufschluss über die Zusammenhänge geben.

Jetzt erläuterte die Bildungsverwaltung auf Tagesspiegel-Anfrage, wie es dazu kommen konnte. Demnach wird die Bereinigung der Akten mit den Verwaltungsvorschriften des Landes Berlin gerechtfertigt. Die maßgebliche „Gemeinsame Geschäftsordnung“ sehe zwar vor, dass sich die Aufbewahrungsfrist nach der „Dokumentationsfunktion der Akte für die Nachvollziehbarkeit des Verwaltungshandelns“ richte.

Generell sei die Frist aber „so kurz wie möglich festzusetzen“, heißt es im Paragrafen 61, auf den der Sprecher von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) verweist.

Dass die Verwaltung keine früheren Beschwerden kennt, hatte der CDU-Abgeordnete Dirk Stettner in Erfahrung gebracht: Bildungsstaatssekretärin Beate Stoffers (SPD) hatte seine entsprechende Anfrage verneint. Somit hatte sie wohl auch keine Kenntnis davon, dass Lehrer am 30. Januar 2019 sogar versucht hatten, Hilfe bei der Beschwerdemanagerin der Schulbehörde zu bekommen.

In der Folge mussten Parlament und Öffentlichkeit davon ausgehen, dass es keine früheren Beschwerden des Kollegiums gegen die Leiterin gegeben hatte, sondern nur die Brandbriefe der Eltern- und Schülerschaft, die im März 2021 veröffentlicht worden waren.

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Die Schüler hatten unter anderem berichtet, die Schulleiterin wirke „unorganisiert, unkoordiniert und überfordert“ und werde als „desinteressiert“ wahrgenommen. Die Elternvertretung gab ihnen Recht und ergänzte, die Schulleiterin kommuniziere „herablassend, anklagend und den Schüler:innen sowie Elternvertreter:innen gegenüber ausfallend“. 

Sie waren aber nicht die ersten mit ihrer Kritik. Vielmehr gab es nach Tagesspiegel-Informationen schon 2017 mehrere Versuche des Kollegiums, die Probleme durch Gespräche mit der Leiterin zu lösen, die 2016 ihre Stelle in Marzahn angetreten hatte. Als nach Ansicht der Kritiker keine Besserung eintrat, wurden Funktionsträger aus den Reihen des Kollegiums 2018 zur Schulaufsicht entsandt, wie damalige Mitarbeiter der Schule bestätigen.

Die Schulinspekteure benannten die Schulleitung als Problem

Die danach eingetretene leichte Besserung im Verhalten der Leiterin war aber offenbar nur von kurzer Dauer: Dies besagt jedenfalls der Bericht der Schulinspektion von 2019, der in erster Linie das Leitungshandeln beanstandete. Dort hieß es, die Schulleiterin sei „im Alltag wenig präsent und weder für Mitarbeitende noch für die Schülerschaft spontan ansprechbar“. In der Folge könnten aktuelle Anliegen nicht geklärt oder Entscheidungen getroffen werden – selbst „in Konfliktfällen“.

Langjährige Schulleiter sagten dem Tagesspiegel am Wochenende auf Anfrage, sie hielten es für regelrecht "absurd", dass ein Kollegium mit der Schulleitung um eine "tagesaktuelle Kommunikation" ringen müsse, die laut Inspektionsbericht "nur bedingt" gegeben sei.

"Resignation und zum Vertrauensverlust" als Folge

Dass weder die Kritik aus dem Kollegium noch die Schulinspektion eine Änderung an der Lage der Schule bewirkte, habe „zu Resignation und zum Vertrauensverlust geführt“, berichtet Schülersprecher Sebastian Peine aus Gesprächen mit Lehrkräften. Sie hätten aus dem Vorgang die Lehre mitgenommen, dass es keinen Sinn mache, sich zu wehren, da die Bildungsverwaltung ja sowieso untätig bleibe. Der Abiturient ist auch Bezirksschülersprecher.

An diesem Montag erhalten Peine und sein Jahrgang ihre Abiturzeugnisse.

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Im Fall des Tagore-Gymnasiums hätte es durchaus Gründe gegeben, die Unterlagen länger als „so kurz wie möglich“ aufzuheben und Spielräume zu nutzen. Denn das Kollegium hatte umfängliche Kritikpunkte zusammengetragen, wie Beteiligte berichten. Mehr noch: Die Kritik war schon 2018 keineswegs neu und hätte die Schulaufsicht daher besonders alarmieren müssen.

Denn es gab ähnliche Vorwürfe bereits an der Vorgängerschule der Schulleiterin, der Lankwitzer Bröndby-Sekundarschule. In deren Schulinspektionsbericht von 2014/15 ist nachzulesen, der Schule fehlten „tragfähige Kommunikationsstrukturen“. Ein Informationsfluss müsse dringend aufgebaut werden. Es fehle auch ein „strukturiertes und transparentes Schulleitungshandeln mit klaren Schwerpunkten, Zielen und Verantwortungsbereichen“.

Versetzt von Lankwitz nach Marzahn

Mit anderen Worten: Die beiden Inspektionsberichte kommen – mit vier Jahren Abstand – zu vergleichbaren Ergebnissen. Das aber bedeutet, dass die Schulinspektion ihren Sinn verfehlte, wonach die Schulaufsicht auf Grundlage der Inspektionsergebnisse den Schulen oder Leitern helfen soll, festgestellte Probleme zu beheben.

  • Hier geht es zum Inspektionsbericht der Bröndby-Schule von 2015.
  • Hier geht es zum Inspektionsbericht des Tagore-Gymnasiums von 2019.

Im konkreten Tagore-Fall brachte die Versetzung der Leiterin eine weitere Härte für die „aufnehmende“ Schule mit sich: Das Tagore-Gymnasium verfügte nämlich über einen hervorragend geeigneten Bewerber, der schon jahrelang als stellvertretender Schulleiter alle Aufgaben zur allgemeinen Zufriedenheit gemeistert hatte und der gerade erst mit dem Deutschen Lehrerpreis ausgezeichnet wurde. Er musste auf dem Vertreterposten bleiben, weil Scheeres’ Schulaufsicht einen Ausweichposten für die Bröndby-Leiterin brauchte.

Eine Führungskräfteakademie soll Abhilfe schaffen

„Die Schulaufsicht darf sich nicht wegducken, sondern muss durchgreifen“, wünscht sich ein ehemaliger Schulleiter, der bei Schulinspektionen immer wieder erlebt hat, was passiert, wenn Probleme nicht angegangen werden. Er erinnert daran, dass Scheeres im Januar 2019 ein Qualitätspaket mit 39 Vorhaben vorgestellt hatte. An erster Stelle stand der Start einer „Führungskräfteakademie“. Ziel: Schulleitungen, mittleres Management an Schulen und Schulaufsichten stärken“. Inzwischen hat das Vorhaben den Namen „Leadership. lab“, ist aber der Schulöffentlichkeit noch weitgehend unbekannt.

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Weit ist die Verwaltung auch von dem schon unter Scheeres' Vorgänger Jürgen Zöllner (SPD) verfolgten Vorhaben entfernt, einen zuverlässigen Plan B für schwache Schulleiter zu finden, die sich trotz Coachings als ungeeignet erweisen. Der Rücktritt ins nächstniedere Amt, also den Lehrerberuf ohne Leitungstätigkeit, ist bisher nicht vereinbar mit dem öffentlichen Personalrecht.

Schon Sandra Scheeres' Vorgänger Jürgen Zöllner (beide SPD) versuchte vergeblich, ungeeignete Schulleiter zu ersetzen. Foto: dpa Vergrößern
Schon Sandra Scheeres' Vorgänger Jürgen Zöllner (beide SPD) versuchte vergeblich, ungeeignete Schulleiter zu ersetzen. © dpa

In der Folge müssen sich Schulen jahrzehntelang mit Leitern herumquälen, die ihren Beruf verfehlt haben – denen das „Schulleiter-Gen fehlt“, wie es ein langjähriger Schulaufsichtsbeamter ausdrückt.

Linke: "Leitungsposten erstmal nur für drei Jahre besetzen"

Die Bildungsexpertin der Linken, Regina Kittler, forderte am Sonntag eine grundsätzlich andere Regelung, die durch eine Änderung im Personalrecht herbeigeführt werden müsse: "Ich wäre dafür, so wie bei der Besetzung von Intendanz am Theater, Schulleiter:innen nur noch zeitlich befristet nach der Probezeit für drei Jahre zu berufen und dann entweder eine Verlängerung auszusprechen (unter Mitsprache der Schulkonferenz) oder eben nicht", lautet Kittlers Vorstoß.

Gordon Lemm, der SPD-Bildungsstadtrat von Marzahn-Hellersdorf, sagte am Sonntag, er wünsche der Schule "prinzipiell eine baldige Rückkehr zu ihrer eigentlichen Aufgabe". Lemm sagte, er habe "das Gefühl, dass der Schulleiterin bewusst ist, dass dies ihre letzte Chance ist, sich zu beweisen". Die Leiterin unternehme aber nach seiner Kenntnis "ernsthafte Anstrengungen", um die "kommunikativen Defizite auszugleichen und Hilfe anzunehmen und den Schulfrieden wieder herzustellen"

Der SPD-Stadtrat wünscht sich "klare Regeln für den Umgang mit Fehlverhalten"

"Ich hoffe für alle Beteiligten, dass das gelingt. Hier wird die Senatsverwaltung sicher ein Auge darauf haben müssen (und sicher auch werden)", sagte Lemm. Im Übrigen sehe er "die Probleme grundsätzlich wie Frau Kittler und würde mir für diese wichtige Aufgabe klare Regeln für den Umgang mit Fehlverhalten wünschen".

Die Bildungsverwaltung bittet unterdessen um Geduld – und verweist auf eine Mediation, die am Tagore-Gymnasium begonnen worden sei. Auch gebe es „fortlaufend Gespräche“, und im kommenden Schuljahr solle ein Studientag erfolgen, bei den es um „Kommunikationsstrukturen“ gehen werde.

Dem Vernehmen nach soll zudem eine berlinweit anerkannte langjährige Elternvertreterin als Beraterin dabei helfen, die Kommunikation zwischen der Leiterin und der Gesamtelternvertretung (GEV) zu verbessern: Wie berichtet hatte die GEV mit einem eigenen dreiseitigen Schreiben den Brandbrief des Abiturjahrgangs vollständig unterstützt.

Die Schulleiterin lässt die Vorwürfe bestreiten

Die Schulleiterin selbst lässt seither ihren Anwalt antworten: Der namhafte Arbeitsrechtsexperte Jens Brückner bestritt bereits im März alle Vorwürfe aus dem Brief der Abiturienten – vom Problem der ständigen Unpünktlichkeit und mangelnden Kooperation bis hin zur auffälligen Personalfluktuation. Die Fluktuation begründet Brückner mit vielen Lehrkräften im Pensionsalter. Manche gingen nach Tagesspiegel-Informationen allerdings vorzeitig in den Ruhestand. Ein junger Lehrer, der dem beliebten Stellvertreter gefolgt war, kündigte kurze Zeit später.

Und was ist nun mit der „Gemeinsamen Geschäftsordnung“? Wird es dabei bleiben, dass Kritik weiterhin aus den Akten verschwindet, weil die GGO auf „möglichst kurze“ Aufbewahrungszeiten pocht?

Das muss nicht sein. Denn der entscheidende Paragraf lässt einigen Spielraum. Dort ist nämlich nachzulesen, dass „die Behörden die Aufbewahrungsfristen selbst festsetzen können“, sofern die Dauer nicht durch Rechts- oder Verwaltungsvorschriften festgelegt ist. Von dieser Möglichkeit machte die Verwaltung aber offenbar keinen Gebrauch.

Zum Kommentar zur Vernichtung der Beschwerdeunterlagen geht es HIER.

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