Klimaprotest mit Verstärkung. Am Freitag werden 10.000 Teilnehmer zur Demo in Berlin erwartet. Foto: imago images / snapshot
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Weltklimatag 2019 in Berlin Schulen und Betriebe bereiten sich auf Streik vor

Am Freitag ist globaler Klimastreik. Dieses Mal sind auch Erwachsene dazu aufgerufen, ein paar Berliner Unternehmen wollen mitmachen.

Es könnte der größte Klimastreik in der Geschichte werden: Am Freitag werden weltweit Menschen für mehr Klimaschutz demonstrieren. Dem Aufruf der „Fridays for Future“-Bewegung haben sich zahlreiche Organisationen, Parteien und Gewerkschaften angeschlossen. In Berlin beginnt die zentrale Demo um 12 Uhr am Brandenburger Tor.

Was als Bewegung von Schülerinnen und Schülern anfing – mit der Schwedin Greta Thunberg als Initiatorin – hat längst breite Teile der Gesellschaft erfasst. Die Berliner Grünen fordern alle Arbeitgeber dazu auf, „ihre Angestellten am 20. September ohne Gehaltseinbußen freizustellen, wenn diese am Klimastreik teilnehmen möchten“, wie die Grünen-Landesvorsitzende Nina Stahr am Dienstag mitteilte.

Auch die Schulen sollten es Schülern ermöglichen, „ohne Sanktionen an der Demo teilzunehmen“. Die bildungspolitischen Sprecherinnen der Regierungsfraktionen rufen die Schulen auf, den 20. September zum „Projekttag für die Einhaltung des Pariser Abkommens und gegen die anhaltende Klimazerstörung zu machen“.

Tatsächlich gehen die Schulen ganz unterschiedlich mit demonstrierenden Schülerinnen und Schülern um. Die Berlin Bilingual School, eine Privatschule in Friedrichshain, schließt ihre Sekundarschule am Freitag sogar ganz. „Das gesamte Kollegium der Sekundarschule wird an der Demonstration teilnehmen, die Schule bleibt geschlossen und der Unterricht fällt aus“, teilte die Schule mit.

Schülerinnen, Schülern und Eltern bleibe es freigestellt, ob sie am Klimastreik teilnehmen möchten. Die Grundschule und der Hort werden allerdings regulär offen bleiben. Als Privatschule habe man etwas mehr Gestaltungsspielraum als öffentliche Schulen. „Die Eltern finden unsere Entscheidung sehr gut, sie haben das sogar gepusht“, sagte eine Sprecherin.

Auch andere Schulen versuchen, eine Demo-Teilnahme zu ermöglichen. „Ich habe von Schulen gehört, die Exkursionen organisieren oder am Freitag verkürzten Unterricht machen“, sagt Luisa Regel, Sprecherin des Landesschülerausschusses. Auch wenn die Schulleitungen nicht aktiv zur Teilnahme aufrufen – was rechtlich auch schwierig wäre – so versuchen viele doch, die Nachteile für die Kinder und Jugendlichen so gering wie möglich zu halten. Viele legen keine Klassenarbeiten auf diesen Tag, sagt Regel.

Manche Schulen ignorieren Streik komplett

Gegenbeispiele gebe es allerdings. Sie habe von Schülerinnen und Schülern gehört, deren Lehrer genau dann Arbeiten schreiben lassen und diese bei unentschuldigtem Fehlen mit „ungenügend“ bewerten. An manchen Schulen werde das Thema Klimastreik auch „komplett ignoriert“.

Die Senatsschulverwaltung weist darauf hin, dass es im Ermessen der Schulleitungen liege, wie sie reagieren. „Uns sind bisher keine Sanktionen bekannt, ebenso wenig Pläne, künftig anders vorzugehen“ sagte Martin Klesmann, der Sprecher von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Die Senatorin freue sich, dass sich so viele junge Menschen engagieren und mit dem komplexen Thema auseinandersetzen.

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Generelle Schulbefreiung wird es nicht geben

Allerdings bestehe natürlich die Schulpflicht, und diese könne auch für diesen Tag nicht aufgehoben werden. „Eine generelle Schulbefreiung wie in New York wird es nicht geben“, sagte Klesmann. In der vergangenen Woche hatte die New Yorker Schulbehörde auf Twitter mitgeteilt, dass am Klimastreik teilnehmende Schülerinnen und Schüler entschuldigt werden, wenn das Einverständnis der Eltern vorliegt.

Und wie gehen die Unternehmen mit dem Thema um? Das müsste jedes für sich entscheiden, sagt Carsten Brönstrup, Sprecher der Unternehmensverbände Berlin Brandenburg (UVB). „Da gibt es natürlich keine Empfehlungen von uns.“ Man halte sich an das Arbeitsrecht. „Und da ist die Sachlage klar: Politische Streiks – und ein solcher wäre ein Klimastreik ja – sind rechtlich nicht zulässig.“

Streiks müssten Regelungen zum Ziel haben, die in einem Tarifvertrag festgehalten sind. „Natürlich steht es jedem Arbeitnehmer frei, in seiner Freizeit politische Ziele zu unterstützen“, erklärt Brönstrup. Ansonsten hätten Arbeitnehmer die Möglichkeit, in Absprache mit dem Arbeitgeber Urlaub, Gleitzeit oder Pausen dafür zu nutzen. „Wer sich indes auf eigene Faust vom Arbeitsplatz entfernt, verletzt unter Umständen seinen Arbeitsvertrag. Das gilt für kommenden Freitag und für alle weiteren, die danach kommen.“

Streikfrei gibt es auch für die Angestellten der großen Arbeitgeber nicht. Bei Siemens können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aber flexible Arbeitsmodelle oder den Abbau von Überstunden nutzen. So handhabt es auch die Deutsche Bahn. Auch bei der BVG ist der Klimastreik Thema. „Initiativen haben gefragt, ob wir uns nicht am Klimastreik beteiligen wollen“, sagte Sprecher Jannes Schwentu. „Wie kommen die Menschen dann zu den Demonstrationen, mit dem eigenen Pkw?“ Daher wolle die BVG am Freitag besonders gut arbeiten, sodass alle an ihr Ziel kommen.

Auch Arbeitgeber werden proaktiv

Und was macht die Verwaltung? Der Senat habe sich darauf verständigt, den Berliner Behörden zu empfehlen, am Freitag die Kernarbeitszeit auszusetzen, sagte Sprecher Julian Mieth. Sprich: Wer zur Demo will, die in der Kernarbeitszeit liegt, kann vor- oder nacharbeiten.

Es gibt auch Arbeitgeber, die proaktiv tätig werden, so wie Christof Struhk, Gründer und Geschäftsführer von Modulor, einem Geschäft für Bastel- und Künstlerbedarf in Kreuzberg. Er macht sein Kaufhaus am Moritzplatz am Freitag komplett zu. Jeder der 190 Mitarbeiter habe die Wahl, an der Kundgebung teilzunehmen, einen Workshop zum Thema zu besuchen oder den Betrieb im Hintergrund aufrechtzuerhalten – zum Beispiel bei der Warenannahme. „Wir streiken fürs Klima, Du auch?“, fragt Modulor Besucher in großen roten Lettern auf der Website.

Mit der Klimakrise stehe man vor der drängendsten, globalen Herausforderung seit Menschengedenken. In einem Video erklärt Struhk zudem, sein Unternehmen wolle damit ein Zeichen an die Politik senden – auch wenn damit an diesem Tag ein „erheblicher Teil“ des Umsatzes verlorengehe. „Klimaschutz ist ohne Einschränkungen nicht zu bekommen.“

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