Künstler Dida Zende sieht sein Schwitzmobil als soziale Skulptur. Immerhin: Es gibt kein Ruhegebot, dafür Bier zum Abkühlen. Foto: Thilo Rückeis
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Wellness in Berlin Das Schwitzmobil von Prenzlauer Berg

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Die wohl ungewöhnlichste Sauna der Hauptstadt befindet sich auf einer alten Tankstelle – in einem ausgedienten Feuerwehrauto.

Auf einem Freigelände in der Schwedter Straße in Prenzlauer Berg steht ein altes Feuerwehrauto. Der Löschwagen ist nichts anderes als die skurrilste Sauna Berlins. Am frühen Abend heizt im Inneren des Fahrzeugs ein echter finnischer Saunaofen kräftig ein, er wird mit Buchenholz befeuert.

„Ein Feuer, das in einem Feuerwehrauto brennt“ – diese fast schon absurde Situation ist für den Saunabetreiber und Künstler Dida Zende nichts anderes als Kunst. Der Berliner spricht von einem „künstlerischen Akt der Transformation“ und bezeichnet sein ungewöhnliches fahrbares Schwitzmobil als „soziale Skulptur, die positive Energie erzeugt“.

Freie Internationale Tankstelle heißt das Gelände, auf dem sein benutzbares Kunstwerk steht. Tatsächlich ist es die zweitälteste Tankstelle Deutschlands, sagt Zende, sie ist freilich schon seit Jahrzehnten still gelegt. Seit 2002 finden hier im Sommer Veranstaltungen statt, Konzerte und Lesungen, die ehemalige Tankstelle verwandelt sich dann in einen Biergarten mit Kulturbetrieb.

Eine derartige Freifläche mitten im durchgentrifizierten Kiez, auch das ist ziemlich ungewöhnlich. Schon seit Jahren würden Investoren das Gelände für viel Geld kaufen wollen, erzählt Zende, doch den Eigentümern gefällt ganz offensichtlich, was der 51-jährige Künstler so treibt.

In der Mitte des Geländes steht eine mongolische Jurte, ein großes, stabiles Zelt. Auch hier sorgt ein kleiner Holzofen für etwas Wärme, während es draußen klirrend kalt ist. Die ersten Gäste betreten die Jurte, die meisten Namen kennt Dida Zende schon, und flugs verwandelt sich die Jurte in eine Umkleidekabine. Die Saunabesucher ziehen sich aus, während Zende noch in Daunenjacke dasitzt und groovigen, entspannten Jazz auflegt. Schnell wird klar, dass nicht nur die Tatsache, dass man in einem Feuerwehrauto sauniert, ziemlich ungewöhnlich ist, sondern auch dass hier einfach alles anders läuft als in den gängigen Berliner Saunen.

Berliner Finnen mögen die authentische Stimmung

Hierzulande gibt es beim Saunieren ja im Allgemeinen eine bestimmte Abfolge von Ritualen, das Schwitzen unterliegt strengen Regeln. Bitte vorher duschen! Bitte Ruhe! Saft, Wasser oder Tee trinken! Und jede Stunde wird ein Aufguss mit ätherischen Ölen erwartet, der vom Saunameister – bitte pünktlich – mit großem Tamtam vollzogen wird. In der Freien Internationalen Tankstelle dagegen kommen die Gäste, werfen ihre Klamotten in die Ecke, holen sich ein Bier aus dem Kühlschrank und stoßen im Feuerwehrauto an, es wird nach Belieben gequatscht. Aufgießen kann, wer will.

Rund um den Ofen, in dem Buchenholz knistert, wird es schon zu siebt eng. Dabei haben sich hier auch schon mal 17 Saunagänger hineingezwängt, erzählt Zende. Foto: Thilo Rückeis
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Das ist echtes Saunieren, findet Zende, so würde das auch in Finnland laufen, dem Land, in dem der Saunagang bekanntlich Teil der Nationalkultur ist. In Finnland käme man in die Sauna, um sich zu unterhalten, und nicht, um vor sich hin zu schweigen, wie es in Deutschland üblich ist. Gerade in Berlin lebende Finnen würden es deswegen schätzen, dass es wenigstens bei ihm einigermaßen authentisch zuginge. Nur der gemischt-geschlechtliche Saunabetrieb, der sei dann doch wieder eher deutsch.

Eine ganze Menge Stammgäste habe er, sagt Dida Zende, „Saunasüchtige“, die fast jedes Mal kämen, nicht nur aus Prenzlauer Berg, auch aus Neukölln. Einer der Süchtigen habe mal einen Abend mit seiner Freundin in einer gehobenen Saunalandschaften verbracht, um dann später noch im Feuerwehrauto auf ein Bier ohne das ganze Wellness-Brimborium vorbeizuschauen und weiter zu schwitzen. Manchmal bringe auch jemand eine Gitarre mit in die Jurte und wenn die Stimmung danach sei, werde gemeinsam in der Sauna gesungen. Lagerfeuerstimmung mitten in Prenzlauer Berg.

In Brüssel setzten sich EU-Abgeordnete an den Ofen

Schwer zu leiden haben die Stammgäste, wenn sich Dida Zende mit seiner fahrbaren Sauna auf Tour begibt. Im April letzten Jahres etwa war er auf Einladung des Goethe-Instituts in Brüssel, wo sich in seinem Feuerwehrauto EU-Parlamentarier um den finnischen Saunaofen versammeln und über gesellschaftsrelevante Themen diskutieren sollten. „Sweating for Europe“ nannte sich das dann.

Die Feuerwehrauto-Sauna ist an diesem Abend schnell gut gefüllt, was allerdings auch kein Wunder ist: Bis zu zehn Gäste passen hinein, sagt Zende, der Rekord liege bei 17 Personen, aber schon zu siebt hat man eigentlich das Gefühl, viel voller müsse es jetzt wirklich nicht sein. Irgendwann zieht dann auch der Saunameister seine dicke Jacke aus, um eine Runde mitzuschwitzen.

Die Jurte dient inzwischen nicht mehr nur als Umkleideraum, sondern auch als Ruheraum zwischen den Saunagängen, aber auch hier unterhalten sich die Gäste nach Lust und Laune. Die Stimmung ist familiär, ein Gast hat selbstgemachten Kefir mitgebracht, den jeder mal probieren darf. Alle sind nackt oder halbnackt, es hat etwas von einem Hippie-Happening – und mittendrin Dida Zende als Zeremonienmeister, der glücklich seine eigene Performance genießt.

„Ich sorge für Entspannung bei den Leuten“, sagt er, „und das ist für einen Künstler so mit das Befriedigendste, was man erreichen kann.“

Schwedter Straße 262, Saunabetrieb mittwochs und sonntags, 19–23 Uhr. Weitere Infos unter www.f-i-t.org

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