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Ein Frühchen in einer Kinderklinik in Bayern. Armin Weigel/dpa
© Armin Weigel/dpa

Weil Krankenhausplätze in Berlin fehlen Experten plädieren für zentrale Kinderklinik von Charité und Vivantes

Krankenbetten für die jüngsten Patienten sind knapp. In Berlin raten Experten zu einem Gemeinschaftsprojekt. Doch ein Problem ist der Mangel an Pflegekräften.

Eine wachsende Stadt, ein komplexes Gesundheitswesen und regelmäßig Debatten um die Not der Kindermedizin – nun schlägt ein Expertengremium der Akademie der Wissenschaften vor, dass Berlin eine zentrale Kinderklinik einrichten solle.

In einem Papier, dass am Montag in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) in der Reihe „Denkanstöße“ vorgestellt wurde, heißt es: Die avisierte Kooperation zwischen der Charité und den Vivantes-Krankenhäusern solle „prioritär“ zwischen den Kinderkliniken beider Landesunternehmen intensiviert werden.

Aus der Charité ist zu hören, der Weddinger Campus der Universitätsklinik biete sich für ein großes Zentrum der Kinderheilkunde an: Der Standort am Virchow-Klinikum soll absehbar ohnehin umfassend modernisiert werden. Die „Denkanstöße“ wurden vom Ex-Vorstandschef der Hochschulklinik und BBAW-Medizinexperten Detlev Ganten vorgestellt.

Erst im Herbst hatten sich Eltern, Ärzte und Fachpolitiker besorgt gezeigt, weil Betten auf Berliner Kinderstationen gesperrt waren, also wegen Personalnot nicht belegt werden konnten. Wie berichtet, hatten Ärzte einzelnen Eltern geraten, mit ihren Kindern bestimmte Brandenburger Kliniken aufzusuchen. In Einzelfällen seien Patienten trotz deutlicher Entzündungsanzeichen nach Hause geschickt worden, die Eltern hätten sich selbst um stationäre Aufnahme anderswo kümmern müssen. Der Verband der Leitenden Kinderärzte und Kinderchirurgen sprach von einer zugespitzten Lage.

Kurz nach der Wende bundesweit 35.000 Betten in Kinderkliniken

Bundesweit gilt die Kinder- und Jugendmedizin als unzureichend finanziert. In den „Denkanstößen“ der Akademie heißt es, die „Unterfinanzierung“ müsse beendet werden, das DRG-System habe sich insbesondere in der „pädiatrischen Universitätsmedizin“, also dort wo Forschung und Versorgung zusammenfallen, nicht bewährt. Mit dem Fachterminus DRG sind Fallpauschalen gemeint, das sind jene Mittel, mit denen die Krankenkassen pro Diagnose die Kliniken vergüten. Die Krankenhäuser bezahlen damit Personal und Arzneien.

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Die Zahl der Kinderstationen ist in Deutschland gesunken: 1991 gab es 539 Abteilungen für Kinder- und Jugendmedizin, 2017 noch 444. Die Zahl der Betten auf diesen Stationen ging in diesen Jahren von 35.000 auf 20.000 zurück. In Berlin weist der aktuelle Krankenhausplan 735 Betten auf Kinderstationen aus – inwiefern noch psychiatrische Behandlungsplätze dazukommen, ergibt sich aus dem Plan nicht eindeutig.

Die Lage in den Krankenhäusern – neben den Kinderstationen geht es insbesondere um die Rettungsstellen – beschäftigt Politik und Kassen seit Jahren: Einerseits erhalten die Kliniken immer mehr Geld, inzwischen auch aus den einst äußerst sparsamen Landeshaushalten, die per Gesetz für Bauten und Technik der Kliniken verantwortlich sind. Andererseits versorgen die Krankenhäuser massenhaft Patienten, die keine stationäre Hilfe brauchen, sondern allenfalls eine Arztpraxis gebraucht hätten.

Weniger, aber spezialisiertere Krankenhäuser?

„Vor der Coronakrise war jedes fünfte Bett nicht belegt, während der Pandemie standen in Kleinkrankenhäusern sogar 40 Prozent der Betten leer“, sagte Stefanie Stoff-Ahnis vom Vorstand des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherungen kürzlich mit Blick auf die Bundeslage dem Tagesspiegel. „Gleichzeitig haben wir das Problem fehlender Pflegekräfte und beständig steigender Kosten.“ Deshalb brauche es eher weniger, dafür aber spezialisierte, jedenfalls nicht mehr Kliniken.

Im Koalitionsvertrag auf Bundesebene kündigen SPD, FDP und Grünen eine „auskömmliche Finanzierung für die Pädiatrie, Notfallversorgung und Geburtshilfe“ an. Die Personalnot wird das kaum mildern. Trotz steigender Löhne verließen zuletzt mehr Pflegekräfte die Kliniken, als ausgebildet wurde.

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Charité-Chef Heyo Kroemer sprach am Montag davon, dass sich die Probleme des demografischen Wandels, also der Fachkräftemangel derzeit nur als „Vorgeschmack“ zeigten. Eine konsequente Digitalisierung sei nötig, um die Versorgung mit dem vorhandenen Personal aufrechtzuerhalten. „Deutschland ist da leider ein digitales Entwicklungsland“, sagte Kroemer und bemühte erneut das Beispiel der Impfausweise: Hierzulande werden nach jeder Impfung kleine Stempel in die Heftchen gedrückt, so wie das seit Jahrzehnten üblich ist. Andere Staaten vermerken den Impfstatus gleich in einer digitalen Akte.

Neben der nötigen Digitalisierung rieten die Akademie-Experten dem rot-grünen-roten Senat noch dazu, ein „Gesundheitskabinett“ zu bilden. Neben Politikern solle das Gremium mit ranghohen Vertretern aus Wissenschaft und Wirtschaft besetzt werden und die Landesregierung ressortübergreifend beraten – was der anwesende Gesundheitsstaatssekretär Thomas Götze (Grüne) augenscheinlich plausibel findet.

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