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Wenig prominent: Die Minna-Cauer-Straße wird schnell übersehen. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
© Doris Spiekermann-Klaas

Weibliche Straßenwidmungen in Berlin Auf diesen Straßenschildern werden Frauen geehrt

Helena Davenport

Mehr als 10 000 Straßen gibt es in Berlin - und gerade einmal zwischen 500 und 600 sind nach Frauen benannt worden. Ein ernüchternde Suche.

Während ihr Ehemann ein Nickerchen hielt, unternahm sie die erste längere Fahrt in einem Automobil und bewies damit dessen Tauglichkeit: Bertha Benz. Ihre zwei Söhne sollen sie auf der Fahrt von Mannheim nach Pforzheim begleitet haben, den nötigen Treibstoff kaufte sie in einer Apotheke. Erst nach dieser Aktion habe ihr Mann Carl Benz Aufträge erhalten, fügt Claudia von Gélieu auf ihrer Frauentour durch den Bezirk Mitte noch hinzu, bevor sie stehen bleibt und auf ein Straßenschild zeigt.

Berlin hat der Automobil-Pionierin Bertha Benz 2005 in der Nähe des Hauptbahnhofs eine Straße gewidmet. „Frauennamen, die etwas mit Verkehr zu tun haben, mussten plötzlich her“, erinnert sich von Gélieu. Die Politikwissenschaftlerin findet das problematisch, denn die kurze Straße am Steigenberger Hotel wird schnell übersehen. „Warum werden Frauen nur halbherzig geehrt?“, fragt von Gélieu. Seit dem Internationalen Frauentag 1988 bietet die 58-Jährige Touren an, bei denen sie an die Frauengeschichte der Stadt erinnert.

Mehr als 10 000 Straßen gibt es in Berlin, rund 3000 sind nach Männern benannt, und gerade einmal zwischen 500 und 600 nach Frauen, schätzt von Gélieu. Offizielle Zahlen für das gesamte Stadtgebiet gibt es nicht. In den aktuellen Ausführungsvorschriften zum Berliner Straßengesetz heißt es: „Frauen sollen verstärkt Berücksichtigung finden.“ Allerdings gilt dies nicht, „wenn ein gesamtstädtisches Interesse beziehungsweise Hauptstadtbelange an der Benennung nach einer männlichen Person bestehen.“

Unterschiedliche Regelungen in den Bezirken

In den einzelnen Berliner Bezirken gibt es jeweils unterschiedliche Regelungen, mitgezählt wird längst nicht überall. In Mitte etwa sollen solange neue Straßen nach Frauen benannt werden, bis ein Gleichstand der Geschlechter erreicht ist. Von den 767 Straßen im Bezirk sind aktuell 268 nach Männern benannt worden und 67 nach Frauen, zwei nach Paaren. Aber trotz des Leitsatzes sollen drei ganz neue Straßen nördlich der Invalidenstraße, wenn sie erstmal fertig sind, nach zwei Frauen und einem Mann benannt werden.

Und dann vertieft Claudia von Gélieu ihre Kritik an neuen Straßenbenennungen. Am Hauptbahnhof gebe es mittlerweile acht neue Straßen mit Frauennamen, zum Beispiel die Minna-Cauer-Straße. Das sei zwar eine Hauptverkehrsstraße. „Aber wer bleibt schon an der Kreuzung stehen?“, fragt die Wissenschaftlerin. „Fußgänger sind dort jedenfalls kaum unterwegs.“ Dass eine Straße nach Rahel Hirsch, der ersten Professorin für Medizin in Deutschland, benannt wurde, ergebe hingegen mehr Sinn, findet Gélieu. Schließlich könne man von dort aus die Charité sehen.

Auch in Lichtenberg sei man bemüht, vorrangig Frauennamen für neue Straßen zu verwenden, teilt das Bezirksamt mit. Von insgesamt 561 Straßen sind dort 55 nach Frauen benannt, und 87 nach Männern. Die Zahlen passen zu dem, was von Gélieu auf ihrer Tour erwähnt: Im Osten der Stadt wurden während der DDR-Zeit weitaus mehr weibliche Straßennamen gewählt als im damaligen West-Berlin. „Im Westen wurden außerdem hauptsächlich Schauspielerinnen ausgewählt, selten Frauen, die sich politisch engagiert haben“, fügt Gélieu hinzu. Im östlichen Teil finde man stattdessen viele Widerstandskämpferinnen. Wobei beispielsweise die Clara-Zetkin-Straße, benannt nach der sozialistischen Frauenrechtlerin, 1995 wieder in Dorotheenstraße zurückgetauft wurde – der Name soll an die Kurfürstin von Brandenburg erinnern.

In Marzahn-Hellersdorf zeichnet sich allerdings ein Bild ab, dass zur Namenstendenz der einstigen DDR-Hauptstadt gar nicht passt: Hier sind nur 45 Straßen von 908 nach Frauen benannt. Ähnlich wie in manchen Westbezirken: In Steglitz-Zehlendorf liegt der aktuelle Anteil bei rund fünf Prozent. In Neukölln sind es wenigstens rund 16 Prozent.

Es geht voran mit Berlins weiblichem Straßenplan, wenn auch schleppend

In Friedrichshain-Kreuzberg gilt eine ähnliche Regel wie in Mitte. 2017 hat die Bezirksverordnetenversammlung zudem beschlossen, dass auch Privatstraßen und Plätze nach Frauen benannt werden sollen, insbesondere nach lesbischen, bisexuellen, queeren und intersexuellen und nach Transgendern. Laut Bezirksamt haben zur Zeit zirka zehn Prozent der Straßen und Plätze Frauennamen. Ein besonderer Ort zur Erinnerung an Frauen stellt das Viertel rund um die MercedesBenz Arena am Ostbahnhof dar – dort werden die Straßen ausschließlich nach Frauen benannt.

Auch in Pankow wurde 2010 festgelegt, dass der Anteil der Frauennamen im Straßenbild zunehmen soll, eine Quote gibt es dennoch nicht. Derzeit besitzen 24 von 1300 Straßen und Plätzen weibliche Namen. Zwei Straßennamen sind in Bearbeitung und sollen nach Frauen benannt werden. Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg führt sogar eine Liste mit möglichen Frauennamen, die online einsehbar ist.

Es geht also voran mit Berlins weiblichem Straßenplan, wenn auch schleppend. Von Gélieu kann so einige Anekdoten zu der Benennung von Straßen erzählen, die Fragen aufwerfen. Warum wurde keine Straße im Regierungsviertel nach Hannah Arendt benannt, sondern stattdessen eine Straße am Holocaust-Mahnmal? Und warum wurde die John-Foster-Dulles-Allee nicht nach dessen Schwester Eleanor Lansing Dulles benannt? Schließlich sei ihr Wirken für Berlin besonders wichtig gewesen. Als Berlin-Verantwortliche des US-Außenministeriums war sie maßgeblich am Aufbau der Stadt beteiligt und zur Zeit ihres Wirkens als „Mutter Berlin“ bekannt.

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