Berliner Stadtgeschichte. Insgesamt zehn Stationen haben die „Unterwelten“. Mehr als hundert Mitarbeiter halten alles am Laufen – und die müssen bezahlt werden. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Wegen Corona vor der Insolvenz Den „Berliner Unterwelten“ droht das Aus

Der Verein „Berliner Unterwelten“ bietet Führungen durch Nazi-Bunker und DDR-Fluchttunnel. Nun steht er wegen Corona vor der Insolvenz.

Die Corona-Pandemie ist auch in die „Berliner Unterwelten“ vorgedrungen. Der Verein bietet seit 23 Jahren verschiedene Führungen durch unterirdische Wege an, durch DDR-Fluchttunnel und alte Luft- und Atomschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg oder dem Kalten Krieg.

Unter dem U-Bahnhof Gesundbrunnen befindet sich zudem eine viergeschossige, unterirdische Ausstellung über die Geschichte der Berliner Bunkeranlagen und die Pläne der Nationalsozialisten für die Umgestaltung Berlins zur Reichshauptstadt „Germania“.

Nun droht den Berliner Unterwelten die Insolvenz. 2019 nahmen über 350.000 Menschen an den Führungen teil. Mit Beginn der Corona-Krise in Deutschland mussten jedoch alle Touren der insgesamt zehn Standorte eingestellt werden.

Im Juni wurden dann wieder schrittweise Führungen mit verkleinerten Gruppen angeboten. Die maximale Teilnehmerzahl liegt momentan bei 17 – zuvor durften 30 Menschen bei einer Tour mitmachen.

Die Berliner Unterwelten bleiben ein beliebter Anlaufpunkt und die Führungen sind auch zu Corona-Zeiten vollkommen ausgelastet. Wegen der beschränkten Teilnehmerzahl fallen die Einnahmen trotzdem geringer aus und decken bei Weitem nicht die Standortmieten, Kosten für derzeit über hundert Beschäftigte und Fixkosten, heißt es von dem Verein.

Vermieter zeigten sich solidarisch - doch das reicht nicht

Bisher arbeitete dieser ohne staatliche und städtische Förderungen und konnte sich ausschließlich durch die Führungseinnahmen finanzieren. Durch die Pandemie ist er nun erstmals auf Unterstützung von außen angewiesen.

Manche Vermieter kamen dem Verein entgegen. Einige Mieten wurden erlassen oder gestundet. Auch die Berliner zeigten ihre Unterstützung: Der durch die Kulturwerk Kreuzberg GmbH vermietete Kreuzberger Fichtebunker konnte mittels Spenden für wenige Monate abgesichert werden.

„Die Absicherung eines Standorts reicht aber nicht aus. Im Falle einer Insolvenz wären alle Standorte gleichermaßen betroffen“, sagt Sascha Keil, Beauftragter des Vorstandes für Öffentlichkeitsarbeit.

2019 nahmen über 350.000 Menschen an den Führungen teil. Foto: Doris Spiekermann-Klaas Vergrößern
2019 nahmen über 350.000 Menschen an den Führungen teil. © Doris Spiekermann-Klaas

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Der Verein hat insgesamt vier Anträge für eine Förderung auf Bundes- und Landesebene gestellt. Einer wurde abgelehnt. „Unser Antrag wurde damals abgelehnt, weil wir noch nicht pleite genug waren. Doch nun stehen wir an der Kante und werden hoffentlich gehört“, sagt Keil.

Ein weiterer Antrag auf Überbrückungshilfe ging an die Investitionsbank Berlin (IBB). Die IBB bezuschusst Startups, kleine Unternehmen und Vereine. In der Bezirksverordnetenversammlung von Friedrichshain-Kreuzberg vom 1. Oktober wurde ein Beschluss verabschiedet, der das Bezirksamt beauftragt, sich beim Senat und dem Kultursenator Klaus Lederer (Linke) für eine finanzielle Überbrückungshilfe der IBB für den Verein Berliner Unterwelten e.V. einzusetzen, um die drohende Insolvenz abzuwenden.

Am Mittwoch kam dann die gute Nachricht: Die IBB hat den Förderantrag mit einer sechsstelligen Summe bewilligt. Bis zum Beginn der Hauptsaison im April 2021 kann der Verein mit diesem Geld die Auswirkungen der Pandemie überbrücken.

Unter dem Bahnhof Gesundbrunnen können alte Bunker-Anlagen begangen werden. Foto: Doris Spiekermann-Klaas Vergrößern
Unter dem Bahnhof Gesundbrunnen können alte Bunker-Anlagen begangen werden. © Doris Spiekermann-Klaas

„Wir freuen uns darüber, aber diese einzelne Förderung ändert nicht, dass wir mit über hundert Beschäftigten weiterhin an der Kante stehen. Das ist eine Einmalzahlung, die wir nutzen können, je nach Förderbedingungen sogar nutzen müssen, um unsere Standorte Corona-sicher zu machen und so Arbeitsplätze zu erhalten“, sagt Keil.

Corona-sicher machen: Das bedeutet, die Standorte auszubauen und umzugestalten und die Angebote so umzustrukturieren, dass sie den aktuellen Hygiene-Regelungen entsprechen. Investiert werden soll zum Beispiel in die Verbesserung der Belüftungssysteme, in ein Desinfektionssystem und in intelligentes Ticketing.

Der bewilligte Förderbetrag von der IBB ist ein guter Schritt in die richtige Richtung. Für eine langfristige Sicherung bedarf es aber weiterer Hilfen. Die könnten zum Beispiel von „Neustart Kultur“, dem milliardenschweren Rettungspaket der Bundesregierung für den Kultur- und Medienbereich, kommen.

Doch ob das wirklich passiert, steht noch nicht fest. Der Verein bittet deshalb um Spenden und hat eine Gofundeme-Kampagne gestartet. Außerdem wolle man sich bemühen, das Angebot so umzustrukturieren, dass dieses unter der Erde liegende Stück Stadtkultur erhalten bleiben kann.

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