Dieter Puhl, bisheriger Leiter der Stadtmission am Zoo, übernimmt die Leitung einer neuen Stabstelle bei der Stadtmission. Foto: Paul Zinken/dpa
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Wechsel an der Spitze der Bahnhofsmission Dieter Puhl: Stratege gegen Armut

Dieter Puhl, bisher Leiter der Bahnhofsmission, entwickelt bald neue Ideen – als Teil eines Zweierteams.

Wenn sie in Partystimmung da sitzen, grinsend, lachend, an einem Freitagabend, auf dem Weg zum Club, dann können sie ja dabei gerne ihre Sektflaschen umklammern, damit hat Dieter Puhl kein Problem. Aber wenn er in der U-Bahn um 11 Uhr auf Typen mit glasigen Augen oder aggressivem Blick trifft, die sich an ihrer Bierflasche festhalten, dann sieht’s anders aus. Dann „erschrickt“ der Sozialarbeiter Puhl. Dann schießt ihm der Gedanke durch den Kopf: „Was passiert gerade mit diesen Menschen?“ Die Antwort kennt er natürlich nicht, aber in einem anderen Punkt ist er sicher. „Glücklich werden die nicht.“

Vermutlich. Aber dafür steht er jetzt ja bereit, Dieter Puhl, 61, Markenzeichen Schiebermütze, legendärer Chef der Bahnhofsmission, zehn Jahre lang. Er übernimmt jetzt eine neue Aufgabe, genauer gesagt, er erweitert sein bisheriges Gebiet. „Meine Aufgabe ist es, darauf zu achten, dass einige Menschen weniger unter den Tisch fallen als bisher“, sagt er.

„Ich wollte nie etwas anderes sein“

Darauf hat er bisher schon geachtet, aber dazwischen lagen auch so lästige Aufgaben wie Dienstpläne zu schreiben, Haushaltspläne aufzustellen und anderen Bürokram zu erledigen. Jetzt wird der Sozialarbeiter und Diakon Puhl („Ich wollte nie etwas anderes sein“) vor allem Stratege. Er bildet mit Mathias Hamann, früherer Leiter der Flüchtlings-Notunterkunft Kruppstraße, den Kern der „Stabsstelle Gesellschaftliche und christliche Verantwortung“.

Klingt etwas sperrig, aber dahinter steckt die Idee, die Uraufgabe der Stadtmission – Hilfe für bedürftige Menschen in vielerlei Form – besser zu strukturieren und sie zu erweitern. Puhl und Hamann sollen noch tiefer in die Problematik eintauchen, sie sollen nach Lösungsansätzen suchen, sie sollen das Netzwerk von Hilfsmöglichkeiten ausbauen.

Joachim Lenz, der Theologische Vorstand der Stadtmission, stellte am Dienstag das neue Projekt vor, mit Lenz und Hamann an der Seite, passend zum Thema in der Kapelle der Stadtmissions-Zentrale in der Nähe des Hauptbahnhofs. Die Stadtmission ist ja Teil der evangelischen Kirche.

„Was wird aus ihr, wenn das bewährte soziale Netz nicht mehr trägt?“

Lenz zog die großen Linien des Projekts. Obdachlosigkeit, Armut, Einsamkeit, Populismus, Gemeinwohlökonomie, zu jedem Begriff erzählte er die Intention der Stadtmission. Beispiel Einsamkeit, in Berlin, der Hauptstadt der Singles, ein enormes Problem. Wie, fragte Lenz, kommt eigentlich die alte türkische Frau klar, die seit 40 Jahren in Berlin lebt, ohne Deutsch gelernt zu haben – warum auch immer –, und die jetzt Witwe ist? Die Kinder sind aus dem Haus, der Gatte hatte die sozialen Kontakte vermittelt. „Was wird aus ihr, wenn das bewährte soziale Netz nicht mehr trägt?“

Für solche Menschen will die Stadtmission jetzt Hilfsmöglichkeiten finden. Oder überhaupt für Menschen, die in Armut leben. „Wir überlegen, wie wir Menschen begleiten und befähigen können, im gesellschaftlichen Spiel zu bleiben. Wir suchen dazu Verbündete. Besonders die Themen Familien- und Altersarmut sind für uns bedrängend“, sagte Lenz.

Die Stadtmission, mit ihrem christlichen Menschenbild, wehrt sich auch schon lange dagegen, wenn zum Beispiel „deutsche Obdachlose gegen Flüchtlinge und Migranten ausgespielt“ werden sollen. „Das reicht uns nicht, die Herren Hamann und Puhl sollen überlegen, wie das noch anders geht.“

Der Urlaub in La Palma ist schon gebucht

Die Herren Hamann und Puhl haben sich aber auch schon überlegt, wie sie sowohl bewährte Ideen aus der Bahnhofsmission auf andere Gebiete übertragen als auch das Netzwerk der Hilfsangebote erweitern können. In der Bahnhofsmission haben sie das „Frühstück 60 plus“ für ältere Menschen eingeführt, damit die nicht in einer Schlange mit viel Jüngeren warten müssen. So etwas, denkt er, könne man doch auch in Gemeinden der Stadtmission einführen.

Und Hamann schätzt die Bedeutung der Hintergrundgespräche enorm. Er möchte gerne Politiker oder andere Verantwortungsträger mit Leuten aus der sozial schwierigen Schicht zusammen bringen. Dann würde die eine Gruppe Probleme hören, von denen sie so nichts weiß, und die andere hätte eine Stimme, „die man sonst nicht hört“ (Hamann).

Puhl fallen bestimmt noch mehr Ideen ein. Er hat ja jetzt 14 Tage Zeit zum Nachdenken. Der Urlaub in La Palma ist schon gebucht.

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