Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Endstation Rollfeld? In Tegel fand nicht jeder Koffer seinen Besitzer. Foto: picture alliance / dpa
© picture alliance / dpa

Was wird aus dem verlorenen Gepäck? Ich hab noch... tausend Koffer in TXL

Endet mit dem alten Flughafen Tegel auch die unendliche Suche nach Gepäckstücken? Unser Autor besteigt ein letztes Mal den Kofferberg. Eine Glosse.

Ich hab’ noch einen Koffer in Berlin. Von wegen. Hunderte, Tausende Koffer stapelten sich am Flughafen Tegel. Tage-, zum Teil wochenlang warten Reisende auf ihre Wechselwäsche. Das stinkt zum Himmel. Beim ersten Mal ist es Sturmtief „Niklas“, das Ende März 2015 die Flugpläne durcheinanderwirbelt. Tausende Gepäckstücke, die an anderen Flughäfen nicht ausgeladen werden konnten, stranden in Berlin.

Der Bodendienstleister, schon im Normalbetrieb personell schwach besetzt, geht in die Knie, schiebt Sonderschichten und ruft nach Verstärkung. Doch auch nach Wochen der Fahndung mithilfe des internationalen Gepäckermittlungssystems „World Tracer“ liegen noch 400 Gepäckstücke auf Halde.

Zu den großen Gipfeln der Welt hat sich im märkischen Flachland unversehens ein neuer, scheinbar unbezwingbarer Riese aufgetürmt: der Kofferberg von Tegel. Das Ungetüm ist zäh. 

Die Jahre vergehen, der neue Hauptstadtflughafen wird und wird nicht fertig. Und während sie in Schönefeld mit dem anderen Monster, der Entrauchungsanlage, und falschen Dübeln ringen, platzt Tegel aus allen Nähten: Der alte City-Airport muss mehr und mehr Flugzeuge und Gäste abfertigen – und Koffer umschlagen.

Ein neuer Bodendienstleister kämpft sich durch die Gepäckablage, die im Sommer 2018 auf mehrere Tausend Koffer und Taschen anschwillt. Die Nerven liegen blank, bei Personal und Passagieren. Die müssen nach der Ankunft oft schon im Flugzeug lange warten, bevor die Vorfeldtruppe anrückt, um die Ausstiegstreppe ranzufahren, während die Gepäckentlader noch mit anderen Maschinen beschäftigt sind. Und wenn die Fluggäste endlich ausgestiegen sind, stehen sie oft länger am Gepäckband, als sie geflogen sind.

[Adieu TXL: 46 Jahre flog Berlin auf Tegel, im November ist Schluss im Hexagon. Wir erinnern an Kofferberge, Prominenz im Provinz-Flair und schauen, wer in Zukunft im Berliner Norden landet. Die Themenseite TXL]

Eine Szene aus dem August 2018: Urlauber landen gegen 21.30 Uhr mit einer Maschine aus Kos, fast zeitgleich mit Passagieren aus Teneriffa und Gerona. Kurz läuft das Gepäckband an, nach ein paar Koffern ist Schluss. Kurz nach 23 Uhr geht den Reisenden die Geduld aus, das Klopapier auf der Toilette ist schon aus.

Ein Fall für Investigativreporter

Um 23.30 Uhr erscheinen Bundespolizisten, um die aufgebrachten Fluggäste zu beruhigen, von einigen werden die Personalien aufgenommen, weil sie einen Beamten geduzt haben sollen. Sicherheitskräfte verteilen Trinkwasser. Es ist 0.45 Uhr, als sich das Gepäckband wieder in Bewegung setzt: Beifall und Jubel brandet auf, als Koffer und Taschen endlich auftauchen.

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Viele andere hatten weniger Glück, müssen sich neu einkleiden – oder bekommen ihre Koffer erst Tage nach der Landung, zum Teil ramponiert, durchwühlt, notdürftig mit Bändern zusammengehalten. In manchen Koffern fehlt etwas, in anderen stecken Dinge, die vorher nicht drin waren.

Zum Einsatz von Uno-Blauhelmen kommt es nicht, dafür schleust sich ein Investigativreporter in Tegel ein, der getarnt als Lost-and-Found-Mitarbeiter das Kofferchaos und den aufgestauten Frust des Bodenpersonals erkundet. Einiges, was verloren geglaubt war, wird wohl noch ans Licht kommen, wenn dieser Flughafen endlich geräumt ist.

Zur Startseite