Berlin-Kreuzberg: 154.009 Nachbarn – und ich. Foto: Kai-Uwe Heinrich
© Kai-Uwe Heinrich

Was Nachbarschaftsportale über den Kiez erzählen Liebling, ich habe die Stadt geschrumpft

Berlin kann ein Dorf sein. Man muss sich nur trauen. Online-Netzwerke sollen dabei helfen. Unsere Autorin wagt eine Expedition zu Unbekannten: ihren Nachbarn.

Dann liegt er plötzlich vor mir, mein Kiez, unzählige Dächer im Schimmer der untergehenden Sonne, Kirchtürme und Hochhäuser am Horizont. Eine ungekannte Weite. Allmählich gehen hier und da die Lichter an. Der Mann neben mir sagt: „Schon irre, oder? Wie ruhig und leer hier oben alles ist, wo sich darunter so viele Menschen drängen? Stapeln?“ Vor uns erstreckt sich ein völlig anderes Kreuzberg, Lärm und Hektik des Großstadtalltags enthoben. Ist Frieden. Freiheit, echte. Und, beinahe, ein Hauch Romantik. Ich mustere den Mann an meiner Seite, Mitte dreißig, schlank, dunkelhaarig. Alles, was uns verbindet, ist eine XXL-Packung Somat Spülmaschinentabs Multi-Aktiv.

Wie bin ich hier gelandet?

Es beginnt mit einem Zettel im Briefkasten. „Unsere Nachbarschaft vernetzt sich! (...) Mal mit etwas Mehl aushelfen, vielleicht einen Laufpartner zum Joggen oder jemanden zum Kartenspielen finden (...) Wenn du mitmachen willst...“ Dazu ein Link und ein Zugangscode. Lohnt sich das? Gibt es einen Haken, fragen eine Nachbarin und ich einander im Hof über den Fahrradständer hinweg.

„Wir kommunizieren über Facebook mit Freunden aus aller Welt“, erklären die Gründer des Portals ihre Motivation, „kennen aber kaum unsere eigenen Nachbarn“. Wer treibt sich da rum? Möchte ich die denn kennenlernen? Und gibt es das in Berlin überhaupt – die Nachbarschaft?

74 Vorlieben: Zack, auf mein Profil

Was interessiert dich?, fragt mich die Seite Nebenan.de bei der Anmeldung. Zur Auswahl stehen vage Bereiche wie „Familie“, „Freundschaft“ oder „Ausgehen“, enger „Heimwerken“, „Kochen“, „Theater“, aber auch allerlei Spezifisches wie „Häkeln“, „Bouldern“ und „Brettspiele“. Weil mich in erster Linie meine Nachbarschaft interessiert, klicke ich kurzerhand alles an. 74 Vorlieben und Hobbys: zack, auf mein Profil. Sehr viel zurückhaltender bin ich bei „Ich biete“ und „Ich teile gerne“. In mir wehrt sich etwas: Weder will ich für Dutzende Fremde Pakete annehmen, noch ihnen meine Gästematratze oder mein Fahrrad leihen. Nach sorgfältiger Überlegung entscheide ich mich schließlich für „Einkaufen“, „Hundesitting“ und „Leiter“ – und fühle mich knauserig.

Jeden Tag werden in Berlin einige hundert Beiträge beim Marktführer Nebenan.de geschaltet. Kreuzberg gehört zu den am besten vernetzten Gebieten: 11.000 Menschen in meiner Umgebung sind dort aktiv. Auch beim Wettbewerber Nextdoor melde ich mich an. Ich will wissen, was mir diese Plattformen über meinen Kiez erzählen.

Neven sucht Farbreste, um ein Kinderzimmer zu streichen („je bunter, desto besser“). Vanessa fragt, ob jemand einen dicken Ast hat, weil sie sich einen Makramee-Wandbehang basteln will. Eine andere Vanessa hat Heublumensitzbad übrig, Diana spekuliert auf ein Stück Kefirknolle und ist mitnichten die einzige. Anni hat das Fermentieren von Gemüse für sich entdeckt – ob jemand Glasgewichte habe, damit „es unter der Flüssigkeit bleibt“? Barbara hat zu viel Bärlauch gepflückt, der aber bereits ein paar Tage steht und schnell verarbeitet werden muss. Xenia bietet „130 ml leckeres Fertigbase mit Aqua Aroma (german flowers). Dampfe jetzt ein anderes Aroma“.

Wonderwoman und Chihuahua

Wie sähen wohl die Themen in Berlin-Grunewald oder Dortmund-Aplerbeck aus? In der Stadtentwicklung spricht man von Nachbarschaften als „lebensweltlich orientierten Räumen“.

Hallo, Kreuzberg:

„Hätte jemand ein Wonderwoman Kostüm (Größe M) und/oder Rollschuhe (Größe 39) zum ausleihen?“, fragt Alba. Und Ronja möchte sich für einen Nachmittag eine Schleppleine borgen, die „aber nicht zu schwer sein sollte. Es handelt sich um einen kleinen Chihuahua“.

Kann, soll und will ich mich hineinwagen in diese Welt?

Am Abend wird mir die Entscheidung leichter gemacht. Ich habe da ein altes Macbook, als mobiles Gerät längst untauglich, weil der Akku kaum mehr zehn Minuten hält. Jetzt ist auch noch das Kabel hin. Regulär gibt es die Netzteile nicht mehr, und gebraucht verlangen zwei Privatanbieter im Internet unverschämt viel Geld dafür. „Hat vielleicht jemand...?“, frage ich bei Nebenan.de.

Als erstes meldet sich ein Mann aus meinem Hinterhaus, von dem ich nicht wusste, dass er die Plattform nutzt. Er ist jedoch nicht sicher, ob sein Kabel passt. Bevor wir es herausfinden, schreibt Kirsten. „Hallo, ich könnte dir eines geben. Ruf gerne an.“ Sie wohnt ein paar Blocks entfernt, geht aber am Nachmittag in die Markthalle, an der ich ohnehin vorbeifahre.

Nehmen – und geben?

Die Übergabe ist denkbar unspektakulär. „Ich stehe jetzt draußen und habe einen roten Mantel an.“ Schnell huscht eine große Frau mit Zopf heraus, wir wechseln kaum mehr als zwei Sätze. „Großartig, wie kann ich mich revanchieren?“, frage ich. „Ich bin froh, wenn es noch jemandem nutzt“, sagt Kirsten.

Jetzt habe ich etwas bekommen – ganz einfach, kostenlos. Toll. Kann ich vielleicht auch etwas geben? Bei Nextdoor fällt mir der Beitrag eines Hans Rudolfs auf: „Wir sind ein Akademikerpaar, um die siebzig. Sie möchte wegen gesundheitlicher Einschränkungen nicht mehr für längere Zeit allein in der Wohnung gelassen werden. Wir suchen eine Person, deren Hauptaufgabe ihre Anwesenheit wäre, und die ab und zu einen Kaffee zubereiten oder ähnliche kleine Dienste leisten könnte.“

Zwei Tage später ruft er zurück. Er klingt nett am Telefon, vertraut, weil er einen Schweizer Akzent hat, auch mein Vater Schweizer ist. Warum ich mich von der Anzeige angesprochen fühle? „Weil ich meine Nachbarschaft besser kennenlernen möchte“, sage ich. Vielleicht aber auch, weil meine Großmutter 574 Kilometer weit weg wohnt, ergänze ich still. „Und Ihre Frau...?“ „Sie ist körperlich leider nicht mehr ganz fit“, sagt er. „Und geistig auch nicht. Kommen Sie doch mal zum Kennenlernen vorbei.“

Gesellschaft auf Minijobbasis

Ich stelle mir eine vollgestopfte Seniorenwohnung mit geblümten Polstersesseln, Spitzendeckchen und vergilbten Familienfotos vor. Hans Rudolf öffnet mir die Tür in hellblauem Hemd und anthrazitfarbener Tuchhose. Das Apartment in dem kühlen Betonbau ist modern und großzügig, mit riesigen Fensterfronten, erlesenen Antiquitäten, edel gerahmten Kunstfotografien und schwarzen Ledermöbeln. Auf dem Sofa sitzt Annette – großes, freundliches Gesicht, weiße Haare – unter einer Decke und gibt die Hand, mustert die Besucherin skeptisch. Hans Rudolf sagt, dass sie heute etwas Bauchschmerzen hat. In Berlin geboren ist. Dass sie einander in Mainz kennengelernt haben, für den Job nach Berlin gezogen sind, vor 25 Jahren. Und Stammgäste sind in dem Biergarten um die Ecke – über dem ich wohne.

Manchmal ist Hans Rudolf ein paar Tage unterwegs, dann kommt eine seiner Schwestern aus der Schweiz, damit Annette nicht allein ist. Viele Male ist sie schon gestürzt, kleine Momente der Ohnmacht, Oberschenkel-, Hand- und Schulterbrüche waren die Folge. „Ich hätte die Anzeige auch in einer Nebenjobbörse schalten können“, erklärt er. „Aber dann hatte ich diese Einladung im Kasten und es hat ja schon Vorteile, wenn jemand in der Nähe wohnt.“ Sie haben auch direkt jemanden gefunden: Julia, eine Studentin, die Annette jeden Dienstag Gesellschaft leistet, auf Minijobbasis. „Die Julia ist sehr nett“, sagt Hans Rudolf, „nicht wahr, Annette?“ Annette nickt. „Ein bisschen redefaul heute“, stellt er fest und lacht.

Was hier, in diesem Kennenlerngespräch, in Gegenwart von Annette nicht fällt, ist das Wort Demenz. Julia animiere Annette gern, erzählt Hans Rudolf, unternehme kleine Spaziergänge mit ihr, zum Eisladen zum Beispiel, Vanille, Schokolade, eigentlich isst Annette alle Sorten gern. Oder Julia schiebt sie im Rollstuhl um den Landwehrkanal. Auch eine Rentnerin habe sich gemeldet, sei schon ein paar Mal dagewesen. „Bleiben Sie doch noch ein bisschen“, lädt er mich ein, „wir bekommen gleich Besuch. Ich habe Kuchen da“.

„Jeder Mensch hat DNA-Schäden durch Brokkoli“

Der Kuchen ist außergewöhnlich lecker und aus einem Café in der Nähe, das ich gar nicht kannte. Hans Rudolf teilt jedes Stück in vier Teile, damit wir alle von allem probieren können. Die Freundin, die dazukommt, wohnt in einem Haus wenige Meter weiter, in dem Hans Rudolf und Annette früher gelebt haben. Sie designt Taschen, erzählt von einer Ausstellung und den Sorgen der Hausgemeinschaft nach einem Eigentümerwechsel. Wir sitzen in der Sonne auf der weitläufigen Terrasse und verfolgen ein Fußballtraining auf dem Sportplatz, den auch ich von meinem Küchenfenster aus sehen kann.

Als Hans Rudolf Annette und mich an einem warmen Nachmittag Ende April zum ersten Mal allein lässt, verabschiedet er sich von ihr mit einem „Tschüß, mein Mäuschen“ und küsst sie auf den Mund. Annette lächelt, dann macht sie ein Schläfchen, später trinken wir Kaffee. Früher war sie Molekularbiologin, weiß ich von Hans Rudolf, gentechnisch hergestellte Arzneimittel waren ihr Spezialgebiet. Im Labor haben sich ihre Blicke das erste Mal getroffen. Als ich ihn erwähne, lacht sie laut: „Er heißt Hansruedi! Alle nennen ihn so!“ Er selber ist emeritierter Professor für Toxikologie, erzählt er, als er ein paar Stunden später wieder neben Annette sitzt. Hält noch Vorträge, ab und an. Sätze, die hängen bleiben: „Jeder Mensch hat DNA-Schäden durch Brokkoli.“ „Alles ist eine Frage der Dosis – in einem Wassertropfen kann man nicht ertrinken, in einer Badewanne schon.“ Und: „Ein Hamster erträgt tausendmal mehr Dioxin als eine Maus.“

Meine Nachbarschaft endet an der Grundstücksgrenze

Ich bin nicht auf dem Dorf aufgewachsen, aber wie in einem Dorf: In einer kleinen Straße in einem zentral gelegenen Stadtteil Hamburgs. Unsere Nachbarn waren unsere Freunde, wir sammelten gemeinsam Ostereier, radelten im Tross den Elbdeich entlang.

In dieser Welt standen Familien, die hinzukamen, vor der Tür, um sich vorzustellen, oder warfen Briefe ein: Wir sind die Neuen! Mein Mann und ich haben das, als wir nach Kreuzberg zogen, auch gemacht. Von 17 Mietparteien hat sich damals lediglich eine unmittelbar zurückgemeldet.

Keine vier Jahre nach unserem Einzug fühlen wir uns in dieser Hausgemeinschaft dennoch wunderbar geborgen. Wir vertrauen einander unsere Schlüssel, W-Lan-Codes und Kinder an. Als ich daran scheiterte, neue Vorhänge aufzuhängen, stand im nächsten Moment eine Nachbarin aus dem Hinterhaus auf der Leiter, eine weitere balancierte auf der Sofalehne. Ich muss mich in kein Portal einloggen, wenn mir das Mehl ausgegangen ist. Ich muss lediglich entscheiden, wo ich diesmal klingele.

Wenn aber der Paketbote eine an mich adressierte Sendung ein Haus weiter abgibt, bereitet mir das latentes Unbehagen. Es ist fremdes Terrain, ich kenne niemanden dort mit Namen. Meine Nachbarschaft endet für mich an der Grundstücksgrenze.

Wie bereichernd, Annette und Hans Rudolf zu kennen, denke ich. Was kann ich noch hineingeben, in meine Nachbarschaft?

Tipps, die nicht mit Geld zu bezahlen sind

Bislang hatte ich einen gewissen merkantilen Ehrgeiz. Ausrangiertes Geschirr, Koffer, Regale: ab zu Ebay. „Wir haben zwei schöne, graue, strukturierte Vorhänge von Ikea übrig. Circa drei Meter lang“, poste ich bei Nebenan.de. Vielleicht, weil ich will, dass der oder die andere die Vorhänge auch wirklich wertschätzt, vielleicht aber auch, weil ich es doch nicht lassen kann, ergänze ich im letzten Moment: „Abzugeben vorzugsweise gegen eine Tüte Lakritz.“

Es dauert keine drei Minuten, da sendet eine Katja : „Ich bin dabei!!!“ Sie kommt damit Michaela, Alexandra, Nokta und Jo teils nur knapp zuvor. Und stellt gleich die richtige Frage: „süß oder salzig???“

Als es morgens früh klingelt, bin ich kurz irritiert. Achja, ganz vergessen... Katja, braunhaarig, strahlend, kommt die Treppe hoch. „Eigentlich wollte ich eine Lakritzmischung bei Kadó kaufen, in der Graefestraße.“ Eine Expertin! „Aber die haben leider so ungünstige Öffnungszeiten, ich komme bei der Arbeit nicht rechtzeitig weg .“ Da geht es ihr wie mir. Alternativ hat Katja mir eine Packung schwedische Lutsch-Lakritzfrösche und drei weitere Mischungen aus dem Supermarkt („Kennst du die Bären? Die sind echt gut, die gibt es auch mit Streuzucker drauf.“) mitgebracht.

Katja arbeitet seit 1999 in einem Kosmetiksalon um die Ecke und ist seit anderthalb Jahren bei Nebenan.de. Sie findet die Idee wunderbar. „Wie toll ist das, wenn jemand unbedingt etwas loswerden möchte und man feststellt, dass ein anderer wenige Meter weiter genau das schon eine Weile sucht?“ Sie mag das Nachbarschaftsgefühl, diese Hilfsbereitschaft, die da vermittelt wird.

Wird eine Säge gebraucht, tauchen binnen weniger Minuten Fotos unterschiedlichster Modelle auf. Wird ein Elektriker, ein Friseur, ein Fußpfleger empfohlen, macht die Mehrheit sich die Mühe, ausführlich zu erklären, warum. Soforthilfeleistungen und Tipps, die nicht mit Geld zu bezahlen sind.

„Liebe Sabine, du bist ja lieb-frech“

Was nutzt einem ein weltumspannendes Netzwerk, wenn man niemanden in der Nähe hat? Kein Mensch ist so reich, dass er seinen Nachbar nicht braucht.

Klar wird gemeckert. Da postet jemand ein Bild von einem selbst angelegten, jetzt verwüsteten Straßenbeet. Wer macht so etwas? Allgemeines Entsetzen. Gepöbelt, gedroht wird, verglichen mit anderen sozialen Netzwerken, aber verhältnismäßig moderat. Du weißt, wo ich wohne? Vorsicht, ich umgekehrt auch.

Typisch sind wohl eher Nachrichtenverläufe wie diese:

Gudrun: „Meine neue Matratze kommt am Freitag, wäre gut, wenn die alte etwa zeitgleich abgeholt wird.“

Adalbert: „Liebe Gudrun, ich nehme sie mit Handkuss.“

Sabine: „Also, auf den Handkuss würde ich bestehen, Gudrun.“

Adalbert: „Liebe Sabine, du bist ja lieb-frech.“

Wieder Adalbert: „Vielleicht hat Gudrun ja auch ein Klavier. Dann spiele ich zum Dank noch ein kleines Konzert: ’All you need ist love’.“

Es beginnt zu wirken

Ich werfe nochmal meine Angel aus. Kristina „möchte dieses Jahr gesünder durchstarten“ und sucht „eine nette Frau mit mittlerer Kondition“ als Mitschwimmerin. Hallo, das könnte ich sein!

Eines Nachmittags schickt Neven, dem ich leider nur weiße Farbreste anzubieten hatte, vier Fotos vom neuen Kinderzimmer. Oh, ja – sehr bunt. „Haben die Kinder, acht und elf Jahre alt, übrigens alles alleine gestrichen.“

„War das Deine erste Nebenan.de Erfahrung?“, erkundige ich mich. „Nein. allerdings das erste mal, dass ich etwas haben wollte. Davor hab ich ein paar mal meine Schlagbohrmaschine verliehen.“

Auch Katja schickt ein Foto. Die Vorhänge hängen. „Passen super bei mir rein :)!“ Sie schreibt, dass sie nun Fördermitglied in dem Portal geworden ist. Ich lasse sie wissen, dass ich die Lakritzbären schon mehrfach nachgekauft habe.

Als ich Tags darauf auf dem Heimweg bin, kommen mir Hans Rudolf und Annette im Rollstuhl entgegen. Ehrliche Wiedersehensfreude auf beiden Seiten. In der folgenden Woche ruft er mir zu, als ich gerade meine Haustür aufschließe. Und dann, eines Abends, entdecke ich beim Blumengießen auf meinem Balkon die Zwei unten in ihrem Lieblingsbiergarten und gehe hinunter.

Wie oft bin ich wohl vorher an den beiden vorbeigefahren, ohne Notiz von ihnen zu nehmen? Ich kenne sogar direkte Nachbarn von ihnen, Freunde von Freunden von Freunden, mit denen wir vor zwei Jahren Silvester verbracht haben.

Als ich bei der Geburtstagsparty meiner Tochter einer Mutter von meinem Erfahrungen mit den Nachbarschaftsportalen erzähle, horcht sie auf. „Nino kenne ich!“ Er sei ein Kumpel des Partners ihrer Freundin.

Achja – Nino!

Alles hängt irgendwie zusammen

Nino fällt mir bei Nebenan.de auf. Er verschenkt „Spülmaschinen Tabs, Salz und Klarspüler. Tabs sind noch zu 2 Drittel voll, Salz 1 Drittel, Klarspüler wie zu sehen“. Warum macht jemand so etwas? Der Aufwand, das Zeug zu fotografieren, es ins Internet zu laden mit einer Beschreibung, erscheint mir absurd. Darum schreibe ich: „Ich könnte die Tabs gut gebrauchen, aber sag: Warum gibst du sie weg? Keine Spülmaschine mehr?“ Erkläre auch, dass ich versuche, meinen Kiez über Nebenan.de besser kennenzulernen.

Er antwortet: „Also deswegen hast du so viele Interessen ;-)“ Und dass die letzte Maschine den Geist aufgegeben hat, ein Geschenk seiner Schwester war, die ausgewandert ist. „Spüle jetzt wieder mit der Hand, ist nicht so viel, wohne alleine und schont die Umwelt.“ Als ich nicht sofort reagiere, lese ich am nächsten Morgen: „Die Spülmittel sind immer noch hier und vielleicht sind sie doch für dich bestimmt :-)“ Wir tauschen neun weitere Nachrichten aus, um die Übergabe zu vereinbaren. Dann nehme ich in einem schmalen, dunklen Treppenhaus Stufe für Stufe. Und stehe schließlich vor einem Sideboard mit Dutzenden leeren Bierflaschen. Ooookay... Was kommt als nächstes?

Nino ist barfuß, die Wohnung aufgeräumt und lichtdurchflutet. Ich sage etwas wie: „Oh, ist ja schön hier.“ Er sagt etwas wie: „Wenn du schon hier bist, zeig ich dir was.“ Dann nimmt er mich mit auf sein Dach.

Ich kann im Westen bis zur Siegessäule sehen und das Telefunken-Hochhaus am Ernst-Reuter-Platz, geradeaus, klein, die Kuppel des Berliner Doms, im Osten den Treptower und die Minarette der Moschee am Tempelhofer Feld. Dazwischen, mein Zuhause: Kreuzberg. 154.010 Einwohner – und alles hängt irgendwie zusammen.

Nino wohnt seit 13 Jahren hier, er hat einen elfjährigen Sohn, der jede zweite Woche bei ihm ist, erzählt er. Und dass er die Spülmittel natürlich einfach auf die Straße hätte stellen können, aber wie ich neugierig war, was bei Nebenan.de läuft. Die Idee gut findet. Einen Beitrag leisten wollte. „Weil sich jeder eigentlich ein Gefühl von Gemeinschaft wünscht in dieser immer schneller werdenden Stadt.“

Komm doch wieder, sagt er, wann du magst.

Neue Bezugspunkte überall

Es gehört zu den wunderbaren Fügungen, dass die Tür zu Ninos Haus nicht richtig schließt. Also kehre ich nun tatsächlich regelmäßig an diesen Ort zurück, wenn ich in der Nähe bin – und in der Nähe bin ich ja eigentlich immer. Dann steige ich die fünf Stockwerke und acht Sprossen hoch und mache Kurzurlaub auf Ninos Dach.

Linkerhand, weiß ich jetzt, in der Fidicinstraße, wohnt Kirsten, der ich mein Ladekabel verdanke. Nevens buntes Kinderzimmer muss dort vorne rechts sein. Und irgendwo da wohnt auch Alba, die vielleicht gerade auf Rollschuhen in einem Wonderwomankostüm durch ihren Flur fliegt.

Auch wenn ich als nette Mitschwimmerin mit mittlerer Kondition offenbar nicht gefragt bin (nach zwei Monaten noch immer ohne Antwort), wächst in mir ein neues Gefühl der Verbundenheit mit diesem Kiez.

Ich merke, wie ich jeden Straßenzug mit anderen Augen zu sehen beginne. Neue Bezugspunkte überall – es wirkt.

Heimat ist ein überstrapazierter Begriff. Aber vielleicht ist das, was manche zu verlieren meinen, oder gar nicht erst gefunden haben, nicht im Großen zu suchen, sondern genau hier.

An der Tür von Ninos Etagennachbar klebt ein kleiner Zettel: Stop searching forever, happiness is just next to you. Das Glück ist zum Greifen nah.

Zur Startseite