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Schnell und sicher. In Buenos Aires gibt es exklusive Fahrspuren für den öffentlichen Verkehr. Foto: imago images/Jeff Greenberg
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Was kann Berlin von Buenos Aires lernen? „Wir mussten den öffentlichen Verkehrsmitteln Vorrang vor den Autos geben“

Die Konferenz „Berlin Questions“ diskutiert über die Zukunft von Städten. Wie Buenos Aires den Verkehr umbaut, erklärt Bürgermeister Horacio Rodríguez Larreta.

Bis Sonnabend diskutieren auf der Konferenz „Berlin Questions“ Bürgermeister:innen und Expert:innen aus aller Welt über die Zukunft der Metropolen. Dabei ist auch der Bürgermeister von Buenos Aires, Horacio Rodríguez Larreta. Er ist seit 2015 Stadtoberhaupt der argentinischen Hauptstadt. Wie die Metropole unter anderem den Verkehr neu organisiert hat und welche weiteren Pläne er verfolgt, erklärt er im Interview. Mehr zur Metropolenkonferenz unter: berlinquestions.com

Herr Larreta, was bringt eine gemeinsame Konferenz von Bürgermeister:innen und Expert:innen aus aller Welt?
Wir sind Teil dessen, was ich an dieser Stelle als „Bewegung“ bezeichnen würde: eine kollektive Anstrengung von Städten, um voneinander zu lernen und in globalen Diskussionen eine Stimme zu haben. Zweifellos standen die Städte bei der Bekämpfung von Covid-19 an vorderster Front und setzen nun ein Zeichen dafür, wie die Zukunft aussehen könnte. Deshalb ist diese Konferenz eine hervorragende Gelegenheit, über die Zukunft der Städte in der Welt nach der Pandemie zu diskutieren, und unsere Erfahrungen auszutauschen.

Sie sind Bürgermeister von Buenos Aires und waren bereits in Berlin. Was haben die beiden Städte gemeinsam?
Unsere beiden Städte sind global und multikulturell, offen für Vielfalt und bieten eine hohe Lebensqualität. Kultur ist ein wesentlicher Bestandteil des Lebens in unseren Städten, wir haben viele Nachtaktivitäten, viele Museen, Theater, Buchläden und Cafés.

Auf der Konferenz wollen Städte ihre Erfahrungen zu den großen Themen unserer Zeit austauschen. Wo kann Berlin von Buenos Aires lernen?
Bei meinem letzten Treffen mit Bürgermeister Michael Müller war er besonders an der Entwicklung von „Boti“, dem Whatsapp-Chatbot der Stadt Buenos Aires, interessiert. Während der Pandemie haben wir begonnen, diesen Chatbot zu nutzen, um den Menschen die Ergebnisse ihrer Covid-Tests zu schicken und die Überwachung und Gesundheitskontrolle der Infizierten durchzuführen. Auf diese Weise wurde auch eine Überlastung des Telefondienstes unseres medizinischen Notfallsystems (SAME) vermieden, da mehr als 93 000 Anfragen über Whatsapp automatisch beantwortet wurden.

Später führten wir über „Boti“ eine Studie durch, bei der wir künstliche Intelligenz zur Vorhersage von Mustern einsetzten, die es ermöglichen, Covid-Patienten frühzeitig zu erkennen: anhand von Husten-Aufnahmen, die von Bürgern über Whatsapp-Sprachnachrichten gesendet wurden.

Horacio Rodríguez Larreta ist seit 2015 Bürgermeister der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Foto: Regierung Buenos Aires Vergrößern
Horacio Rodríguez Larreta ist seit 2015 Bürgermeister der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. © Regierung Buenos Aires

Jetzt haben wir die Nutzung ausgeweitet, und alle Nachbarn können eine Vielzahl von Anfragen über einen offiziellen Kanal stellen, der schnell, effektiv und gleichzeitig sehr einfach und zugänglich ist. Ich muss betonen, dass Whatsapp in Argentinien und in der Stadt Buenos Aires das meistgenutzte Nachrichtensystem ist, manchmal sogar mehr als E-Mail.

Was kann Ihre Stadt von Berlin lernen?
Die Schaffung eines nachhaltigen Verkehrssystems und die Priorisierung von Bildung sind hervorragende Beispiele, an denen man sich in Berlin orientieren kann. Deshalb ist Buenos Aires mehr als bereit, den Dialog und die Zusammenarbeit in diesen beiden Bereichen fortzusetzen. Ich glaube, dass wir im Bereich der Bildung noch viel lernen können. Ich bin für die Verwaltung der Grund- und Sekundarschulbildung in der Stadt zuständig, und wir haben uns immer das deutsche duale Bildungssystem zum Vorbild genommen.

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Unsere Priorität ist es, dass die Schüler in der Schule die Fähigkeiten erlernen, die in zukünftigen Berufen von ihnen verlangt werden. Auch im Bereich der Kultur müssen wir noch viel lernen. Die Kultur steht im Zentrum des städtischen Lebens in Berlin. Wenn wir sagen, dass Kultur Teil jeder Definition von Entwicklung sein sollte, dann ist Berlin eine der Städte, die uns in den Sinn kommen.

Wie Berlin versucht auch Buenos Aires, seinen Verkehr neu zu organisieren. Mit welchen Konzepten wollen Sie das erreichen?
Buenos Aires ist eine dynamische und komplexe Stadt, die ständigen Veränderungen im Verkehr unterworfen ist. Vor der Pandemie wurde geschätzt, dass zusätzlich zu den 3 Millionen Einwohnern der Stadt weitere 3 Millionen Menschen täglich in die Stadt pendeln. Wir arbeiten daran, den öffentlichen Verkehr zur besten Mobilitätsoption zu machen. Wir wollen die Qualität der öffentlichen Verkehrsmittel in der Stadt steigern und ihre hohe Nutzung auf die gesamte Metropolregion ausweiten. Seit mehr als einem Jahrzehnt arbeiten wir daran, Buenos Aires in eine 15-Minuten-Stadt zu verwandeln, und die Pandemie gab uns die Möglichkeit, viele der Maßnahmen zu beschleunigen, die wir zur Schaffung einer nachhaltigeren Stadt umgesetzt hatten.

Bei dem Konzept der 15-Minuten-Stadt geht es darum, eine dezentrale Stadt zu schaffen, in der für alle Bürger:innen das Wichtigste für den täglichen Bedarf innerhalb kurzer Zeit erreichbar ist.
Genau. Unser Ziel ist es, städtische Zentren zu schaffen, mit mehr öffentlichen und grünen Räumen, lokalen Geschäften und Gesundheitszentren in der Nähe ihrer Wohnungen und mit nachhaltigen Mobilitätsoptionen, die sich positiv auf die Klimaindikatoren auswirken.

In Ihrer Stadt gibt es ein Schnellbussystem mit separaten Spuren. Wie funktioniert das?
Im Jahr 2011 begannen wir mit dem Bau des Metrobusses 9 de Julio – dem ersten in Buenos Aires – mit dem Ziel, den Verkehr in diesem Gebiet zu ordnen und exklusive Fahrspuren für den öffentlichen Verkehr anzubieten, um die Fahrzeiten zu verkürzen und die Sicherheit zu erhöhen. Auf der symbolträchtigsten Straße der Stadt fährt der Metrobus 9 de Julio heute täglich für 255.000 Menschen. Mit einer Länge von drei Kilometern spart das System seinen Nutzern bis zu 50 % der Fahrzeit. Mit sieben Korridoren, die in der ganzen Stadt verkehren, erreicht das Metrobusnetz von Buenos Aires heute eine Länge von 62,5 Kilometern und verbessert das Reiseerlebnis von einer Million Menschen pro Tag.

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Die Busse fahren auf ihren eigenen Spuren. Würde das System auch ohne diese Trennung funktionieren? War es schwierig, die Bevölkerung von dieser Umstellung zu überzeugen?

Der öffentliche Nahverkehr in Buenos Aires musste verändert werden. Wir mussten den Verkehr neu organisieren und den öffentlichen Verkehrsmitteln Vorrang vor den Autos geben. Während in einem Bus bis zu 60 Personen reisen können, können auf demselben Platz zwei oder drei Personen mit dem Auto fahren, wenn man bedenkt, wie gering die Auslastung ist. Diese Politik wirkte sich nicht nur direkt auf die Verkürzung der Fahrtzeit aus, sondern auch auf die Emissionen und die Umweltverschmutzung. Die Menschen sind bereit, bis zu eine Stunde zu fahren, um zur Arbeit zu kommen. Durch die Verbesserung der Fahrtzeiten wird der Zugang zur Beschäftigung erweitert. Dies hat unmittelbare Auswirkungen auf die Menschen, die in den Vorstädten leben. Heute sind die Verbesserungen sichtbar: Die Fahrten sind kürzer, sicherer und bequemer. Außerdem hat der Metrobus die Ausweitung des öffentlichen Raums und die Wiederbelebung von Stadtvierteln ermöglicht, und er ist definitiv umweltfreundlicher als das Auto.

Wie organisieren Sie den Verkehr Ihrer Stadt sonst noch neu?
Seit Beginn der Pandemie haben wir den öffentlichen Raum und die Mobilität in allen 48 Vierteln der Stadt angepasst. Im Zuge dieser Umgestaltung hat Buenos Aires im Jahr 2020 das bestehende Radwegenetz um 17 Kilometer Radwege erweitert, 100 neue Fußgängerstraßen angelegt und 15 temporäre Fußgängerzonen geschaffen. Ebenso hat die Stadt 100 000 Quadratmeter öffentliche Flächen, zum Teil durch Schließung von Straßen, in den Stadtteilen geschaffen.

Auf diese Weise fördern wir die wirtschaftliche Entwicklung lokaler Unternehmen, reduzieren unnötige Pendlerströme und sorgen für soziale Distanz im öffentlichen Raum. Bislang haben wir über 1 700 lokale Unternehmen und 750 000 Anwohner unterstützt.

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