"Die Öffentlichkeit glaubte nicht mehr an die Autorität dieser Koalition und an meine Autorität."

Walter Momper im Interview „Die Alternative Liste war noch verrückter als die Grünen heute“

Die Koalition war brüchig. Aus jedem Problem wurde ein Koalitionskonflikt. Die Grünen können kompliziert sein. Und die Alternative Liste als Vorgängerin …

… war noch verrückter als die Grünen heute.

Sind Sie da nicht manchmal ausgerastet?

Nein, eigentlich nicht. Damals hat man immer versucht, einen Kompromiss hinzubekommen. Es war eine streitbare Koalition. Keine Frage. Richtigen Streit gab es um die wirklich großen Dinge wie zum Beispiel eine Olympia-Bewerbung oder den Bau von Stromtrassen. Ich verhandelte mit der AL einen Kompromiss, gehe aus den Gesprächen raus. Und dann hieß es plötzlich: Nö, der Kompromiss reicht uns nicht aus. Dann wurde wieder nachverhandelt. Das war ermüdend. An der Kompromissfindung mangelte es den Grünen am meisten. Sehr problematisch war es nach dem Mauerfall, als es politisch um die Wiedervereinigung ging. So wollten die Grünen eine Resolution zur Deutschen Einheit nicht mitunterzeichnen. Und an die Adresse der SPD gerichtet sagten sie: Besorgt euch doch die Mehrheiten bei der CDU.

So hat die SPD den Kaufvertrag mit Daimler-Benz für den Potsdamer Platz mit den Stimmen der CDU verabschiedet.

Ja, so muss das gewesen sein. Aber die Grünen wollten dann den Forschungsreaktor am Hahn-Meitner-Institut nicht mehr genehmigen. Die zuständige Grünen-Senatorin Michaele Schreyer ging massiv gegen mich als Regierenden Bürgermeister vor. Nach irgendeiner unangenehmen Verhandlung traten wir vor die Presse und dann sagte Frau Schreyer: Der Regierende Bürgermeister sagt die Unwahrheit, er lügt. Da können Sie als Regierender Bürgermeister nur eines machen: die Senatorin rausschmeißen, was verfassungsrechtlich nicht möglich war, oder selbst zurücktreten. So saß ich nun da. Das alles bewirkte, dass die Öffentlichkeit an die Autorität dieser Koalition und an meine Autorität nicht mehr glaubte.

Obwohl Sie damals nach dem Mauerfall weltberühmt wurden: der Mann mit dem roten Schal. Hat Ihnen das geschmeichelt?

Natürlich, man fühlt sich geschmeichelt, wenn man internationalen Erfolg und einen gewissen Bekanntheitsgrad hat.

Haben Sie den Schal von 1989 noch?

Ja, den habe ich noch. Ich habe die anderen roten Schals immer zwei bis drei Jahre getragen und sie dann für einen guten Zweck zur Verfügung gestellt.

Die rot-grüne Koalition zerbrach 1990 an der nicht abgesprochenen Räumung der besetzten Häuser in der Mainzer Straße.

Das war vordergründig. Die Berliner Grünen-Senatorinnen wollten die Koalition nicht platzen lassen. Der damalige Parteivorsitzende, Hans-Christian Ströbele, hatte von Bonn aus angeordnet, dass die Grünen die Koalition platzen lassen sollten. Es war ja Wahlkampf. Und so erhoffte man sich ein gutes Ergebnis. Tja, und was passierte? Die Grünen erreichten nur noch fünf Prozent.

Sie waren von 2001 bis 2011 Präsident des Abgeordnetenhauses. War das eine schöne Zeit, als Rot mit Rot regierte?

Ja, das war eine gute, problemlose Zeit. Traf man mit den Linken eine Absprache, dann hielten sie diese auch ein. Da waren sie viel disziplinierter als die Grünen.

Was wäre heute Ihre Lieblings-Koalition?

Mit den heutigen Grünen würde das gehen. Aber auch mit der Linkspartei. Das ist mir ziemlich egal.

Wie finden Sie aktuell die große Koalition?

Die große Koalition läuft problemlos. Und ein Innensenator Henkel von der CDU lässt den Oranienplatz auch nicht mehr räumen. Henkel sieht auch die Grenzen der politischen Spielräume, um den Frieden in der Stadt zu wahren.

Am Montag feiern Sie das Jubiläum: 25 Jahre Momper-Senat. Treffen Sie Ihre früheren Senatoren regelmäßig?

Ja, wir machen einmal im Jahr ein kleines Treffen. Und ich freue mich sehr auf das Wiedersehen am Montag.

Das Gespräch führte Sabine Beikler.

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