Nach dem Mauerfall ändert sich die Welt

Die in Deutschland lebenden US-Amerikaner dürfen per Brief wählen. (Hier Unterlagen aus dem Jahr 2008) Foto: picture-alliance/ dpa
Wahl in den USA Mit einem Alphorn in Treptow gegen Donald Trump

Und dann, von einem Tag auf den anderen, fällt die Mauer. Gutowski hätte den Moment fast verpasst. Er habe abends das Fernsehgerät angeschaltet, um Deutsch zu lernen, erinnert er sich. Mit einem Mal ist da diese Nachricht: Die Grenzen sind offen. „Ich habe das Wörterbuch geholt. Grenze – o.k., boundary. Aber ich habe nicht verstanden, dass es um die Mauer geht.“ Zusammen mit einem Freund geht er in ein Café. „Irgendwann kam ich mit dem Nachtbus am Breitscheidplatz an – überall war Stau. Erst da habe ich verstanden, was passiert war.“

Innerhalb von wenigen Monaten verändert sich die Welt. Irgendetwas in diesen Tagen verändert auch Rob Gutowski. Er überlegt, die Armee zu verlassen. „Ich wollte meinem Land dienen. Aber ich wollte nicht für immer in dieser Maschine hängen.“

Am 23. April 1990, drei Jahre nach seinem ersten Tag in Berlin, tritt er aus der Armee aus. „Wenn Krieg ist, verlässt niemand die Armee“, sagt Gutowski. Doch jetzt ist Frieden, er darf gehen. Wenige Monate später bricht der Golfkrieg aus. Es ist dieses schmale Fenster, in dem der Soldat Rob Gutowski zum Zivilisten werden kann.

"Berlin war gut zu mir"

Als Zivilist braucht er einen Job. Er will Musik machen, hangelt sich von Auftrag zu Auftrag. Irgendwann aber läuft es. Heute arbeitet Gutowski als Posaunenlehrer, spielt in einem Alphorn-Orchester, war mit dem Reggae-Musiker Gentleman auf Tour, nimmt Platten auf. „Ich lebe den amerikanischen Traum in Berlin“, sagt er. „Berlin war gut zu mir.“

In der Küche in Alt-Treptow steht Erdnussbutter neben Bio-Tropenblütenhonig. Im Wohnzimmer ein Klavier, zwei Rennmäuse für die Tochter. Gutowskis Frau ist Deutsche, aus Ost-Berlin, sie ist nur ein paar Straßen entfernt aufgewachsen, direkt an der Mauer. „Wäre die Mauer nicht gefallen, könnten wir nicht zusammensein. Verrückt, oder?“

Hier, im Privaten, im eigenen Umfeld, findet er, „muss man den Frieden verbreiten“. Wenn das so ist, warum nimmt er nicht die deutsche Staatsbürgerschaft an? Er könnte in Deutschland wählen. Trump, die USA, auch Hillary könnten ihm egal sein. Er zögert. Dann sagt er: „Dafür bin ich zu sehr Patriot. Das sitzt zu tief. Ich habe gedient.“

Locker bleiben. Clinton und Trump als Wackelfiguren, entdeckt in Washington. Foto: dpa Vergrößern
Locker bleiben. Clinton und Trump als Wackelfiguren, entdeckt in Washington. © dpa

Gutowski vertraut dem System der USA

Seine Heimat lässt ihn nicht los, nach all den Jahren. Trump hält er für jemanden, der sich nicht unter Kontrolle habe. „Ich hätte ihn nicht als Oberbefehlshaber gewollt“, sagt Gutowski. Er vertraut dem System in Amerika, seinen „Checks and Balances“, der Vernunft des Militärs. Vielleicht ist es, bei aller Sorge über Trump, die Ruhe eines Mannes, der erlebte, wie sich der Kalte Krieg entspannte. Trotzdem sagt er, vorbei sei es erst, wenn Trump, der in Umfragen hinten liegt, wirklich verloren hat – und es dann auch friedlich bleibe.

Das Ende der dritten TV-Debatte zwischen Trump und Clinton hat er sich angesehen. Ob er auch die Wahl am 8. November die ganze Nacht verfolgen wird, wie es viele Exil-Amerikaner tun, weiß er noch nicht. Wahrscheinlich wird er am Morgen nach der Wahl früh aufstehen und nachlesen, wie es ausging. Dann wird er sich eine Stulle schmieren, seine Posaune nehmen und mit dem Fahrrad zum Unterricht fahren. Durch Berlin, in dem keine Mauer mehr steht.

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