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Demonstranten ziehen am Samstagabend durch Kreuzberg. Foto: Madlen Haarbach
© Madlen Haarbach

Update Vor Räumung des Platzes in Berlin-Mitte Rund 1500 Autonome ziehen zur „Köpi“ – Krawalle vor dem Wagendorf

Erneut haben Linke und Linksradikale gegen die Räumung des Köpi-Platzes protestiert. Über weite Strecken verlief der Protest ruhig, doch am Ziel eskalierte die Situation kurzzeitig.

Exakt ein Jahr nach der Räumung des selbsterklärten anarchaqueerfeministischen Hausprojektes „Liebig34“ in Berlin-Friedrichshain und weniger als eine Woche vor der geplanten Räumung des linksalternativen „Köpi“-Wagenplatzes in Mitte zogen am Samstagabend Hunderte Autonome durch Berlin. In der Spitze schlossen sich rund 1500 Menschen dem Protestzug an.

Gegen 18.30 Uhr hatten sich etwa 250-300 Demonstranten am selbsterklärten „Dorfplatz“ in der Rigaer Straße versammelt. Räumungsgegner hielten Reden, die Stimmung war friedlich. Gegen 19 Uhr formierte sich der Demonstrationszug und setzte sich in Bewegung. Zu diesem Zeitpunkt waren schätzungsweise 400 Menschen vor Ort. Aus Boxen dröhnte laute Musik, Menschen warfen Böller. 

Am 9. Oktober 2020 wurde die Liebigstraße 34 geräumt.  Foto: Madlen Haarbach Vergrößern
Am 9. Oktober 2020 wurde die Liebigstraße 34 geräumt.  © Madlen Haarbach

Die Polizei war im Verhältnis zu den Demonstranten mit recht vielen Kräften im Einsatz und begleitete den Frontblock des Zuges im engen Spalier. Gegen 19.15 Uhr hatten sich augenscheinlich rund 1300 Demonstranten dem Protest angeschlossen. Vereinzelt kam es zu kleineren Rangeleien und es flogen Flaschen, überwiegend blieb es zunächst friedlich.

Gegen 19.45 Uhr stoppte die Polizei allerdings die Demo auf der Oberbaumbrücke, da sich mehrere Menschen nicht an das Vermummungsverbot hielten. Im Frontblock des Protestzugs, der inzwischen etwa aus 1500 Menschen bestand, kam es zu Rangeleien. Wenig später konnten die Demonstranten ihren Weg fortsetzen, die Stimmung blieb aber gereizt.

Kurz vor 21 Uhr erreichte der Protestzug den Wagenplatz in der Köpenicker Straße. Dort wurde Feuerwerk gezündet und laute Punk-Musik gespielt. Während die Menschen zu dem Konzert strömten, griff die Polizei gezielt einzelne Personen aus der Menge heraus und nahm sie vorübergehend fest, offenbar, weil zuvor Straftaten beobachtet worden waren. Daraufhin spitzte sich die Situation zu, Demonstrierende warfen mit Böllern und Flaschen, die Polizei drückte Menschen recht ruppig zu Boden. Gegen 21.30 Uhr entspannte sich die Situation wieder.

Nach Angaben eines Polizeisprechers kam es zu 24 vorübergehenden Festnahmen wegen Delikten wie Landfriedensbruch, Sachbeschädigung oder Widerstand gegen Polizeibeamte. Nach Aufnahme der Personalien seien aber alle Personen wieder freigelassen worden.

„Jede Räumung ist eine Zuviel! Jede Räumung gehört verhindert! Kein Angriff auf unsere Räume, kein Angriff auf unsere Freund*innen bleibt unbeantwortet“, hatte es zuvor im Aufruf zur gemeinsamen Demonstration geheißen. Laut einer Sprecherin der Polizei waren zuvor 69 Personen für die Demonstration angemeldet. Da bei einer vergleichbaren Demonstration am vergangenen Samstag allerdings an der Spitze über 1000 Menschen teilgenommen hatten, ging die Polizei auch in diesem Fall vorab von einer deutlich höheren Teilnehmer:innenzahl aus. 

Menschen versammeln sich am "Dorfplatz" in der Rigaer Straße. Foto: Madlen Haarbach Vergrößern
Menschen versammeln sich am "Dorfplatz" in der Rigaer Straße. © Madlen Haarbach

Vergangenen Samstag waren nach Tagesspiegel-Schätzungen etwa 1100 bis 1200 Menschen in umgekehrter Reihenfolge vom Köpi-Platz in die Rigaer Straße gezogen. Teilweise warfen Teilnehmer:innen Böller oder zündeten sogenannte Bengalische Feuer und Raketen, ansonsten verlief die Demonstration friedlich. 

Während auch die Räumung der „Liebig34“ am 9. Oktober 2020 deutlich friedlicher lief als erwartet, könnte die Räumung des Köpi-Platzes am 15. Oktober für die Polizei zur Herausforderung werden. Zunächst, weil die räumlichen Bedingungen andere sind: Im Gegensatz zu einem einzelnen Wohnhaus lässt sich der Wagenplatz deutlich schwieriger abschirmen – allein schon, weil sich auf dem direkt angrenzenden Grundstück die „Köpi“ selbst, ein linksalternatives Hausprojekt, befindet, die über einen formellen Mietvertrag verfügt.

Auch über die Hinterhöfe der vielen umliegenden Häuser, Gewerbehöfe, Brachflächen und Parkplätze im Areal zwischen Köpenicker-Adalbert- und Melchiorstraße sowie dem Engeldamm, ist die Wagenburg theoretisch zugänglich. Am Donnerstag kündigten bereits Schilder den Beginn einer Sperrzone ab dem 14. Oktober um 13 Uhr an. 

[Lesen Sie mehr auf Tagesspiegel-Plus: Vor der Räumung des Köpi-Platzes: Vor einem Jahr wurde das autonome Berliner Hausprojekt „Liebig 34“ geräumt]

Zudem ist die Symbolwirkung eine andere: National und international ist die „Köpi“ in der linksradikalen Szene deutlich besser vernetzt als es etwa die „Liebig 34“ war. Für die Räumung wird international mobilisiert, Szenebeobachter:innen vermuten auch einen Zustrom Linksradikaler aus anderen Teilen Europas. Deren Einreise stehen derzeit auch keine Coronaauflagen mehr im Weg.

Neues Gutachten soll die Räumung noch stoppen

Auch die Köpi selbst rüstet auf: Der Lattenzaun, der das Gelände seit langem umschließt, wurde aufgestockt und teilweise mit Stacheldraht versehen. Am Donnerstag luden Menschen vor dem Gelände Säcke mit Zement aus einem Pickup. In einem Statement schreiben die Bewohner:innen: „Wir wollen dem dreckigen System ins Gesicht spucken und zeigen, dass wir viel größer und stärker sind, als sie es sich je vorstellen könnten.“

Bei einer Pressekonferenz am Freitag kündigten Sprecher:innen des Wagenplatzes an, sich weiter auf die geplante Räumung vorbereiten zu wollen. Derzeit läuft nach wie vor ein Berufungsverfahren gegen den Räumungsbescheid, der allerdings vorläufig vollstreckbar ist. 

„Wir sind davon überzeugt, dass wir gute Chancen haben, das Berufungsverfahren gegen den Räumungsbeschluss zu gewinnen“, sagten die Sprecher:innen und bezeichneten die Räumung als „rechtswidrig“. Ein neues Gutachten soll zeigen, dass der Eigentümer die Räumungsaufforderung nicht selbst unterschrieben hat. Mit Bezug auf das Gutachten hat der Anwalt der Köpi nun einen Eilantrag vor Gericht gestellt, um die Räumung zu stoppen. (mit dpa)

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