Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Großer Andrang. Am 18. März 1990 stimmten die DDR-Bürger erstmals frei über die Mitglieder der Volkskammer ab. Frank Kleefeldt/dpa
© Frank Kleefeldt/dpa

Vor 30 Jahren in Berlin Erinnerungen an die erste freie Wahl der DDR

Die erste freie Wahl der DDR vor 30 Jahren war ein Ereignis für die Bürger. Eine persönliche Erinnerung.

Das war noch nie da: Du schiebst den Vorhang an der Wahlkabine beiseite, gehst rein, liest dir den langen Zettel mit den Namen der Parteien (19) und Wahlbündnisse (5) durch und machst Dein Kreuz im runden Kreis Deines Favoriten. Fertig.

Vor der Tür des Wahlbüros hält dir einer vom ZDF das Mikrofon unter die Nase und will wissen, wen Du gewählt hast. Ich tue dem Mann den Gefallen, ich habe nichts zu verbergen. Wir leben in einer neuen Zeit. Im wunderbaren Jahr der Anarchie. Alles ist möglich: Die Gedanken sind frei und wir können wählen, wonach uns der Sinn steht.

Die Zeit, wo jeder Wähler nur mehr ein Zettelfalter war, ist ebenso vorbei wie die der meisten „Kandidaten der Nationalen Front“, die sicher nicht nur Schurken, sondern, wie wir Wähler hofften, auch hier und da ehrenwerte Leute waren. Nun beginnt eine neue Zeit, von der man nur Parteinamen und Versprechungen kennt, aber Hoffnungen und Wünsche mit seinem Kreuz verbindet.

Es ist der 18. März 1990. Es geschah vor 30 Jahren: Die erste freie Wahl zu einem Parlament in der DDR, der Volkskammer, die eines baldigen Tages den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik beschließen sollte. Das wollte nicht jeder, aber die meisten hatten von der DDR die Nase voll. Nun gab es ganz neue Ziele, Botschaften und öffentlich geäußerte Wünsche: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

„Dieses marode Hier"

Ja, es war eine Revolution. Ohne Blutvergießen und „Kopf-ab!“-Getöse, mit Siegern und Besiegten. Die Unterlegenen waren lernwillige Kinder der Demokratie bundesdeutscher Prägung, das wollte nicht jeder sein. „Die Selbständigkeit der DDR ist hier verludert und vertan worden und nicht durch die Schuld Westdeutschlands.

Dieses marode Hier hat keine Chance, aufrecht und mit Würde eine Vereinigung herbeizuführen“, sagte der Schriftsteller Christoph Hein in einem Interview. „In der DDR ist von Selbstbehauptung gar nicht die Rede. Da geht es um die Übergabe an die BRD – auf den Knien und mit der weißen Flagge“. Die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley sagt in einer Story im „Stern“ im März 1990: „Heute sind wir schon wieder Opposition, egal, wie die Wahl ausgeht“.

[In unseren Leute-Newslettern berichten wir wöchentlich aus den zwölf Berliner Bezirken. Die Newsletter können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Ihre Hoffnung, die DDR erhalten zu können, hat sich nicht erfüllt. „Wir hätten am 9. November die Macht übernehmen sollen, dann würde Herr Kohl heute anders mit uns reden. Jetzt geht es nur noch um die bedingungslose Kapitulation. Das bedeutet, diesen 16 Millionen Menschen ihre Geschichte zu rauben und ihnen keine Zeit zu lassen, ihr Schicksal selbst zu bestimmen“. Jens Reich vom Neuen Forum beklagt im „Spiegel“: „Wir konnten die Demokratie nicht selbst entwickeln, das Bonner Nilpferd hat die kleine Pflanze totgetreten“.

Der Rest ist Geschichte.

So viel los wie bei der Maueröffnung

Helmut Kohl, das Bonner Schwergewicht, und Lothar de Maizière, der kleine, zart besaitete musische CDU-Mann aus der DDR: dieses ungleiche Paar sagte eine Menge. Etwas unsicher, zerzaust, ratlos und überwältigt schien der Rechtsanwalt, als er am Wahlabend, schier erdrückt von den Gratulanten, durch die Kulissen vom Palast der Republik läuft. „Ach, danke, wer weiß, was das alles noch wird“, sagt er, „es fängt ja gerade erst an“.

Auf dem Vorplatz ist so viel los wie bei der Maueröffnung am Brandenburger Tor. Dutzende Übertragungswagen von Radio- und Fernsehstationen aus Europa und der restlichen Welt stehen in Reih und Glied, der Palast ist das Zentrum dieses Tages. Er eignet sich vorzüglich für solch einen Medien-Hit, die Creme der Reporter ist da, es gibt Halberstädter Würstchen, Radeberger Bier und Wein von Elbe und Saale-Unstrut.

Der Palast wird nach dem Wahl-Hoch erniedrigt und abgerissen, und auch das architektonisch gepriesene „Ahornblatt“, in dem die CDU ihren Sieg feierte, gibt es nicht mehr. In der „Chronik der Wende“, einem Standardwerk aus dem Christoph Links Verlag, liest man, was andere Politiker zum Wahlausgang sagten: Willy Brandt meinte, da sei die deutsche Einheit rasch und ohne Wenn und Aber gewählt worden.

„Ich hoffe, dass wir schon im Sommer mit richtigem Geld reisen können“, sagt Wahlsieger Lothar de Maizière in die Mikrofone. Wolfgang Ullmann von „Demokratie Jetzt“ ist bitter enttäuscht, und Stefan Heym kommentiert den Wahlausgang im DDR-Fernsehen so: „Es wird keine DDR mehr geben. Sie wird nichts sein als eine Fußnote in der Weltgeschichte“.

Otto Schily hält eine gekrümmte gelbe Frucht in die Kameras: Die Leute hätten „Banane“ gewählt , und Oskar Lafontaine (SPD) macht für die Wahlniederlage seiner Partei die Lust auf „Kohl und Kohle“ verantwortlich. Und jeder hatte ein bisschen Recht...

Zur Startseite