Ein Mann spielt auf einer E-Gitarre. Foto: dpa/Rainer Jensen
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Von Ton Steine Scherben bis zu den Beatsteaks Die E-Gitarre: In Berlin unsterblich

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Lange hat sie die Popmusik dominiert, heute gilt die E-Gitarre als sterbendes Kulturgut. Aber ausgerechnet in Berlin hat sie eine Macht, die sie gegen Krisen resistent sein lässt.

Als Bernd Kurtzke sich die Gitarre schnappt, tut er, was alle Rockgitarristen tun. Er hat keinen Blick für das weite Halbrund des Amphitheaters, diese Traumkulisse, sondern nur für die Regler an seinem Verstärker. Um ihn herum wuseln Techniker, verlegen letzte Kabel zwischen haushohen Videowänden und Lautsprechertürmen. Dann zuckt das Handgelenk des Gitarristen einmal kurz, und es kracht so laut und bestialisch in den Boxen, als wäre ein Truck in die Stahlseile einer Hängebrücke geknallt.

Wäääämmmm!

Nur ein E-Gitarrist kann das. Kann die Luft schreien lassen mit nicht mehr als einem Zucken der Hand.

Dieser Eigenschaft verdankt das Instrument seinen mythischen Ruf. Die Kultur eines halben Jahrhunderts hat es geprägt, und mit jedem Wääääämmmm, das bis heute einer wie Kurtzke in eine Arena wie diese hier schickt, scheint sich seine alte Kraft zu bestätigen.

"Einen Patzer würden die Leute nicht verstehen"

Er sei nicht der Typ, der gerne auf der Bühne steht, sagt Bernd Kurtzke im Garderobentrakt der Waldbühne, es ist früher Nachmittag. Die Beatsteaks werden hier am Abend ein Konzert geben, das größte ihrer Karriere, die Mitte der 90er Jahre in der Schönhauser Straße begann und sie zur erfolgreichsten Rockband der Hauptstadt gemacht hat. Bernd Kurztke, ein kleiner Mann mit hautengen, schwarzen Jeans und schwarzem T-Shirt, ist einer von zwei Gitarristen der Beatsteaks. Eine Zeitlang eröffneten sie ihre Konzerte, indem sie Kurtzke alleine vor das Publikum schickten. Da stand er dann wie ein Mann, der gerade eine Bäckerei betreten hatte. Und er spielte ein karges, metallisches Riff, immer dieselbe kurze Tonfolge, die wie das Schaben ungeduldiger Füße klang und die Erwartung der Massen weiter steigerte. Er sagt: „Das hat mit Das-finde-ich-jetzt-aber-toll nicht das Geringste zu tun. Man ist so aufgeregt, dass man nicht darüber nachdenkt, wie viel Macht man vor all diesen Leuten gerade besitzt, sondern ist froh, da einigermaßen fehlerfrei durchzukommen. Einen Patzer würden die Leute nicht verstehen. Die denken doch, der spielt 30 Jahre Gitarre, was macht er da?“

Anti-Held. Bernd Kurtzke ist Gitarrist der erfolgreichsten Rockband der Stadt. Dabei steht er nicht einmal gern auf der Bühne. Foto: Paul Gärtner
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Die Gitarre steht fast immer im Mittelpunkt, wenn zehntausende Menschen in Waldbühne, Olympiastadion oder anderen Groß-Arenen zu Konzerten zusammenkommen. Sie beherrscht auch 50 Jahre nach Jimi Hendrix die Festivals. Bei „Rock am Ring 2018“ haben acht der zehn Hauptattraktionen vom Sound verzerrter E-Gitarren gezehrt. Sie wird als Kulturgut gefeiert in dem Dokumentarfilm „It Might Get Loud“, der drei stilbildende Rockgitarristen unserer Zeit zusammenbrachte, Jimmy Page, The Edge und Jack White, und über ihr Spiel philosophieren ließ. Die Kunsthalle Wien hat Werke in großer Zahl gezeigt, die sich mit dem Mythos E-Gitarre auseinandersetzen. Zuletzt widmete ihr die Band Tocotronic einen Song, in dem es um die Rockstar-Fantasien eines Jungen im elterlichen Reihenhaus geht. Er steht vor dem Spiegel, den Pullover ausgezogen, und nur sein Instrument versteht ihn: „Ich erzähle dir alles / Und alles ist wahr / Electric guitar“.

An dem historisierenden Blick solcher Huldigungen erkennt man allerdings auch, wie es um die E-Gitarre tatsächlich bestellt ist. Bis zum Jahr 2000 war sie das weltweit am meisten verkaufte Musikinstrument. Dann wurde sie vom Turntable abgelöst. Branchenriese Gibson meldete Anfang Mai Insolvenz an. Was von Experten lange erwartet worden war. Seit Jahren sinken die Absatzzahlen der wichtigsten Hersteller. Während eines Jahrzehnts ging der Verkauf branchenweit von jährlich 1,65 Millionen Gitarren auf etwas über eine Million zurück; zuletzt stieg er wieder leicht an (auf 1,12 Millionen 2017). Bei der US-Handelskette Guitar Center konnte der Bankrott im April dieses Jahres eben abgewendet werden.

Die Jugend zog es zu Rap und HipHop

Es scheint, dass die E-Gitarre immer weniger gebraucht wird. Ihr Bedeutungsverlust ist zeitlich eng an die Marginalisierung von Rockmusik gebunden. Einer Studio der britischen Royal Society zufolge setzte deren Niedergang in den 90er Jahren ein. Als sich spätestens 2005 die Aufregung gelegt hatte, die die Strokes mit ihrem Debüt „This Is It“ noch einmal hatten auslösen können, zog es die Jugend zu Rap und HipHop, der desillusionierten schwarzen Straßenkultur, die Drogen, Gewalt, materiellen Reichtum verherrlicht. Im Radio ist Rockmusik kaum noch präsent. Casting Shows kaprizieren sich aufs Singen. Und in den erfolgreichsten Songs der US-Pop-Charts geben verzerrte Gitarren kaum noch den Ton an. Dass eine Rockband den Grammy für die „Platte des Jahres“ gewann, geschah zum letzten Mal 2009.

Grafik: Tsp/Klöpfel
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Auch der Import von E-Gitarren nach Deutschland ging zwischen 2008 und 2017 um 24 Prozent zurück, wobei der Wert der Instrumente im selben Zeitraum um 46 Prozent wuchs. Kostete eine Gitarre aus dem Ausland vor zehn Jahren noch durchschnittlich 130 Euro, so ist sie heute beinahe doppelt so teuer. Versandhändler wie Thomann reagieren auf diesen Trend mit preisgünstigen „Gitarren Sets“ für Einsteiger, bestehend aus Verstärker, E-Gitarre und -tasche.

Als die „Washington Post“ vergangenen Sommer den „schleichenden Tod der E-Gitarre“ postulierte, zitierte das Blatt einen Gitarrenhändler, seit 46 Jahren im Geschäft, der gerade erst für Eric Clapton über zwei Dutzend Instrumente aus dessen Kollektion verkauft hatte und meinte: „Was wir brauchen, sind Gitarrenhelden“. Auch Paul McCartney wurde befragt. „Now, kids listen differently“, sagte er und legte die Gitarre beiseite, mit der er zuvor „Foxy Lady“ von Hendrix gespielt hatte. Fehlen den Jugendlichen heute tatsächlich nur die passenden Vorbilder, weil Gitarristen wie Bernd Kurtzke keine Helden mehr abgeben?

Berlin ist weit entfernt von Nashville

Vielleicht ist es ja wirklich nur so, dass Managementfehler für den Niedergang von Gibson verantwortlich sind, wie in zahlreichen Fachmagazine zu lesen ist. Nachdem in den 90ern allein die Popularität von Guns n' Roses-Gitarrist Slash ausreichte, der Firma einen reißenden Absatz an Les-Paul-Modellen zu bescheren, ging es dem Unternehmen einfach zu gut. Statt Steuern zu bezahlen, machte es Schulden, kaufte es immer neue Marken dazu, erweiterte sein Kerngeschäft um die Elektrosparte von Phillips, mit der es dann jedoch nichts anfangen konnte, pumpte Geld in Immobilien ohne Gewinn. Schließlich beliefen sich die Verbindlichkeiten auf eine halbe Milliarde Dollar und waren bei einem Jahresumsatz von 1,3 Milliarden nicht mehr zu bedienen. Die Gläubigerbanken verwehrten weitere Kredite, Gibson hat nun ein Jahr Zeit, neue Geldgeber zu finden.

Berlin ist weit entfernt von Nashville, dem Firmensitz von Gibson, vielleicht sogar weiter entfernt als jede andere Stadt, die sich als musikalische Metropole begreift. Denn hier gab es nie viele Leute, die viel auf die Gitarre gaben. Diejenigen, die es taten, fühlten sich als Außenseiter. Aber dadurch haben sie der E-Gitarre eine Macht gegeben, die sie gegen Krisen resistent macht. Dies ist die Geschichte eines bemerkenswerten Sonderwegs.

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