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Ein gewaltfreier und respektvoller Umgang miteinander setzt sich aus mehreren Bausteinen zusammen (Symbolbild).  Foto: Kitty Kleist-Heinrich
© Kitty Kleist-Heinrich

Vom Straßenschläger zum Vorbild Berliner Senat startet Projekt gegen Gewalt an Schulen

Das Projekt Pro Respekt soll Gewalt unter Schüler:innen verhindern und das Zusammenleben verbessern. Botschafter Yigit Muk kann auf eigene Erfahrungen bauen. 

Wenn Yigit Muk über Gewalt unter Schüler:innen spricht, spricht er auch über seine eigene Geschichte. Yigit Muk war kein Opfer, er war Täter. „Ich habe meine Einstellung zu Gewalt geändert, in dem ich sie angewendet habe. Irgendwann hatte ich keine Angst und auch kein Mitgefühl mehr“, sagt er heute, knapp 20 Jahre später, über seine Schulzeit. 

Gewalt sei für ihn, der im Neuköllner Brennpunkt rund um die Karl-Marx-Straße aufgewachsen ist, die einzige Art gewesen, Anerkennung zu erhalten. Doch irgendwann erkannte Muk, dass er sich selbst im Weg stand. „Gewalt kann ein gefährlicher Stolperstein sein, weil wir dadurch unser Potential nicht ausschöpfen können“, sagt er. 

Aus dem einstigen Straßenschläger wurde einer der besten Abiturienten Deutschlands. Was ihm lange gefehlt habe, sagt er, sei ein Vorbild gewesen: Jemand, der aus dem gleichen Kiez kam, so aussah wie er, der Junge mit dem türkischen Migrationshintergrund. Und der dennoch einen Weg abseits von Kriminalität und Gewalt fand.

Am Freitagmorgen sitzt Yigit Muk in der Mensa der Gustav-Freytag-Schule in Reinickendorf. Er, der sich früher durch Gewalt Respekt verschaffte, will heute Schüler:innen zeigen, dass Gewalt keinen Respekt verdient. 

Es ist die Auftaktveranstaltung des Projektes „Pro Respekt“, das die Senatsverwaltung für Bildung gemeinsam mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, den Straßensozialarbeiter:innen des Vereins Gangway und dem Violence Prevention Network seit 2020 an Berliner Schulen durchführt. 

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Das Projekt soll Gewalt verhindern und demokratische Strukturen an den Schulen stärken. Das Team von „Pro Respekt“ ist aktuell an 22 Schulen in sieben Bezirken aktiv, vor Ort unterstützen meist zwei Sozialarbeiter:innen mit einem Schwerpunkt auf Gewaltprävention die Lehrkräfte.

Es geht dabei nicht nur um die Zusammenarbeit mit den Schüler:innen, sondern auch um die Weiterbildung der Lehrer:innen – denn auch diese wüssten bei Gewaltsituationen nicht immer weiter.

Yigit Muk gründete einst in Neukölln eine Straßengang – und wurde dann zu einem der besten Abiturienten Deutschlands. Foto: promo Vergrößern
Yigit Muk gründete einst in Neukölln eine Straßengang – und wurde dann zu einem der besten Abiturienten Deutschlands. © promo

Yigit Muk sitzt an diesem Freitag in einem Stuhlkreis zwischen Schüler:innen der Gustav-Freytag-Schule und Sozialarbeiter:innen von „Pro Respekt“. Er ist Botschafter des Projektes und soll nun selbst Vorbild für die Jugendlichen sein. 

Neben ihm sitzt Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), der das Projekt auch, wie sie sagt, ein persönliches Anliegen war. „Ich bin auch nicht behütet, sondern in einem sozialen Brennpunkt aufgewachsen“, erzählt Scheeres über ihre eigene Schulzeit. Sie spricht über familiäre Probleme, ihre alleinerziehende Mutter und Zurückweisungen durch Lehrkräfte.

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Viele Probleme könnten dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche sich in der Schule nicht wohl fühlten, sagte sie. Ihnen aus diesen Kreisläufen herauszuhelfen, ist Ziel von „Pro Respekt“.

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An der Gustav-Freytag-Schule steht für die Sozialarbeiter:innen der Kampf gegen die sogenannte Schuldistanz, also das Schwänzen, im Vordergrund. Die Gründe, aus denen Jugendliche den Unterricht versäumen, können ganz unterschiedlich sein. Eine Schülerin berichtet, dass sie sich am Anfang oft ausgegrenzt gefühlt habe. Ein anderer spricht darüber, dass auch Mobbing an der Schule ein Problem sei.

Jugendliche beklagen nicht nur Gewalt – sondern auch defekte Toiletten

In der Gesprächsrunde mit den Schüler:innen zeigt sich aber auch, dass die Jugendlichen durchaus ganz banale Gründe haben, warum sie sich an der Schule nicht wohl fühlen. Gleich mehrfach kommen Beschwerden über das teure Essen in der Cafeteria und insbesondere auch über den Zustand der Schultoiletten. 

Die seien nicht nur verdreckt, wofür die Jugendlichen sich auch selbst in der Verantwortung sehen, sondern hätten auch defekte Türen. Eine Schülerin schildert, wie sie einmal die Kabinentür von innen nicht mehr öffnen konnte und, schon leicht panisch, versuchte darüber zu klettern.

Und auch das Thema Corona spielte für die Schüler:innen in den vergangenen Monaten natürlich eine Rolle. Wer seine Klassenkamerad:innen monatelang kaum gesehen hat, konnte kaum ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln. Die Schüler:innen der Gustav-Freytag-Schule wollen darauf mit einer selbstorganisierten „aktiven Pause“ mit Spielen und Sportarten reagieren. Das ist durchaus im Sinne des Projektes – denn wer zusammen hält, respektiert einander auch.

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