Durch Technik ganz nahe: Die Projektion von Anita-Lasker Wallfisch im Technik-Museum. SDTB / Foto: Hengst
© SDTB / Foto: Hengst

Virtuelle Zeitzeugen im Technikmuseum Wie man noch lange mit Überlebenden des Holocaust sprechen kann

Anita Lasker-Wallfisch ist eine der letzten Zeitzeuginnen der Shoah. Im Technikmuseum beantwortet sie nun Fragen – als interaktive Installation.

69388. Die Ziffern sind deutlich zu sehen auf der 94 Jahre alten Haut. Anita Lasker-Wallfisch hat den linken Ärmel ihrer Bluse hochgeschoben und zeigt ihren Unterarm mit der tätowierten Häftlingsnummer von Auschwitz. „Es ist naiv zu glauben, ich bräuchte eine Nummer, um mich zu erinnern.“

Lasker-Wallfischs Stimme ist klar zu hören, tief und bestimmt, sie sitzt mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einem Sessel. Aber sie ist nur eine Projektion.

Mehr als 1000 Fragen hat die Holocaust-Überlebende beantwortet


Im Berliner Technikmuseum läuft seit Februar eine Testphase für ein interaktives Zeitzeugnis-Projekt. Entstanden ist es in Zusammenarbeit mit der USC Shoah Foundation, die Finanzierung stellt die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) sicher. Die USC Shoah Foundation sammelt seit 2010 Zeitzeugnisse von Überlebenden der Shoah in interaktiver Form. Das Interview mit Lasker-Wallfisch ist das erste in deutscher Sprache.

Im vergangenen Jahr hatte sich die alte Dame dafür in ihrer Heimatstadt London eine Woche lang von mehreren Kameras aufzeichnen lassen, jeden Tag mehrere Stunden, vor einem Greenscreen-Hintergrund. Sie beantwortete mehr als 1000 Fragen, jede ihrer Antworten ist als separater Videoclip festgehalten. Und diese Fragen kann man ihr nun stellen.

Anita Lasker-Wallfisch bei der Aufnahme ihrer Antworten vor einem Greenscreen. Foto: Technik-Museum Berlin/Zute Lightfoot Vergrößern
Anita Lasker-Wallfisch bei der Aufnahme ihrer Antworten vor einem Greenscreen. © Technik-Museum Berlin/Zute Lightfoot

Am Dienstagmorgen sitzen im Bildungsraum des Museums Journalisten und Reporterinnen einem 82-Zoll-Fernsehbildschirm gegenüber. Sanna Steigmaier, die für die USC Shoa Foundation das Interview mit Lasker-Wallfisch geführt hat, sitzt an einem Tischchen und spricht in das Mikrophon.


Frau Lasker-Wallfisch, wo sind Sie geboren?
In Breslau. Das gehörte damals zu Deutschland. Heute gehört es zu Polen und heißt Wrocław.“


Frau Lasker-Wallfisch, wie alt sind Sie?
Ich bin 1925 geboren, das können Sie sich ja ausrechnen.“


Frau Lasker-Wallfisch, wie haben Sie die Reichskristallnacht erlebt?
„Das Wort Kristall ist sehr passend, es lagen Scherben überall. Und durch die Straßenrinnen floss Alkohol, weil sie die Likörgeschäfte zerschlagen hatten. Ich war in dieser Nacht nicht in Breslau, ich war in Berlin. Weil es in Breslau keinen Cellolehrer mehr gab, der ein jüdisches Kind unterrichtet hätte.“


Lasker-Wallfisch erzählt. Von ihren Eltern, der Inventarliste, die der Vater vor seiner Deportation aufstellen musste, und den Worten, die der Vater sprach: „Bleibt. Da, wo wir hingehen, da kommt man noch zeitig hin.“ Sie erzählt von ihrer ältesten Schwester und den Fotografien, die sie aufgenommen hatte: „Das waren Bilder von jemandem, der weiß, dass er das alles hier nie mehr wieder sieht.“

1943 war Lasker-Wallfisch nach Auschwitz deportiert worden, 1944 kam sie gemeinsam mit ihrer Schwester ins Konzentrationslager Bergen-Belsen. Nach dem Krieg emigrierte sie nach Großbritannien. Erst 1994 reiste Lasker-Wallfisch zum ersten Mal wieder nach Deutschland.

Karen Jungblut, die als Director of Global Initiatives für die USC Shoah Foundation arbeitet, sagte zum Zweck dieses Projektes: „Schüler sollen auch in Zukunft Fragen stellen können.“ Und die Resonanz scheint gut zu sein: Jungblut erzählt, einige Teilnehmer erster Tests hätten danach gesagt, „Wir haben mit einem Zeitzeugen geskyped!“ Das zeige, wie real die Gesprächssituation wahrgenommen werde.

„Alles war das Schlimmste.“

Natürlich könnten und sollten die digitalen Interviews die echte Begegnung mit lebendigen Zeitzeugen nicht ersetzen. Aber: Die Zeit dränge. Jungblut sagte, „es ist eine Minute vor Zwölf“. Denn nur noch wenige Zeitzeugen seien am Leben und in der Lage und gewillt, so ausführlich von ihren Erfahrungen zu berichten.

Die Initiative der USC Shoah Foundation, die ihren Sitz an der University of Southern California in den USA hat, trägt den Namen „Dimensions of Testimony“. Bislang gibt es Aufzeichnungen auf Englisch, Hebräisch, Russisch, Spanisch, Mandarin und nun auch auf Deutsch.


Frau Lasker-Wallfisch, was war das Schlimmste in Ihrer Zeit in den Vernichtungslagern?
„Es gibt keine Abstufung. Alles war das Schlimmste.“


Technisch möglich ist das simulierte Gespräch durch ein Spracherkennungssoftware. Das Programm transkribiert die gesprochene Frage und gleicht in der Datenbank ab, welche gespeicherte Frage dem Gesprochenen am nächsten kommt. Dafür braucht es vor allem eine gute Internetverbindung. Während der Testphase sollen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen die Zuordnung von Fragen und Antworten laufend überprüfen, damit die die Erkennung weiter verbessert werden kann.

Es funktioniert schon relativ gut. Zwar springt das Bild zwischen Frage und Antwort recht abrupt von einer Einstellung zur nächsten und als eine Journalistin eine lange, komplizierte Frage in das Mikrophon spricht, reagiert Lasker-Wallfischs Abbild mit der Antwort auf eine andere Frage. Aber grundsätzlich ist es erstaunlich, wie nah und echt diese lebensgroße Projektion wirkt.

Um ein Hologramm handelt es sich dabei übrigens nicht. Die dafür notwendige Technik sei noch gar nicht weit genug fortgeschritten, sagte Jungblut. Die Aufnahmen in London seien jedoch so durchgeführt worden, dass es damit in Zukunft möglich sein könnte, ein Hologramm zu erstellen.

Die Testphase läuft bis zu den Sommerferien


Während der Testphase wird eine Moderatorin oder ein Moderator bereitstehen, die und der das „Gespräch“ leiten sollen. Angelegt ist die Testphase für Schulklassen bis zu den Sommerferien Ende Juni. Interessierte Klassen, im Idealfall ab der achten Stufe, können sich anmelden.

Warum sich das Technikmuseum als Standort für ein Zeitzeugen-Projekt eigne, erklärte der stellvertretende Direktor des Museums, Joseph Hoppe: „Der Machtapparat des Nationalsozialismus war nicht vorstellbar ohne die technischen Mittel.“ Als ein Beispiel nannte er die Eisenbahntechnik, die als „Teil des Mordsystems, als Teil des Holocausts“ funktioniert hatte.

Seit den 1980er-Jahren sei dieser Aspekt Teil der Dauerausstellung zum Schienenverkehr. Die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit sei auch für ein Technikmuseum von großer Wichtigkeit. Zudem biete das Berliner Technikmuseum für die Testphase des Projektes den Vorteil eines sehr gemischten, diversen und internationalen Publikums. Die interaktive Installation habe eine enorme Wirkung, sagte Hoppe: „Die Person ist mehr als nur auf dem Screen anwesend.“

Die Installation wirkt durch die virtuelle Präsenz - aber auch durch Sätze wie diese, die deutlich machen, warum man niemals vergessen darf:


Frau Lasker-Wallfisch, haben Sie vergeben?
Ich bin nicht der liebe Gott. Ich habe nicht vergeben. Ich bin nicht vergast worden, ich liege nicht im Massengrab. Ich kann nicht vergeben.“

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