Einige Toilettenhäuschen wurden denkmalgerecht saniert. Foto: Mike Wolff
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Verschwindende Stadtmöbel Von der Wasserpumpe zum Kaugummiautomat

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Sie sind Relikte aus vergangenen Zeiten - und manche sogar schon Geschichte. Berliner Stadtmöbel damals und heute.

Toilettenhäuschen

Klar, es gibt die neuen öffentlichen Toiletten, vollautomatisch, auf dem höchsten Stand der selbstreinigenden Toilettentechnik. 252 Stück davon betreibt die Firma Wall. Wie lange die noch stehen bleiben, liegt in den Händen des Senats, auf jeden Fall erst einmal bis Ende 2018. Doch es gibt noch die alten grünen Urinieranstalten. In Schöneberg steht eine, auch in Neukölln und in Friedrichshain.

Sie sehen aus wie ein riesiges Achteck, darum auch Café Achteck genannt, die Außenwände sind gusseisern verziert, drinnen können bis zu sieben Männer pinkeln. 1920 boten 142 von ihnen den männlichen Berlinern die Möglichkeit zur Erleichterung, heute sind es nur noch 30. Einige von ihnen wurden für 125 000 Euro denkmalgerecht saniert und mit zwei getrennten Bereichen für Männer und Frauen ausgestattet.

Wasserpumpe

Sie quietschen, rasseln und röcheln wie ein Raucher beim Joggen. Auf und ab, auf und ab – und wenn man Glück hat, kommt ein Strahl Wasser auf den Bürgersteig geschossen. Sie sind legendär, sie sind Geschichte und bleiben

uns für den Notfall erhalten.

Straßenpumpen? Das sind die meist grünen Wasserpumpen aus Metall, die auf den Bürgersteigen herumstehen und von denen keiner mehr weiß, wozu sie noch gut sind. Manche von ihnen sind mehr als 100 Jahre alt, reich verziert mit Fischen, Drachenköpfen oder Fröschen.

Die ersten von ihnen tauchten Anfang des 19. Jahrhunderts auf. Es war die Zeit, als der Berliner mit Eimern für sein tägliches Wasser anstehen musste. Dann bauten die Wasserwerke die ersten öffentlichen Wasserleitungen,

und es war die Feuerwehr, die die Straßenpumpen zum Löschen nutzte. Im Zweiten Weltkrieg und in den Monaten danach retteten die Straßenpumpen die Berliner Bevölkerung, denn die öffentliche Wasserversorgung war zusammengebrochen. Nur die guten, alten Straßenpumpen funktionierten noch. Also standen die 2,8 Millionen Berliner wieder mit Eimern an.

Damals wie heute sind die Straßenpumpen unabhängig von der städtischen Wasserversorgung, denn jede Straßenpumpe ist ein eigener Brunnen. Von der Straße stößt ein Rohr oder ein Schacht bis zu 80 Meter tief in die Erde,

je nachdem wo der förderbare Grundwasserspiegel anfängt. Mit der eigenen Muskelkraft und mithilfe des Schwengels pumpt man das Wasser aus der Tiefe nach oben. Heute gibt es in Berlin noch 2107 dieser Straßenpumpen, davon gehören 900 dem Bund, der Rest dem Land Berlin.

Doch wozu braucht Berlin diese Pumpen überhaupt noch? Für die Kinder im Sommer? Für durstende Hunde und Bäume? Die Pumpen müssen gewartet und instand gesetzt werden, außerdem wird alle fünf Jahre ihre Wasserqualität getestet. Das kostet die einzelnen Bezirke bis zu 100 000 Euro im Jahr. Bis heute sind sie Bestandteil des Katastrophenschutzplanes des Landes Berlin. Sollte die Wasserversorgung ausfallen, weil ein Krieg ausbricht, nach Terror oder Stromausfall, könnten sich die Berliner so weiter versorgen. Das Problem: Viele der Brunnen sind chemisch oder bakteriell belastet. Für den Ernstfall hält die Stadt aber 30 Millionen Tabletten für die Trinkwasseraufbereitung bereit. Also, Berliner: Pumpt, damit sie nicht einrosten und die Quellen nicht versanden. Vor allem im Sommer, wenn die Bäume dürsten.

Personenwaage

Sie war ein Berliner Klassiker: „Oftmals sich wiegen und danach leben, wird dir lange Gesundheit geben.“ Jeder, der vor 40, 30, 20 und auch noch vor zehn Jahren mit der Berliner U-Bahn unterwegs war, kennt diesen Spruch und das dazugehörige Gerät, auf dem er prangte. Gemeint sind die 56 Personenwaagen, die auf den U-Bahnsteigen dieser Stadt standen.

Groß, eisern, 220 Kilogramm schwer, beliebt im Westen und im Osten. Sie waren Wunderwerke der Technik, die aus 336 Einzelteilen bestanden. Man musste nur einen Groschen (später zehn Cent) reinstecken, sich auf das Podest stellen, und schon wusste der halbe Bahnsteig, dass man sich wiegt. Bei den mechanischen Waagen drehte sich das Gewichtsrad und zeigte die Kilozahlen an. Bei den elektrischen bekam man sogar eine Karte mit seinem Gewicht ausgeworfen.

So oder so, die Geräte klackten und ratterten so laut, dass sich hier niemand heimlich wiegen konnte. Vielleicht gingen ihr deshalb die Liebhaber aus. Bis zu seinem Tod kümmerte sich ein Mann, ein Rentner, Peter Schulz hieß er, um diese Waagen, fuhr von Bahnhof zu Bahnhof, leerte die Münzbehälter, behob Schäden, reparierte und putzte. Das war sein Leben und seine Leidenschaft. Als er 2011 starb, fand sich niemand mehr, der das übernehmen wollte. Nach und nach wurden die Waagen abgeholt und verkauft.

Kaugummiautomat

Der Weg zum einfachen Glück kann so kurz sein. Etwas Kleingeld in die Tasche gesteckt, raus auf die Straße gegangen und Augen auf. Da hängt doch schon einer: 10 Cent für einen Kaugummi? 20 Cent für einen Flummi? Eine Klebehand oder ein Armband? 50 Cent bitte.

Willkommen in der Welt der Kaugummiautomaten. Unendliche, bunte Vielfalt und Verheißung in einem rot-weißen Stahlkasten. Was, die gibt’s noch? Ja, Kinder wissen genau, wo sie hängen – schön weit unten und meistens ganz nah an Schulen, Kitas und Bushaltestellen. Eben überall dort, wo Kinder häufig vorbeikommen. Ja, sie klingen sogar noch genauso wie früher. Geld rein. Drehen. Schon fällt der Kaugummi und pingt gegen die Metallklappe. Wie viele es von ihnen in Deutschland noch gibt? Die einen sagen zwischen 500 000 und 800 000, andere gehen von 200 000 aus. Für Eltern sind sie Quengelware: „Bitte, Mama, nur 20 Cent“, so kann der Spaziergang schnell zur Tortur werden. Für Kinder aber können sie der Moment des ersten eigenständigen Geschäfts sein. Was will ich? Wie viel kann ich mit meinem Geld ziehen?

Kaugummiautomaten sind fast immer verschmiert, beklebt, wirken verwaist. Kann man damit Geld verdienen? Vertreter der Automatenwirtschaft sagen „Ja“. Ein Automat verdient bis zu 100 Euro im Jahr. Wer 2000 davon hat, macht Umsatz. Einerseits. Andererseits müssen sie befüllt und repariert werden. Außerdem bekommt der Hausbesitzer für die Anhängerlaubnis eine Provision. So etwas lohnt sich nur, wenn man noch Plüschgreifer-, Edelstein-, Getränkeautomaten betreibt.

Kaugummiautomaten gehören in die Art der Warenautomaten. Die ersten davon tauchten Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland auf. Damals gab es Schokoladen. Der Kaugummi kam erst mit den Amerikanern nach Ende des Zweiten Weltkrieges nach Berlin. Bis heute ist das Herzstück dieser Automaten nicht die Ware, sondern das Münzprüfsystem. Die Umstellung auf Euro hat die Automatenaufsteller einiges an Nerven und Geld gekostet.

Der größte Feind der Kaugummiautomaten ist der Vandalismus. Aufgebrochen, angeschmort, rausgerissen. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Sucht man im Internet, offenbart sich das Grauen: „Kreuzberg, Kaugummiautomat gesprengt“. „Kleiner Bruder klaut Kaugummis, großer Bruder attackiert die Polizei“. „Teenies festgenommen – Großeinsatz wegen geknacktem Kaugummi-Automaten“.

Notrufsäule

Das Wichtigste zuerst: Es gibt keine einzige Notrufsäule der Berliner Polizei mehr – nicht auf den Straßen, nicht auf den Bürgersteigen, nicht in den Parks. Sie wurden allesamt abgebaut, ins Museum gegeben oder für den Taxifunk umgerüstet. 2,20 Meter waren sie hoch, in einem hellen Grünton angestrichen. Ihre Spitze krönte eine gelbe Rundumleuchte. Wollte man mit der Polizei sprechen, musste man nur einen Schalter umlegen, und schon war man direkt mit der Leitstelle verbunden. „Eiserner Schutzmann“, so haben die Berliner die Notrufsäulen früher genannt.

1924 tauchte die Säule das erste Mal in Berlin auf. Doch sie war nicht für den normalen Berliner gedacht, sondern für den Straßenpolizisten. Brauchte er Verstärkung, war er sofort mit der nächsten Wache verbunden, die konnte dann ein Überfallkommando schicken. Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte die Polizei in ganz Deutschland die Säulen auf, nun waren sie aber für die Bevölkerung gedacht.

Als der 110-Anruf in Telefonzellen kostenlos wurde, war das der Anfang vom Ende für die Notrufsäule. Die Wartungs- und die Stromkosten seien einfach zu hoch gewesen, sagt ein Sprecher der Polizei. 2003 wurden in Berlin die letzten 61 Notrufsäulen abgebaut. Alle bis auf eine: Jahrelang stand ein letztes Exemplar im Grunewald. Wann die Säule das letzte Mal auf Sendung war, weiß man bei der Polizei nicht mehr. Bei der BVG hingegen gibt es bis heute auf jedem Bahnhof mindestens zwei Not- und Auskunftssäulen. 55 000 Anfragen im Jahr zählt die BVG. Auch an den deutschen Autobahnen stehen noch etwa 16 000 Säulen. Sie werden nach wie vor benutzt, circa 700 Mal am Tag.

Ein ähnliches Schicksal wie die Notrufsäulen der Polizei erlitten die fast schon historischen Feuermelder. Hier war vor dem Notrufknopf eine Scheibe montiert, die man einschlagen musste, bevor man den Knopf drücken konnte und so den Alarm auslöste.

Fotoautomat

Es gibt nur zwei Gründe, einen Fotoautomaten aufzusuchen. Nummer 1: Man braucht Passfotos. Die Geräte stehen auf ausgesuchten Bahnhöfen und in Einkaufspassagen. Läuft man dran vorbei, sieht man häufig die zugezogenen Vorhänge und zwei Füße untendrunter rausschauen. Altmodisch sind sie überhaupt nicht. Sie sprechen mit einem, leiten einen durch den ganzen Prozess, damit man ja nichts falsch macht. Trotzdem sieht man auf diesen Fotos immer bescheiden aus.

Grund Nummer 2: Man ist mit seiner großen Liebe, mit seinen Kindern oder seinen besten Freunden unterwegs, man sieht einen dieser großartigen Schwarz-Weiß-Automaten und macht Quatschfotos. Kosten: 2 Euro. Dafür hat man einen Streifen mit vier Fotos, die aussehen wie aus dem letzten Jahrhundert.

Der erste Fotoautomat überhaupt stand 1926 auf dem Broadway in New York. Die Idee war so erfolgreich, dass das junge Start-up-Unternehmen gleich im zweiten Geschäftsjahr für eine Million US-Dollar aufgekauft wurde.

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