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So wie in der Bergmannstraße verhindern an immer mehr Stellen in Berlin Poller die Durchfahrt. Foto: imago images/Sabine Gudath
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Verkehrswende in Berlin Fahrgastverband sieht Bus- und Tramverkehr durch Kiezblocks gefährdet

In Berlin sollen neuerdings autofreie Zonen den Verkehr beruhigen. Experten sind jedoch skeptisch – sie befürchten, das Konzept könnte dem Nahverkehr schaden.

Poller, Tempolimits und Durchfahrverbote: An immer mehr Stellen in Berlin sollen Kiezblocks den Verkehr beruhigen – könnten dabei jedoch auch Bus- und Tramverbindungen in der Innenstadt ausbremsen. Das befürchtet zumindest der Berliner Fahrgastverband Igeb und sieht mögliche Probleme für den öffentlichen Nahverkehr.

Mit Sorge beobachte man einige Kiezblocks in Berlin, „bei denen die Bedürfnisse der Fahrgäste ignoriert werden“, teilen die Verbandsvorsitzenden Christfried Tschepe und sein Stellvertreter Jens Wieseke mit.

Als Generalabrechnung mit dem Konzept sieht der Verein die Kritik allerdings nicht. „Es ist verständlich, dass Autos, die Wohngebiete nur durchfahren, aus den Kiezen verdrängt werden sollen.“ Doch würden die Vorhaben schlecht geplant, blieben Bus und Tram in Wohnvierteln auf der Strecke.

„Straßenbahnen und Busse müssen auch künftig nicht nur zum Kiez, sondern durch den Kiez fahren können, damit die Wege zu den Haltestellen nicht zu weit werden.“ Ein funktionierender Nahverkehr brauche Nähe und dürfe nicht auf große Hauptstraßen beschränkt werden, schreiben Tschepe und Wieseke.

Zweifel kommen den Verkehrsexperten unter anderem mit Blick nach Friedrichshain-Kreuzberg. Dort wurden Berlins erste Kiezblocks auf die Straße gebracht. Aber der grün-regierte Bezirk denkt längst größer: Das komplette Bezirksgebiet soll verkehrsberuhigt werden.

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Dabei wolle sich der Bezirk jedoch nicht in die Karten schauen lassen, kritisieren die Fahrgastvertreter. So sei etwa bei den Plänen für den Wrangelkiez in Kreuzberg „völlig unklar“, welche Rolle die Verlängerung der Tramlinie M10 von der Warschauer Straße zum Hermannplatz spiele, teilen Tschepe und Wieseke mit.

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Der Fahrgastverband kritisiert auch die Pläne einer Anwohnerinitiative für einen Kiezblock in der nördlichen Luisenstadt in Mitte. Wenn dort künftig statt Tempo 30 nur noch Tempo 10 auf dem Engel- und Bethaniendamm erlaubt sei, käme es zu Fahrzeitverlusten. Die Buslinie 147 würde so unattraktiv.

Auch ein aus Sicht der Fahrgastvertreter überfälliger Metrobus M40 vom Kottbuser Tor zum Ostbahnhof würde durch eine angedachte Diagonalsperre an der Ecke Adalbertstraße/Melchiorstraße behindert. Bislang handelt es sich dabei allerdings nur um eine Idee der Anwohner, beschlossen wurde der Plan vom Bezirk Mitte nicht.

BVG will bei Kiezblocks ausreichend beteiligt werden

Ausreichende Beteiligung bei solchen Plänen fordern auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Denn oft seien Berührungspunkte zum Nahverkehr nicht sofort zu erkennen, sagte Sprecher Jannes Schwentu. „So dienen beispielsweise Nebenstraßen abseits der Bustrassen zum Teil als Ausweichroute bei Störungen oder für Schienenersatzverkehr.“

Um mögliche Fehlplanungen zu vermeiden, fordern die Fahrgastvertreter von Igeb die Senatsverkehrsverwaltung auf, eine Arbeitsgruppe zu bilden, in der neben den Bezirken auch die BVG und Fahrgastverbände an der Entwicklung der Kiezblocks mitwirken. Zudem müsse der Senat eine Leitlinie für die Entwicklung von Kiezblocks erarbeiten, „in der die Belange der Fahrgäste angemessen berücksichtigt werden“.

Verkehrsverwaltung lehnt Igeb-Vorschlag ab

Das Haus von Verkehrssenatorin Bettina Jarasch (Grüne) arbeitet bereits seit einiger Zeit an einem Leitfaden zum Einrichten von Kiezblocks. Wann dieser veröffentlicht werden wird und welche Punkte er enthalten soll, konnte die Senatsverkehrsverwaltung am Montag nicht mitteilen.

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Allerdings hält man die von Igeb geforderte Arbeitsgruppe „aus aktueller Sicht für entbehrlich“, wie Sprecher Jan Thomsen mitteilte. Die Maßnahmen bezögen sich vor allem auf das Nebennetz und lägen entsprechend in der Zuständigkeit der Bezirke.

Friedrichshain-Kreuzbergs Verkehrsstadträtin Annika Gerold (Grüne) weist die Vorwürfe gegen ihren Bezirk zurück. „Für uns bedeutet Verkehrswende, dass wir insgesamt den Umweltverbund fördern, dazu gehört auch der ÖPNV.“ Die Planung der M10 durch die Falckensteinstraße entsprechend der Vorzugsvariante unterstütze sie.

Zudem sei die BVG bereits heute Mitglied im Mobilitätswenderat des Bezirks. Künftig wolle sie auch einen regelmäßigen Jour fixe mit den Verkehrsbetrieben einrichten, kündigte Gerold an.

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