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Der Lieferdienst Gorillas ist 2020 in Berlin gegründet worden. Inzwischen expandiert das junge Unternehmen weltweit. Foto: Tobias Schwarz / AFP
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Verhandlungen am Arbeitsgericht 17 Fahrradkuriere klagen gegen Berliner Lieferdienst Gorillas

Der Rechtsstreit dreht sich um die Befristung der Arbeitsverträge. Der Anwalt der Beschäftigten  wirft dem Arbeitgeber „juristische Akrobatik“ vor.

Lebensmittel in zehn Minuten verspricht der Bringdienst Gorillas seinen Kunden. Am Montag war es jedoch Richter Frank Schmitt, der schnell lieferte. In nur zehn Minuten waren vier Gütetermine am Arbeitsgericht Berlin erledigt. 

Vier weitere Beschäftigte haben das Unternehmen verklagt, sie fordern die Entfristung ihrer Arbeitsverträge. Weil sich die Parteien nicht einigen konnten, wird es im Januar einen Kammertermin geben.

Gorillas ließ sich am Arbeitsgericht von einer neuen Anwältin vertreten. Auch sie wirkte überfordert, so wie der letzte Rechtsbeistand. Sie könne sich zu den Details nicht äußern, ihr Büro habe den Fall „sehr kurzfristig“ übernommen, sagte sie.

Aber es könne sein, dass die Arbeitsverträge nichtig seien, weil sie von den Ridern niemals unterschrieben wurden. Mit diesem Argument war der vorherige Anwalt bereits beim ersten Gerichtstermin gescheitert.

Rider-Anwalt Martin Bechert reagierte genervt: „Das ist geradezu absurd, was Sie hier aufführen.“ Obwohl die Klagen bereits seit Wochen vorlägen, sei bei der beklagten Firma noch niemand in der Lage gewesen, die Unterlagen zu lesen, kritisierte Bechert.

Den Versuch der Beklagten, die Rechtmäßigkeit der Arbeitsverträge insgesamt anzuzweifeln, bezeichnete Bechert als „juristische Akrobatik“.

Frank Schmitt ist Richter am Arbeitsgericht Berlin Foto: Christoph M. Kluge Vergrößern
Frank Schmitt ist Richter am Arbeitsgericht Berlin © Christoph M. Kluge

Jakob Pomeranzev ist einer der klagenden Rider. Er ist zuversichtlich. „Lieferando hat bereits alle Arbeitsverträge entfristet“, sagte er nach der Verhandlung. Das werde auch das Gorillas-Unternehmen machen müssen.

Rechtsstreit um elektronische Signaturen

Inzwischen hat Becherts Kanzlei nach eigenen Angaben 17 Klagen eingereicht, weitere sollen folgen.

[Lesen Sie mehr bei Tagesspiegel Plus: Unterwegs mit einem Lieferdienst-„Rider“: „Natürlich verdiene ich zu wenig für das, was ich mache“ (T+)]

In allen geht es um dieselbe Frage: Bechert argumentiert, dass sich Gorillas nicht auf die Befristung der Verträge berufen könne, weil die Verträge mit einem elektronischen Signierverfahren unterzeichnet wurden. Das sei kein Ersatz für eine Unterschrift.

Martin Bechert, Anwalt der Gorillas-Rider, vor dem Arbeitsgericht Berlin am Magdeburger Platz Foto: Christoph M. Kluge Vergrößern
Martin Bechert, Anwalt der Gorillas-Rider, vor dem Arbeitsgericht Berlin am Magdeburger Platz © Christoph M. Kluge

Diese Rechtsmeinung teilten bisher alle Richter am Arbeitsgericht. Auch der Arbeitsrechtsprofessor Wolfgang Däubler sagte dem Tagesspiegel, in diesem Fall sei die Befristung nicht rechtens. Mit der ersten Urteilsverkündung ist im Januar 2022 zu rechnen.

Konkurrent könnte in Gorillas investieren

Der Gorillas-Gründer Kagan Sümer hat bis dahin andere Probleme zu lösen, seine Firma braucht Geld. Dem „Manager Magazin“ zufolge soll das Berliner Dax-Unternehmen Delivery Hero kurz davor sein, bei Gorillas einzusteigen. Dessen Chef Niklas Östberg soll 200 Millionen Dollar für eine Beteiligung von sieben Prozent geboten haben.

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Dem unbestätigten Bericht zufolge soll er es dabei nicht auf Gorillas selbst abgesehen haben, sondern auf den US-Rivalen Doordash. Der wolle in den europäischen Markt eintreten, Östberg möchte ihn daran hindern. Hinter dem Wettstreit der Lieferdienste steht ein Kampf der Investoren um Anteile an einem globalen Zukunftsmarkt.

In Deutschland bestellen laut einer aktuellen Studie des Digitalbranchenverbandes Bitkom 26 Prozent der Menschen hin und wieder Lebensmittel im Internet. Vor Beginn der Pandemie waren es 16 Prozent gewesen. Heute ordern demnach zehn Prozent der Deutschen in Online-Hofläden oder haben Abos für Gemüsekisten. Acht Prozent kaufen bei Online-Supermärkten wie Rewe, Bringmeister oder Amazon Fresh. Sieben Prozent nutzen Express-Lieferdienste wie Gorillas oder Flink.

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