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Das Gebäude der Urania in Berlin. Foto: Urania
© Urania

Urania-Direktor Weigand im Interview „Ein neuer Raum für Stadtgesellschaft“

Ulrich Weigand will Berlin mit Zukunftsdebatten verändern. Und verändert dafür die Urania. Ein Interview über den Umbau, neue Zielgruppen – und das Gärtnern.

Herr Weigand, wie stellen Sie sich eine ideale Diskussion in der Urania vor?
Ideal ist immer, wenn es Interaktion zwischen Publikum und dem Podium gibt. Und wenn die Bühne, auf der über ein spannendes Thema diskutiert wird, divers besetzt ist. Es ist nicht immer einfach, neue Menschen für Podien zu finden – aber im Nachwuchsbereich der Unis gibt es viele tolle Leute, die wir fördern und sichtbar machen wollen.

Wie ändern sich Debatten in der Pandemie und was haben Sie daraus gelernt?
Die Digitalisierung macht Debatten breiter. Es ist spannend, wenn Menschen bei Onlineformaten zwischendurch in Kleingruppen zusammenkommen und über einen Aspekt diskutieren. Sowieso kann mehr Publikum im digitalen Raum teilnehmen; unsere Livestreams sprechen gerade Studierende, aber auch Aktivisten für bestimmte Themen an. Da läuft dann parallel zur Live-Debatte eine Online-Debatte, die auch neue Perspektiven bringt.

Welche neuen Themen für Berlin haben Sie denn zuletzt entdeckt?
Ein großes Thema ist die Teilhabe, die wir durch neue Formate erschließen wollen – etwa durch eine Vielfaltsshow, in der wir Persönlichkeiten mit verschiedenen Hintergründen und Haltungen vorstellen und vernetzen. Oder die Talkreihe „Abends warm“ mit der Aktivistin Sookee und Gästen aus zwei Generationen. Ein nach wie vor starkes Thema bleibt Umwelt und Klima – da hat das Echo auf unsere Veranstaltungen in der Corona-Krise sogar zugenommen.

Das Fernsehen ist voll von Talkshows, in den sozialen Netzwerken toben zahllose Debatten. Braucht es da öffentliche Debattenräume, zu denen man hingehen muss und die nicht zu einem nach Hause kommen?
Gerade angesichts der teilweise hysterischen Debattenkultur im Internet braucht es Räume der Glaubwürdigkeit. Ich erlebe gerade viele junge Menschen, die sehr gut vernetzt sind, aber fragen: Wer ist mein Gegenüber? Was sind die Quellen für seine Argumente? Die Urania, die zu vielen Fragen immer die Wissenschaft befragt, kann hier auch Verschwörungstheorien entlarven. Genau das fehlt ja oft in Internetforen oder Fernsehtalks: eine fachliche Einordnung. In der Corona-Pandemie sehen wir schon einen Trend hin zur Auseinandersetzung mit Medizinerinnen und Virologen. Das würde ich mir auch in Feldern wie Demokratie, Klima, Umwelt mehr wünschen. Dafür kann die Urania einen Raum bieten – als politisch neutraler Ort.

Die Urania soll nun mit Hilfe von 42 Millionen Euro vom Bund zum Bürgerzentrum umgebaut werden. Warum eigentlich?
Wir wollen bürgerschaftliches Engagement nicht nur diskutieren, sondern es fördern. Wir möchten ein Diskursraum für Berlin sein, in dem über Stadtentwicklung nachgedacht wird. Hier sollen Beteiligungsprozesse für Bürgerinnen und Bürger stattfinden, etwa für Bauprojekte. Die Glaubwürdigkeit solcher Werkstätten steigt an einem neutralen Ort. Die Urania soll zur Stimme der Bürgergesellschaft werden und Stimmungsbilder zeigen, die für Politik und Wirtschaft wichtig sind.

Urania-Direktor Ulrich Weigand. Foto: Hanna Becker Vergrößern
Urania-Direktor Ulrich Weigand. © Hanna Becker

[Ulrich Weigand, 46, ist seit drei Jahren Direktor der Urania. Der Kommunikationswissenschaftler will das traditionsreiche Debattenzentrum in der City West modernisieren. Um- und Ausbau der Urania will der Bund mit 42 Millionen Euro fördern, Berlin soll die gleiche Summe dazugeben. Der Tagesspiegel veranstaltet seit 2010 mit der Architektenkammer in der Urania die Debattenreihe „Stadt im Gespräch – Berlin im Wandel“.]

Seit Jahren gibt es mit „Stadt im Gespräch“ eine Urania-Reihe gemeinsam mit dem Tagesspiegel zur Entwicklung der Metropole Berlin. Was wollen Sie darüber hinaus dazu beitragen, dass Berlin eine Stadt für die Bürgerinnen und Bürger wird?
Wir möchten neue Gruppen der Gesellschaft in den Diskurs holen. Wir sehen schon, dass sich mehr Menschen mit Migrationshintergrund oder aus der queeren Community beteiligen. Wir wollen, auch gemeinsam mit dem Tagesspiegel, eine Plattform für städtische Entwicklung werden und Menschen eine Stimme geben, die bisher selten gehört werden.

Wie erschließen Sie neue Zielgruppen?
Durch Themenvielfalt und auch durch niedrigschwellige Angebote wie durch gemeinsames Gärtnern. Wir haben seit zwei Sommern ein Gartenprojekt mit Prinzessinnengärten an der Urania, zu dem die Nachbarschaft eingeladen ist. Menschen aus dem Kiez kommen vorbei, um Zwiebeln, Tomaten, Kürbisse zu ernten: Rentner, Freiberuflerinnen von nebenan, Kinder von Geflüchteten aus dem benachbarten Wohnheim. So bringen wir Menschen zusammen; dazu gibt es Garten-Workshops zu sozialen Themen.

Wollen Sie etwa die Urania begrünen?
Wir möchten auf jeden Fall auch den Mittelstreifen der großen Straße An der Urania zum städtischen Erlebnisraum machen. Gemeinsam mit Bezirk und Umweltverwaltung möchten wir eine Grüne Meile einrichten, Gärten und Erholungsplätze anlegen, Naturkreisläufe zeigen.

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Zwischen zwei Schnellstraßen wird das sicher nicht einfach.
Begegnung kann überall in der Stadt stattfinden. Weite Teile des Grünstreifens sind verwildert, müssen sichtbar gemacht werden. So können wir im Miniaturformat zeigen, dass Freiflächen vielfältig nutzbar sind für Bürgerinnen und Bürger. Was den Straßenraum vor der Urania betrifft, kann ich mir in den Sommerferien sogar eine temporäre Sperrung vorstellen. Damit Stadtraum neu erschlossen wird – niedrigschwellig und im Dialog mit den Menschen, die hier wohnen und arbeiten.

Und das Gebäude wollen Sie bestimmt auch noch umgestalten, oder?
Auf jeden Fall streben wir einen Architekturwettbewerb für eine erweiterte Urania an. Die markante Front, die für viele auch ein wenig abweisend wirkt, wird sich sicher verändern. Die Erdgeschosszone wollen wir viel offener gestalten, mit nachhaltigen Baustoffen wie Holz und einem einladenden Café am Eingang.

Die Urania ist schon mehr als 130 Jahre alt. Wie lässt sich eine solche traditionsreiche Institution in eine neue Zeit führen – und auf welche Widerstände stößt man da?
Zuerst war mir nicht klar, wie wichtig die öffentliche Förderung einer Neuaufstellung ist. In der Vergangenheit hat die Urania immer unabhängig ohne jeden Zuschuss gewirtschaftet. Aber wenn man offen sein möchte für Impulse aus anderen Regionen, wenn man niedrigschwellige Angebote für sozial schwächere Gruppen machen will, braucht man Hilfen, etwa von Stiftungen und der öffentlichen Hand. Deshalb freuen wir uns über die Unterstützung der Bundespolitik für das Gebäude – denn wir brauchen Räume, um die Gesellschaft zusammenzuhalten.

Gibt es davon nicht genug?
Nicht genug, die für alle offen sind. Die Urania will nach dem Vorbild Alexander von Humboldts die Wissenschaft demokratisieren. So möchten wir etwa einen Raum für Journalistinnen und Journalisten schaffen, in dem sie arbeiten können. Und auch Stipendiaten einladen nach dem Vorbild der American Academy.

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Für diese Pläne soll allerdings Berlin noch einmal die gleiche Fördersumme lockermachen. Ist das nicht etwas vermessen?
Wir haben die historisch einmalige Chance, einen großen innerstädtischen Kulturort für die Öffentlichkeit zu sichern und auszubauen. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller unterstützt das Projekt und hat das dem Bund zugesagt, nun arbeiten wir intensiv mit der Landespolitik an der Umsetzung. Natürlich ist es nicht einfach in einer Stadt, in der viele Projekte auf Förderung warten, wenn die Urania einen Anspruch formuliert, die bisher keine Förderung bekam. Aber wir wollen Teilhabe ermöglichen, der Stadtgesellschaft sozialen und kulturellen Raum geben. Und das kostet.

Sie wollen also in Zukunft mehr sein als die Talkshow der Stadt.
Wir wollen Berlin verändern, mehr Menschen einladen, über die Zukunft der Stadt nachzudenken. Dafür planen wir einen neuen Ausstellungsbereich auch mit der Aufarbeitung der Geschichte unseres Standortes als jüdisches Logenhaus und als NS-Reichsfilmkammer. Ich wünsche mir die Urania als offenes Haus 24 Stunden lang. Das wollen wir in fünf Jahren eröffnen. Ein Teil des Gebäudes soll nach Möglichkeit jederzeit zugänglich sein für die Berlinerinnen und Berliner. Auch für Menschen, die lebenslang lernen wollen.

Herr Weigand, wie würde für Sie die ideale Stadt aussehen in zehn Jahren?
Ich wünsche mir ein durchmischtes Berlin. Die Vielfalt geht in vielen Kiezen verloren. Auch rund um die Urania in Charlottenburg und Schöneberg sehen wir, dass Tourismus und Gentrifizierung die Stadtmitte in Beschlag nehmen. Öffentliche Räume sind sehr kommerzialisiert. Dem wollen wir einen Ort des Wissens und der Begegnung entgegensetzen. Es gibt wenige freie Flächen wie den Gleisdreieckpark, wo man noch sieht, was Berlin ausmacht: eine vielfältige Bevölkerung.

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