Warteschlange bei "Konnopke's" am Bahnhof Eberswalder Straße. Foto: Jens Mühling
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Unterwegs in Berlins Ortsteilen Prenzlauer Berg: Wo Schwaben traurig grinsen

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96 Ortsteile hat die Stadt. Unser Kolumnist bereist sie alle – von A wie Adlershof bis Z wie Zehlendorf. Mühling kommt rum, Teil 69: Prenzlauer Berg.

Nachmittägliche Betrachtungen eines Biertrinkers auf einer Parkbank am Helmholtzplatz:

„Eins rat ich dir, Junge. Mach einen Bogen um die Tischtennisplatte. Da hängen die Säufer rum. Jede Woche rückt die Polizei an, weil da wieder was los ist. Komm denen nicht zu nahe. Solange die dich kennen, bist du auf der sicheren Seite, aber Fremde ... Fremde mögen die nicht.

Prost. Mir reicht mein Bier. Schnaps fass ich keinen mehr an, schon lange nicht. Hab ja gesehen, was aus meiner Ollen geworden ist.

Seit ’98 wohn ich in Prenzlauer Berg. Davor Mitte, davor Neukölln, davor Neuruppin. Die Wohnung hier hat mir das Amt angeboten. Zwei Zimmer. Hab ich sofort genommen. War besser als die 27 Quadratmeter, wo wir vorher zu zweit gehockt haben, die Olle und ich. Der Preis geht. Neben mir, der Japaner, der hat die gleiche Wohnung, genauso groß, aber der zahlt das Doppelte. Weil er später eingezogen ist. Muss man sich mal vorstellen: die gleiche Wohnung – und zahlt das Doppelte. Und wenn jetzt wieder einer neu einzieht, muss der das Doppelte von dem Japaner zahlen. Zieht aber keiner mehr ein. Weil keiner mehr auszieht. Klammern sich alle an ihre Wohnungen. Selbst der Japaner sagt schon, dass man nirgends mehr hinziehen kann. Dabei ist der nicht arm.

Von den Leuten her kann man’s hier aushalten. Viele Zugezogene natürlich. Aus dem Schwabenland vor allem. Du lachst, Junge, aber das ist Fakt. Schwaben gibt’s hier mehr als Türken. Tun aber keinem was. Reden bloß komisch.

Die Ossis sind alle weg

Die Säufer saufen, aber Drogen nehmen die nicht. Ist nicht wie Hermannplatz hier. Früher gab’s mal Dealer, aber da hat die Polizei mit aufgeräumt.

Seit das bei mir mit dem Arbeiten vorbei ist, sitz ich hier und denk mir meinen Teil. Hat sich schon verändert, die Gegend. Wie ich hierherkam, gab’s noch jede Menge Ossis. Die sind alle weg. Keine Ahnung, wohin. Nur die Säufer, die gehen nicht weg. Die hängen an ihrem Helmholtzplatz.

Die neuen Leute im Kiez versteh ich manchmal nicht. Hast du die Klamotten in den Läden gesehen? Sehen aus wie von der Kleidersammlung, kosten aber wie neu. Wo ist da der Witz? Hier gibt’s Leute, die laufen rum wie ich, aber sie zahlen ein Heidengeld dafür. Muss ich das verstehen?

Und was die für ein Getue mit ihren Kindern machen. Heiti hier, heiti da. Wie sollen die Piepels denn mal klarkommen, wenn’s irgendwann kein Heiti mehr gibt?

Nicht mal 43 ist meine Olle geworden. Ich hab sie noch gewarnt. Wenn du so weitermachst, hab ich gesagt, erlebst du Weihnachten nicht und deinen Geburtstag nicht. Wollte nicht auf mich hören. Wer nicht hören will, muss fühlen. Acht Monate ging das so. Am Ende war’s gar kein Schock mehr. Hatte mich längst damit abgefunden. War ja klar, dass sie krepiert.

Manchmal frag ich mich, ob die Leute hier glücklich sind. Die strahlen alle so, als hätten sie was zu verstecken. Grinsen sich selbst was vor. Vielleicht irr ich mich auch, keine Ahnung. Ist nur so ein Gefühl.

Ich werd mal losziehen. Muss noch Bier holen. Um vier ist Fußball.“

Fläche: 11,0 km² (Platz 25 von 96)
Einwohner: 16 0127 (Platz 2 von 96)
Durchschnittsalter: 38,0 (ganz Berlin: 42,7)
Lokalpromis: Käthe Kollwitz (Bildhauerin), Max u. Charlotte Konnopke (Wurstverkäufer)
Gefühlte Mitte: Kollwitzplatz
Alle Folgen: tagesspiegel.de/96malberlin

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