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Russische Saunagänger machen sich lustig: "Die Deutschen sitzen in der Banja wie in der Kirche." Foto: Jens Mühling
© Jens Mühling

Unterwegs in Berlins Ortsteilen Marzahn: Wo der Schweiß in Strömen fließt

96 Ortsteile hat die Stadt. Unser Kolumnist bereist sie alle – von A wie Adlershof bis Z wie Zehlendorf. Mühling kommt rum, Teil 57: Marzahn.

Ganz im Nordosten von Berlin, wo die Stadt fast zu Ende ist, versteckt sich zwischen den ortsteiltypischen Plattenbautürmen ein kleines russisches Dampfbad namens „Teremok“. Der altmodische Name bedeutet auf Deutsch so etwas wie „gute Stube“, und tatsächlich ist das „Teremok“ eine Art gute Stube des russischsprachigen Marzahns. Wer den Ortsteil, der wie kaum ein anderer in Berlin von Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion geprägt ist, hautnah erleben will, muss hier schwitzen.

Im „Teremok“ gibt es zwei Dampfräume. An der Tür des einen steht „85°-95°“, an der Tür des anderen „110°“. Ich setzte mich zum Einstieg in den nicht ganz so heißen Raum. Ein älterer Herr war dort gerade dabei, seinen Enkelsohn mit Birkenzweigen auszupeitschen, wie es Russen beim Saunieren gerne tun, um die Durchblutung anzuregen. Der kleine Junge gab keinen Mucks von sich, er ließ die Birkenhiebe tapfer über sich ergehen. „Seit er drei ist, geht er in die Banja!“, rief sein Großvater stolz auf Russisch in die Runde.

Deutsche verhauen sich nicht mit Birkenzweigen

Der Großvater war so sehr in Fahrt, dass er immer wieder begeistert Wasser auf den Ofen nachkippte, weshalb es in der nicht ganz so heißen Sauna irgendwann doch ziemlich heiß wurde. Als das Wandthermometer 110 Grad anzeigte, machte sich der einzige Deutsche bemerkbar, der außer mir auf den Holzplanken saß. Scherzhaft wies er darauf hin, dass die Lufttemperatur nicht der Temperatur auf dem Türschild entspreche: „Das geht so nicht, wir sind hier in Deutschland!“ Einer der anderen Gäste drehte sich grinsend in seine Richtung: „Aber wir sind in einer rrrussischen Banja“, erwiderte er mit erkennbarem Akzent. „Tolerrranz, bitte!“

Es entspann sich ein Gespräch über die Unterschiede zwischen russischen und deutschen Saunagängern. Die offensichtlichsten waren schnell abgehakt: Deutsche verhauen sich nicht mit Birkenzweigen, bei den Russen schwitzen Männer und Frauen getrennt, an unterschiedlichen Tagen. Das alles aber hielten die Russen im „Teremok“ für nebensächlich – der wichtigste Grund, aus dem sie deutsche Saunen mieden, war ein ganz

anderer: „Kaum sagst du da ein Wort, zischen dich alle an – pssssssst! Die Deutschen sitzen in der Banja wie in der Kirche.“

Er war Mitte 40 – ich hielt ihn für 60

Draußen, im Ausruhbereich, zeigte ein Fernseher eine russische Komödie. Beleibte Herren in Bademänteln saßen in Polstersesseln vor einer Fototapete mit Birkenwaldmotiv. Ich  kam mit einem Mann namens Igor ins Gespräch, der mir wiederholt versicherte, dass man niemals krank werde, wenn man nur regelmäßig in die Banja gehe. Ich glaubte ihm, bis er in einem Nebensatz erwähnte, dass er Mitte 40 war – ich hatte ihn für um die 60 gehalten. Vielleicht, dachte ich insgeheim, ist das mit der Banja doch nicht so gesund?

Trotzdem willigte ich ein, als Igor anbot, mich mit Birkenzweigen zu vermöbeln. Er langte so kräftig zu, dass mir fast die Luft wegblieb. Als ich später an den nächtlichen Marzahner Plattenbauten vorbei zurück zum S-Bahnhof Ahrensfelde lief, fühlte ich mich auf eine schmerzhafte Art tatsächlich sehr gesund.

Es gibt einen alten sowjetischen Film, in dem sich vier Freunde in einer Moskauer Banja betrinken. Einer von ihnen landet danach versehentlich in einem Flugzeug nach Leningrad. Dort angekommen torkelt er in ein Taxi und lallt dem Fahrer, weil er sich immer noch in Moskau wähnt, seine dortige Adresse ins Ohr. Wie es der planwirtschaftliche Zufall will, gibt es in Leningrad eine Straße gleichen Namens, mit einem Plattenbau, der aufs Haar dem Haus des Moskauers gleicht – selbst sein Türschlüssel passt. In der Wohnung, die er damit öffnet, lässt er sich in ein Bett fallen, das er für das seine hält, und er wacht erst wieder auf, als ihn die tatsächliche Mieterin aus dem Schlaf rüttelt. Was folgt, ist eine tragikomische Plattenbauromanze.

Der Film heißt „Ironie des Schicksals“. Er könnte genau so gut in Marzahn spielen.

Fläche: 19,5 km² (Platz 9 von 96)
Einwohner: 10 9543 (Platz 7 von 96)
Durchschnittsalter: 43,8 (ganz Berlin: 42,7
Lokalpromis: Heinz Graffunder (Architekt), Ilka Bessin (Cindy aus Marzahn)
Gefühlte Mitte: Dorfkirche
Alle Folgen: tagesspiegel.de/96malberlin

Diese Kolumne erschien am 21. April 2018 im Tagesspiegel-Samstagsmagazin Mehr Berlin.

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