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"Ich habe Gestaltungswillen." Gabriele Sawitzki in ihrer Werkstatt in Rixdorf. Zum Handwerk kam die studierte Lebensmitteltechnikerin über Umwege. Fotos: Kitty Kleist-Heinrich
© Fotos: Kitty Kleist-Heinrich

Unternehmensübergabe Den Hammer loslassen können

Nach 40 Jahren will die Metallbauerin Gabriele Sawitzki aufhören. Wer folgt ihr nach? Die Frage wird zur Herausforderung.

Wenn Gabriele Sawitzki von Türen spricht, dann klingt es fast liebevoll. Die 64-Jährige arbeitet als Metallbauerin und -gestalterin. Sie fertigt Dinge aus Metall: Kleinteile wie Kerzenleuchter und Grabkreuze, aber auch Möbel, Geländer, Fenster. Und eben Türen.

Auf dem Tablet zeigt sie Bilder vergangener Projekte. Oft sind es Restaurationsarbeiten in alten Gründerzeithäusern und Fabrikhallen, manchmal auch Neuanfertigungen, wie Stahl-Glas-Wände oder Brandschutztüren.

Zum Handwerk kam die studierte Lebensmitteltechnikerin über Umwege. Fast 40 Jahre ist das her. Sawitzki steht in ihrer Werkstatt in Rixdorf, die Hände schwarz verschmiert, die Arbeitshose mit Stoffresten geflickt. Um sie herum Funkenflug und lärmende Maschinen, die Wände sind dicht behängt mit Werkzeug und Material.

Die Frage, wer den Betrieb übernimmt, wird ausgeblendet

Metallschmieden wie ihre gibt es nur noch wenige in Berlin. Viele hätten aufgehört, sagt Sawitzki. Der häufigste Grund: Fehlende Nachfolger. Früher hat sie sich das Gelände mit einem anderen Handwerker geteilt.

Vor einigen Jahren sei er völlig überraschend gestorben. Ohne Vorbereitung, ohne Nachfolger. Durch den Tod ihres Kollegen wurde ihr bewusst, dass auch sie sich bis zu diesem Zeitpunkt nie Gedanken über die eigene Zukunft gemacht hatte.

Vier Mitarbeiter beschäftigt Sawitzki in ihrer Werkstatt. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Vier Mitarbeiter beschäftigt Sawitzki in ihrer Werkstatt. © Kitty Kleist-Heinrich

Viele Unternehmer merkten mit 80 plötzlich, dass ihnen der Rücken wehtut und sie niemanden haben, der ihre Arbeit weiterführt, sagt Birgit Felden. Sie leitet den Studiengang Unternehmensgründung und -nachfolge an der HWR Berlin und berät seit mehr als 25 Jahren Unternehmer bei der Übergabe ihres Betriebes.

Als sie anfing, war die Nachfolge-Frage ein Tabu-Thema. Das habe sich zum Glück geändert. Grund ist eine neue Unternehmer-Generation, die es anders machen will als die Eltern. Es gibt mehr Möglichkeiten, Freiräume. Der Job ist nicht mehr alles.

Ein strategischer Prozess, der Zeit braucht

Dass sich Unternehmer heute früher Gedanken um ihre Nachfolge machen, liegt auch an den steigenden Beratungsangeboten von IHK und Handwerkskammern. Sie wollen Unternehmer sensibilisieren, sich frühzeitig mit dem Thema vertraut zu machen. Dafür bieten sie Coachings und Seminare, beraten bei rechtlichen, personellen und finanziellen Fragen, informieren über bürokratische Hürden.

„Nachfolge macht man nicht mal so nebenbei“, sagt Jana Pintz von der IHK Berlin. Man müsse den Prozess strategisch angehen: Rund fünf Jahre vor der Übergabe sollte damit begonnen werden.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) empfiehlt Unternehmern sogar, sich bereits zehn Jahre vorher verstärkt darum zu kümmern, ihren Betrieb zukunftsfit zu machen. Wenn Gewinne in der Bilanz jahrelang steueroptimiert ausgewiesen werden, könne sich das entsprechend negativ auf den Unternehmenswert auswirken, erklärt Pintz.

Solche Entscheidungen müssten daher langfristig getroffen werden. Auch die Absicherung der Altersversorgung sollten Unternehmer bedenken: Wirft der Verkauf des Unternehmens genug Geld für den Ruhestand ab? Ist die Finanzierung gesichert? Der größte Fehler, sagt Pintz, seien ausbleibende Investitionen in den letzten Jahren vor der Übergabe.

Die Suche nach dem passenden Nachfolger

Rund drei Jahre vorher, rät die DIHK, sollten Unternehmer dann mit der konkreten Nachfolgersuche beginnen. Seit 2006 gibt es die „nexxt-Börse“, eine Online-Plattform, die auf Initiative von Bundeswirtschaftsministerium, DIHK, dem Zentralverband des deutschen Handwerks und mehrerer Banke entstand.

Auf der Seite können sich Unternehmer mit interessierten Nachfolgern vernetzen. Parship für Unternehmen, wie Beraterin Felden es ausdrückt. Mehr als 16 000 Unternehmen wurden bundesweit schon vermittelt.

Zahlen für Berlin gibt es nicht, doch aktuell sind in der Stadt mehr als 190 Angebote und 190 Gesuche gelistet. Vom Schönheitssalon, übers Autohaus bis zum „prominenten Irish Pub in exponierter Lage“ ist alles dabei.

Die Schmiede von Sawitzki wird man dort nicht finden. Sie will ihren Nachfolger lieber analog kennenlernen. Der Kandidat müsse ja auch mit ihren Angestellten klarkommen, sagt sie. Derzeit beschäftigt sie vier Personen in ihrer Werkstatt.

Ihr jüngster Mitarbeiter, Erkan, ist Mitte 20 und gerade im 3. Lehrjahr zum Metallgestalter. Ob er den Betrieb übernimmt? Oder einer der vorherigen Azubis? Sawitzki rollt mit den Augen.

Schön wäre es schon, sagt sie. „Aber ich habe noch nichts gehört.“ Sie kennt befreundete Handwerker, die dachten, sie hätten im Azubi den „Kronprinzen“ gefunden. Und dann nichts.

Die Angst vor dem Aufhören

Im September 2019 hat sie daher einen Informationsabend der Handwerkskammer besucht, um sich mit dem Thema vertraut zu machen. Es gehe ja nicht nur um Zahlen, Werkzeuge und Maschinen, sagt Sawitzki. „Ich bin der Betrieb.“ Übergabe bedeutet auch Loslassen. Zulassen, dass der Nachfolger gewisse Dinge anders macht.

Sie fertigen Kleinteile aus Metall wie Kerzenleuchter, Grabkreuze und Kunstobjekte. Daneben entstehen hier auch Möbel sowie große Tür- und Fensterkonstruktionen. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Sie fertigen Kleinteile aus Metall wie Kerzenleuchter, Grabkreuze und Kunstobjekte. Daneben entstehen hier auch Möbel sowie große Tür- und Fensterkonstruktionen. © Kitty Kleist-Heinrich

Die 64-Jährige versucht, den Prozess schrittweise zu gestalten. Sie will ihrem Nachfolger Zeit geben, in die Rolle reinzuwachsen. Und sie übt für die Zeit danach. Versucht, sich ab und an mal zurückzuziehen. Denn man könne nicht so einfach auf Urlaub umschalten.

Das Aufhören sei mit vielen Ängsten verbunden, sagt Beraterin Felden. Nicht nur beim Unternehmer, für den der Betrieb oft wie ein Baby sei. Die Unsicherheit um den Fortbestand des Betriebes trifft auch Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten.

Wer will in einem Unternehmen arbeiten, das von heute auf morgen dichtmachen könnte? Wer beauftragt einen Handwerker, der vielleicht morgen schon zusperren muss?

Genaue Zahlen gibt es nicht

Wie viele Unternehmen von der Nachfolgeproblematik betroffen sind, lässt sich schwer sagen. Statistisch valide Zahlen gibt es nicht. Die Transaktionen werden nicht gemeinsam ausgewiesen: Einer kauft, der andere verkauft. Auch bei der Liquidation von Unternehmen wird selten ein Grund angegeben.

Laut einer Studie der KfW-Förderbank waren im Jahr 2018 44 Prozent aller Unternehmer älter als 55 Jahre. 2002 lag diese Zahl bei 20 Prozent. Das Institut für Mittelstandsforschung hat errechnet, dass in den Jahren 2018 bis 2022 allein in Berlin 6200 Unternehmen zur Übergabe anstehen. Die Frage nach geeigneten Nachfolgern sei schon immer ein Thema gewesen, sagt Felden. Aber: „Die Nachfolger fehlen. Das ist neu.“

Kammern und Förderbanken in Berlin beschäftigen sich schon lange mit dem Thema. Seit 2000 findet jedes Jahr der „nexxt day“ statt, bundesweit das erste Angebot dieser Art. Dahinter stehen die Berliner Verbände von IHK und HWK sowie mehrere örtliche Banken.

Am 30. März 2020 gibt es die Veranstaltung zum 20. Mal. Ziel ist es, Unternehmer für das Thema Nachfolge zu sensibilisieren und sie mit potenziellen Interessenten zusammenzubringen.

Herausforderungen bei der Übergabe

Haben sich zwei gefunden, dann ist die größte Hürde meist die Kaufpreisverhandlung: Fast die Hälfte der Inhaber hat laut DIHK überhöhte Forderungen. Diese Erfahrung hat auch Siegfried Kmieciak gemacht.

Er hat sich vor sechs Jahren im metallverarbeitenden Gewerbe selbstständig gemacht und seitdem mehrere Betriebe übernommen. Das Problem: „Die Leute verkaufen ihr Lebenswerk und haben daher Preisvorstellungen fernab der Realität“, sagt der Unternehmer. Viele wollten aus dem Verkauf ihre Pension sichern und seien dann tief gefallen.

Das will Sawitzki vermeiden und vorbereitet sein. Da ihr die Werkstatt nicht gehört, muss sie sich um die Absicherung der Mietverhältnisse kümmern. Zudem überlegt sie, ihren Betrieb von einer Einzelgesellschaft in eine GmbH umzuwandeln. Diese Rechtsform macht es leichter, den Betrieb schrittweise zu übergeben.

Sawitzki will, dass der Betrieb weiterlebt

Um ihrem potenziellen Nachfolger den Einstieg zu erleichtern, versucht sie, ein „Gerüst“ aufzubauen: Zuständigkeiten klären, Kunden- und Lieferantenregister anlegen, ein Qualitäts-Management-System aufbauen.

Ihr jüngster Mitarbeiter, Erkan, macht gerade seine Ausbildung zum Metallgestalter. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Ihr jüngster Mitarbeiter, Erkan, macht gerade seine Ausbildung zum Metallgestalter. © Kitty Kleist-Heinrich

Ihr Werkstatt-Partner hatte alles im Kopf, die Unterlagen auf einem großen Haufen im Büro gestapelt. Mit seinem Tod verschwand all das Wissen, das er im Laufe seines Berufslebens gesammelt hatte. „Ich will, dass der Betrieb weiterlebt, wenn ich aufhöre“, sagt Sawitzki.

Daher sei es ihr wichtig, ihre Mitarbeiter in den Prozess einzubinden. Sie sollen wissen, dass ihre Chefin über die Zukunft nachdenkt. Neulich habe sie im Radio ein Lied über Langeweile gehört. Ihr erster Gedanke: „Langeweile, das hatte ich schon lange nicht mehr.“

Sie hofft weiter, sucht weiter. Bis sie jemanden gefunden hat, der ihren Beruf genauso liebt.

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