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Das Bettenhaus der Charité in Berlin-Mitte. Neben dem Gebäude wünscht sich der Klinikvorstand ein zweites Hochhaus. Foto: imago images / Reiner Zensen
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Update Universitätsklinik will Berlins Stadtbild prägen Charité plant zweites Bettenhochhaus in Mitte

Der Charité-Vorstand will Berlin für 6,6 Milliarden Euro zum Zentrum der Medizinforschung machen. Stellen Land und Bund so viel Geld bereit?

Selbst für Europas größte Universitätsklinik sind die Pläne ziemlich umfassend. Vielleicht hat Charité-Chef Heyo Kroemer sie deshalb gemeinsam mit Senatschef Michael Müller (SPD) vorgestellt. Und so sparte Kroemer am Montag nicht mit Ideen: modernere Klinikbauten, mehr Spezialzentren, klarere Forschungsprofile für jeden der drei Campusse. Solle Berlin internationale Medizinmetropole werden, müsse man jetzt „Gesundheit neu denken“ – das alles könne, was zu diskutieren wäre, bis zum Jahr 2050 circa 6,6 Milliarden Euro kosten.

Die Charité-Planer wollen nicht nur Patientendaten und Behandlungsabläufe wenn möglich digitalisieren. Sie wollen mit dem Segen von Landeschef Müller auch das Stadtbild deutlicher prägen. So könnten die vielversprechenden Neurowissenschaften in einem „Health Tower“ konzentriert werden, der praktischerweise neben den existenten Bettenturm an der Luisenstraße passe.

Die Idee der „Twin Towers“ finde er charmant, sagte Kroemer, vor allem sinnvoll: In den alten Backsteinbauten, deren Dunkelrot den Campus heute prägen, lasse sich zeitgemäße Krankenbehandlung kaum machen. Die Stammhäuser sind zu eng, technikintensiver Klinikalltag braucht andere Räume. In die Altbauten könnte der bislang in der Stadt verteilte Charité-Verwaltungsapparat einziehen.

Campus Mitte: Auf diesem Areal war einst ein Acker vor den Toren Berlins. König Friedrich I. ließ hier 1710 ein Pesthaus errichten, das Charité-Stammgelände entstand. Das Stadtbild prägen dürfte das geplante Hochhaus (1). Schon heute ist der vorhandene Bettenturm ein Wahrzeichen Berlins. Zwei weitere Neubauten (2 und 3) sind geplant. - Partner: Humboldt-Universität Tagesspiegel/Bartel, Quelle: Charité Vergrößern
Campus Mitte: Auf diesem Areal war einst ein Acker vor den Toren Berlins. König Friedrich I. ließ hier 1710 ein Pesthaus errichten, das Charité-Stammgelände entstand. Das Stadtbild prägen dürfte das geplante Hochhaus (1). Schon heute ist der vorhandene Bettenturm ein Wahrzeichen Berlins. Zwei weitere Neubauten (2 und 3) sind geplant. - Partner: Humboldt-Universität © Tagesspiegel/Bartel, Quelle: Charité

Neues soll auch auf dem Campus „Benjamin Franklin“ in Steglitz entstehen, Schwerpunkt wäre dort die Forschung zur Prävention. Am Virchow-Klinikum in Wedding wiederum steht schon fest, dass ein Herz- und ein Tumorzentrum errichtet werden. Für das Charité-Herzzentrum hatten Senat und Bund fast 400 Millionen Euro zugesagt.

Sonst allerdings wird Kroemer viel mit Bundes- und Landespolitikern verhandeln müssen, zumal Müller – der auch Berlins Wissenschaftssenator ist – ab Herbst 2021 nicht mehr der Landesregierung angehört. Ob die öffentlichen Geldgeber die enormen Summen in den nächsten 30 Jahren bereitstellen, steht nicht fest. Kliniken, die wie die Charité gesetzlich Versicherte versorgen, haben Anspruch auf Staatsgelder für Bau und Technik. Personal und Arzneien müssen von den Honoraren der Krankenkassen bezahlt werden. Die Charité erhält zudem Forschungszuschüsse.

Virchow-Klinikum: Auf dem Campus in Wedding planen Senat und Charité-Spitze die gravierendsten Modernisierungen – insgesamt sollen 3,5 Milliarden Euro investiert werden. Neben dem neuen Herzzentrum (1) soll das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (2) und eine Zentralapotheke (3) entstehen. - Partner: Technische Universität Tagesspiegel/Bartel, Quelle: Charité Vergrößern
Virchow-Klinikum: Auf dem Campus in Wedding planen Senat und Charité-Spitze die gravierendsten Modernisierungen – insgesamt sollen 3,5 Milliarden Euro investiert werden. Neben dem neuen Herzzentrum (1) soll das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (2) und eine Zentralapotheke (3) entstehen. - Partner: Technische Universität © Tagesspiegel/Bartel, Quelle: Charité

Die Charité stehe für die Wissenschaftsstadt, sagte Müller, sie „verlässlich und berechenbar“ zu fördern, sollte Anspruch der Politik sein. Er hatte 2018 eine Kommissionen einsetzen lassen, die Berlins Weg zur Medizinmetropole skizzieren sollte. Dem Gremium gehörte neben SPD-Bundespolitiker Karl Lauterbach auch der damalige Göttinger Hochschulmediziner Kroemer an.

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„Unser Strategiekonzept enthält wünschenswerte Inhalte“, sagte Kroemer. „Nun muss ein Diskussionsprozess starten, was davon wie umgesetzt werden kann.“ Berlin dürfte in den nächsten Jahren wachsen, die Charité-Betten sind schon heute zu 90 Prozent ausgelastet. Kroemer möchte sein Großkrankenhaus auf steigende Patientenzahlen vorbereiten, dabei „medizinische Bedarfe“ abdecken, die heute noch nicht im Fokus stehen. „Die Pandemie hat gezeigt, dass eine Organisation in der Lage sein muss, mit gänzlich unerwarteten Anforderungen schnell und agil umzugehen und dabei zugleich den Blick nach vorn nicht verlieren darf“, sagte Kroemer.

Der Pharmakologe übernahm den Charité-Chefposten 2019, auch um die Müllersche Idee der „Gesundheitsstadt 2030“ umzusetzen. Kernaufgabe bleibt dabei, enger mit den Vivantes-Kliniken zu kooperieren. Der ebenfalls landeseigene Konzern steht auch wegen der Corona-Krise unter größerem Druck.

Benjamin-Franklin: Bei seiner Eröffnung 1968 galt das Westberliner Krankenhaus als Modellklinik. Nach der Wende sollte das FU-Hochschulkrankenhaus geschlossen werden, 2003 rettete es die Fusion mit der Ostberliner Charité. Geplant sind ein neues Eingangsgebäude (1) und der Life Science Campus (2). - Partner: Freie Universität Tagesspiegel/Bartel, Quelle: Charité Vergrößern
Benjamin-Franklin: Bei seiner Eröffnung 1968 galt das Westberliner Krankenhaus als Modellklinik. Nach der Wende sollte das FU-Hochschulkrankenhaus geschlossen werden, 2003 rettete es die Fusion mit der Ostberliner Charité. Geplant sind ein neues Eingangsgebäude (1) und der Life Science Campus (2). - Partner: Freie Universität © Tagesspiegel/Bartel, Quelle: Charité

Erst am Wochenende hatte die Vivantes-Spitze erwogen, ihr größtes Haus vorübergehend vom Rettungssystem abzumelden: In der Neuköllner Vivantes-Klinik mit ihrer hochfrequentierten Notaufnahme fehlte Personal. Vielen Kliniken fehlen derzeit zudem die üblichen Einnahmen für planbare Operationen. Diese sollten verschoben werden, um für Covid-19-Fälle gewappnet zu sein. Sieben der fast 60 relevanten Krankenhäuser Berlins haben einzelne Stationen am Sonntag vorübergehend für neue Patienten gesperrt.

Berlins Caritas-Kliniken fordern angesichts der Krise einen neuen „Rettungsschirm“ für Krankenhäuser mit Coronavirus-Patienten. Sonst seien gerade Kliniken gemeinnütziger Träger „in ihrer Existenz“ gefährdet, da sie Verluste anders als die kommunalen Häuser nicht aus Steuermitteln ausgleichen könnten.

Die Caritas teilte mit: „Der Druck erhöht sich immer mehr, da das Pflegepersonal knapp ist und durch Erkrankungen und Quarantäne weiteres Personal wegbricht.“ Auch an der Charité fehlt Personal. Vorstandschef Kroemer hatte deshalb an die Beschäftigen appelliert, auch nach Feierabend vorsichtig zu sein. Die Infektionszahlen müssten sinken, sagte Kroemer, damit die Charité-Intensivstationen mit der Lage „wirklich fertig werden“ könnten.

Die Ausbau-Pläne lobte am Montag auch die Opposition: „Das Strategiepapier von Heyo Kroemer und seinem Team ist ein großer Wurf. Think Big ist die richtige Devise, wenn die Charité international weiter vorn mitspielen möchte. Als CDU-Fraktion begrüßen wir, dass nun ein Konzept für alle Berliner Standorte vorliegt“, sagte Wissenschaftsexperte Adrian Grasse. Sein FDP-Fachkollege Stefan Förster teilte mit: „Es ist zu begrüßen, dass die Charité nach der Pandemie in den Forschungs- und Wissenschaftsstandort Berlin investieren möchte.“

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